Fritz Wortelmann-Puppensammlung

Fritz-Wortelmann-Puppensammlung

Der Theaterwissenschaftler und Verleger Fritz Wortelmann (1902-1976) setzte sich sein Leben lang für die Belange des Figurentheaters in Deutschland ein.

Mit dem Ziel der Dokumentation und Verbreitung sammelte er u.a. Theaterfiguren aus aller Welt. Dabei halfen ihm vermutlich die vielen Kontakte zu Puppenspieler*innen aus den unterschiedlichsten Kulturkreisen während seiner langjährigen Arbeit. Denn eines der Ziele des von ihm gegründeten Deutschen Instituts für Puppenspiel (DIP) war das Sammeln und Ausstellen von Theaterfiguren, „um auf diesem Wege Kenntnis über das Puppenspiel zu verbreiten und ganz allgemein für den Gedanken des Puppenspiels zu werben.“ (Wortelmann im Entwurf des Instituts, ca. 1948)

Die Sammlung vergrößerte sich seit der Eröffnung des Deutschen Forums für Figurentheater und Puppenspielkunst als Nachfolgeorganisation des DIP um Ankäufe und Bestände privater Sammler*innen.

So entstand die Fritz-Wortelmann-Puppensammlung, deren wunderbare Vielfalt wir im imaginären Museum Puppets 4.0 und hier durch eine exemplarische Auswahl präsentieren möchten.

 

Fotografien: Simon Baucks

Puppenspiel in Mali - ein Spektakel im öffentlichen Raum

Diese Figur ist Teil von Puppets 4.0 - Ein imaginäres Museum, um mehr zu erfahren besuchen Sie unser Museum! Informationen sind hier zu finden.

Mali liegt in Westafrika und erstreckt sich im Norden weit in die Sahara. Im Eintrag zu Mali in der World Encyclopedia of Puppetry Arts heißt es, dass das Figurentheater dort so alt ist, dass man es heute nicht mehr datieren kann. Seine Ursprünge reichen wahrscheinlich bis in die prähistorische Zeit zurück. Das Puppentheater besitzt in Mali je nach Region einen anderen Namen. In der Region um Ségou heißt es Sogo Bò, 'die Tiere kommen hervor', bei Macina wird es Cèkò, 'Angelegenheit von Männern' genannt und die ethnische Gruppe Bozo nennen das Spiel Do Bò, was 'das Geheimnis kommt hervor' bedeutet. Alle diese Titel verweisen auf ein Hervortreten, ein Eintreten in den öffentlichen Raum der Gemeinschaft eines Ortes und auch auf einen rituellen Hintergrund. Besonders traditionelle Puppen sind in kollektivem Besitz: sie gehören nicht Einzelnen, sondern der gesamten Gemeinschaft. Das Puppentheater Malis ist ein allumfassendes Theater, ein Gesamtkunstwerk aus Musik, Kostüm, Ritual, Akrobatik, Gesang, Tanz, Puppen- und Maskenspiel.

Das generelle Interesse und die Anerkennung der Kunstform entwickelten sich in Europa erst im 21. Jahrhundert. Die Aufarbeitung des kolonialen Erbes des afrikanischen Kontinents ist erst heutzutage voll im Gange. Sehr viel Wissen ist verloren gegangen und der Kontinent Afrika hat aufgrund seiner kolonialen Vergangenheit insgesamt eine verworrene und problematische Geschichte. Das liegt unter anderem daran, dass die europäischen Kolonialmächte Afrika lange Zeit als eine homogene Kultur betrachtet haben und die Vielfalt und Unterschiedlichkeit der Völker und Länder des Kontinents dabei völlig ignoriert haben. Der erste deutschsprachige Band zu den verschiedenen afrikanischen Spielweisen des Figurentheaters ist tatsächlich erst 2019 erschienen. Darin wird die Funktion der Puppenspiele folgendermaßen beschrieben:

'Sogo bò ist eine Zeremonie, um die Geister zu ehren und sie um Regen, gute Ernten, Fischfang und Schutz für die Dörfer zu bitten. Neben dem zeremoniellen Charakter hat das Theater vor allem Unterhaltungswert. Dadurch genießen die Spieler eine große Meinungsfreiheit. Die Aufführungen stellen eine fiktive Welt dar und zugleich haben sie eine pädagogische Funktion, indem sie Verhaltensregeln oder Kenntnisse vermitteln und moralische Werte tradieren. Junge Männer und Frauen sollen dazu angeregt werden, kritisch über das soziale Zusammenleben, über Wertvorstellungen und Ansichten ihrer Gemeinschaft nachzudenken. Durch Ironie und Satire werden Hierarchien, Status und Beziehungen zwischen den Geschlechtern karikiert, was im täglichen Leben nicht möglich wäre. Nur während der Aufführungen haben die jungen Akteure die Möglichkeit, sich auszutoben und Verhaltensweisen an den Tag zu legen, die normalerweise als respektlos gelten. Während des Festivals ist jeder gleich (Be be kelen). Die Kritik, die die Spieler zum Ausdruck bringen, dient dazu, die kulturelle Identität zu festigen. Durch die Anpassung der Aufführungen an die Bedürfnisse der Menschen bleibt das Interesse an Masken und Puppenspiel erhalten.'[1]

Die Figur, die wir hier sehen, wurde von Yaya Coulibaly gebaut, einem der prominentesten Puppenspieler und Puppenbauer aus Mali. Sie wurde 2017 vom Deutschen Forum für Figurentheater und Puppenspielkunst angekauft. Yaya Coulibaly wurde 1958 in Koula geboren und kommt aus einer Familie von Puppenbauern und Puppenmeistern. Seine Kunst ist von Tradition und Moderne geprägt. Heute lebt Coulibaly in Bamako, wo er schnitzt, alte Figuren restauriert und die Kunst des Puppenspiels an seine Kinder weitergibt, mit denen er die Compagnie Sogolon (übersetzt bedeutet das "Die Stimme der Vorfahren") betreibt.

Mareike Gaubitz


Quellen:

Ingrid Ramm-Bonwitt, Afrikas magisches Theater, Pliezhausen 2019.

Amaëelle Favreau, Un Art de la Fête au Mali. Masques et marionnettes dans le théâtre traditionnel des peuples bamana, malinké et bozo, Paris 2014

Sofie Delaroche, "Yaya Coulibaly" transl. by Kathy Foley, in: World Encyclopedia of Puppetry Arts https://wepa.unima.org/en/yaya-coulibaly/ 

Mamadou Samaké, "Mali" transl. by Anne Nguyen, Karen Smith, in: World Encyclodeia of Puppetry Arts https://wepa.unima.org/en/mali/

Mary Jo Arnoldi, Playing the Puppets: Innovation and Rivalry in Bamana Youth Theatre of Mali, TDR 32, 1988, S.65-82

 

Einen schönen Einblick in das Puppenspiel Malis und die Arbeit der Compagnie Nama (rund um Yacouba Magassouba, der Neffe Yaya Coulibalys) gibt auch die virtuelle Ausstellung "Who's Talking" des Kolk 17 Figurentheater & Museum, Lübeck:

https://whos-talking.kolk17.de/de/artwork/la-fete-au-village


[1] Ingrid Ramm-Bonwitt: Afrikas magisches Theater, S. 222.

Babylon.js Viewer - Display a 3D model

Die 3D-Modelle sind durch die Erfassung der Exponate in einem photogrammetrischen Verfahren entstanden.

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