Die aktuelle Kritik

Christoph Bochdansky, COV Compagnie Off Verticality und Figurentheater Wilde & Vogel: „Der Reigen. Ein überaus schönes Lied vom Tod“

von Franziska Reif

Geschichten vom Knochenmann gibt es einige. Ganz ohne Materialschlacht fährt der „Reigen“ ordentlich auf und verschränkt eine Vielzahl darstellerischer und erzählerischer Mittel. Es ist ein Genuss, sich dem Mix aus Spiel, Tanz und Musik hinzugeben.

Der Harlekin ist kein angenehmer Zeitgenosse. Jedenfalls nicht die Figur, die, geführt von Christoph Bochdansky, auf die Bühne tritt. Boshaftes Lächeln und grelle Schminke betonen die dämonischen Züge des zipfelmützigen Possenreißers. Der Eindruck verstärkt sich, als der Harlekin mannshoch auf der Bühne steht, nun das böse Grinsen als Maske im Gesicht, und sich der Pierrot im wallenden weißen Gewand und mit Totenmaske zu ihm gesellt.

Es ist der siebente Versuch seit Herbst 2020, den „Reigen“ auf die Bühne zu bringen, und der erste, der tatsächlich eine Premiere vor Publikum bedeutet. Zugleich war er Auftakt für den ersten Showcase im Lindenfels Westflügel, der gerade seinen 15. Geburtstag im letzten Jahr mit Premieren, Musik und Rückblicken nachfeiert. Die Variationen auf den Totentanz sind – das liegt am Thema – nicht zwangsläufig leicht, aber keineswegs ohne Lacher. Dazu mischt sich die Faszination darüber, auf wie unterschiedliche Weise sich Tanz und Musik, Gesang und Figur, Objekt und Kostüm stimmig kombinieren lassen.

Der „Reigen“ erwacht in Dunkelheit. Unter der Decke zeigt sich mit langsam zunehmender Helligkeit und unter Vogelzwitschern und Percussion-Klängen eine Art Mobile, bestückt mit vier Figuren in der für Michael Vogels Werkstatt typischen Machart: Fragil und langgliedrig ragt eine Skeletthand ins Nichts, ein Totenkopf trägt schütteres langes Haar, ein beinfarbenes Pferd läuft unermüdlich geradeaus. Im Zwielicht wirft das Mobile des Unlebendigen riesige Schatten an die Wand, bildet ein Karussell aus der Anderwelt. Dies beantworten die drei Tänzer der Compagnie Off Verticality mit ritualhaften Posen und Bewegungen von Anbetung und Versenkung. Übergroße Körperteile aus Stoff fallen von der Decke, bemächtigen sich des Trios, führen dessen Bewegungen, bestimmen seinen Radius, machen die Tänzer zu Puppen. Die tanzen auch mit einer Marionette, einem Pferd, das gravitätisch durch die Luft schreitet, sich der Sonne entgegen reckt, scheut, angreift, galoppiert und schnaubend dem Trio entkommt.

Zum Kosmos aus Objekten und Figuren treten Miniaturen, die dem Spieler gut in der Hand liegen, und ein menschengroßes Skelett, dessen Kopf sich durch die auf der Bühne umherliegenden Körperteile kombiniert, bis er zu sphärisch wabernden Klängen in einen Tanz hineinfindet. Überhaupt scheint der Knochenmann eher ein Knochenkopf: Totenköpfe treten miteinander in Dialog, erkunden den Raum und der schon erwähnte Geselle mit spärlicher Frisur tanzt von der Decke herab ­– lachend, singend und wild zuckend.

Im „Reigen“ entstehen groteske Bilder, die eine in sich konsistente, damit jedoch nicht weniger absurde Abfolge von Ereignissen formen, die gleichermaßen verzaubert und belustigt, in der die Gegenstände ihre Figürlichkeit und Bestimmung wechseln und immer wieder die Spieler und Tänzer führen. Als nur noch der Kopf zappelt und lacht, kommt eine monströse Feder in engelshaftem Weiß zum Einsatz, um das Ende festzustellen, während Charlotte Vogel und Stefan Wenzel den Text vom Licht intonieren, das für diejenigen nicht mehr scheinen wird, die da ohne Atem auf der Bühne liegen.

Dies ist nur eine Geschichte vom Ende. Eine andere ist etwa die vom Bauern, der die Sichel verbog, als er sich selber köpfte – ein Arbeitsunfall. Das sind Geschichten von nüchternen Fakten und von der immer wieder neu entstehenden Fassungslosigkeit angesichts dessen, dass die Endlichkeit uns ja alle betrifft. Fassungslosigkeit und Trauer setzen sich in Tanz, Gesang und Spiel um, zitieren katholische Messe, Shakespeare oder Barockdichter. Noch eine Geschichte ist die vom Jenseits. Eigentlich dreht sie sich um mehrere Fragen: In welches Jenseits komme ich und wie gelange ich dorthin? Während Kai Chun Chuang die Brücke vom Gestern ins Morgen demonstriert, erweist sich eine Gurke als vielseitiges Requisit und als Mittel, dem Ernst der Sache die Schwere zu nehmen.

Das schafft freilich nicht nur die Gurke. Das Double der Harlekin-Handpuppe versprüht in fettleibig-lebenslustiger Menschengestalt derbe Begeisterung fürs Ende, wirbt dafür, den Galgen auszuprobieren. Wenzel und Wilde begleiten mit passendem Bänkelgesang, das Publikum scheint kurz davor, rhythmisch klatschend einzusteigen, um den Tod zu feiern. So ist es in guter Stimmung, wenn es nach diesem gewaltigen Reigen entlassen wird. Mancher summt dabei fröhlich die Worte: „Bedenke dein Ende“.

Premiere: 3. Juni 2021

In Koproduktion mit dem Westflügel Leipzig

Spiel, Ausstattung: Christoph Bochdansky, Michael Vogel

Choreographie: Rose Breuss

Tanz: Kai Chun Chuang (Taiwan), Damian Cortes Alberti (Argentinien), Marcela Lopez Morales (Argentinien)

Live-Musik: Protect Laika (Stefan Wenzel, Charlotte Wilde)

Fotos: Dana Ersing

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