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Reichsinstitut für Puppenspiel

1938 von nationalsozialistischen Organisationen (u.a. ‚Hitlerjugend’ und ‚Kraft durch Freude’) gegründetes Institut mit dem Ziel der zentralen Koordinierung, Steuerung und Förderung, aber auch der propagandistischen Instrumentalisierung des Laienpuppenspiels sowie der Berufspuppenbühnen während der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur in Deutschland. Die weitgesteckten Ziele des R.I.s umfassten vor allem die flächendeckende Ausstattung der NS-Jugendorganisationen mit normiertem, häufig politisch gefärbtem Spielmaterial (Spielstücke/Texte, die dazu passenden Handpuppenköpfe, dramaturgische Anweisungen), die Koordinierung der Auftritte von Berufspuppenbühnen, deren Begutachtung, die Durchführung von Lehrgängen und die Herstellung erster Puppenspielfilme. 1939 wurde in Berlin eine Vorbereitungsstelle des R.I.s eingerichtet. Die zunächst künstlerische und ab 1941 kommissarische Gesamtleitung übernahm Harro Siegel.
Die Wirren des 2.Weltkrieges verhinderten schon ab 1940 die Verwirklichung vieler Pläne des R.I.s, so auch den Bezug des eigentlichen Institutsgebäudes in Stuttgart. 
Realisiert wurden die Gestaltung und Produktion einer Serie von Handpuppenköpfen mit 24 verschiedenen Figurentypen („Katalog „Spiele und Köpfe für das Kaspertheater“ 1940), darunter neben traditionellen Puppen auch Figuren mit klar propagandistischer Ausrichtung, so u.a. die antisemitisch geprägte Figur eines ‚Juden’. Abgestimmt auf diesen Figurenkatalog erschienen beim RI Spieltexte verschiedener Autoren in den Reihen „Politische Puppenspiele“ und “Das Deutsche Puppenspiel“. Sogenannte ‚Dramaturgische Briefe’ gaben konkrete Empfehlungen für die Inszenierung. Verkauft wurde das Spielmaterial zwischen 1939 und 1944 vor allem an die NS-Jugendorganisationen, an die Wehrmacht (‚Frontpuppentheater’) sowie an Berufsbühnen (obligatorische ‚Politische Zwischenspiele’), allein von April 1942-März 1943 ca. 10.000 Handpuppenköpfe. Im Sommer 1944 stellte das R.I. kriegsbedingt endgültig alle Arbeiten ein.

Gerd Bohlmeier

Bibliographie: Bohlmeier, Gerd: Das Reichsinstitut für Puppenspiel. Ein Beitrag zur Geschichte des Figurentheaters. Braunschweig 1993 / Bohlmeier, Gerd: Puppenspiel 1933 – 1945 in Deutschland. Das Puppenspiel im Dienste der nationalsozialistischen Ideologie in Deutschland. Bochum 1985 / Siegel, Harro: Vom Puppenspiel in Deutschland 1933-45 (Erinnerungen an die NS-Zeit), in: Purschke, H.R. (Hrsg.): Archiv für Puppentheatergeschichte Nr.2, Frankfurt/M. 1981

Bildnachweis: Gentleman, Engländer mit Tropenhelm, Jude Blauspan, Meckerer, Schupo, Pimpf. Handpuppen des Reichsinstituts für Puppenspiel. Entwurf: Harro Siegel. Köpfe aus Holz oder Labolit, 1939/41 © Sammlung Puppentheater / Schaustellerei des Münchner Stadtmuseums