Die aktuelle Kritik

tjg. theater junge generation & Theater Laika: "Der Koch und der halbe Soldat"

von Thilo Sauer

In einem Land des ewigen Krieges erzählen Geschwister ihrem jüngsten Bruder Georgie mit Küchenutensilien eine Geschichte, bevor sie an die Front geschickt werden. "Der Koch und der halbe Soldat” vom Theater Junge Generation Dresden und dem Theater Laika aus Antwerpen ist ein gelungenes Stück, um über Krieg nachzudenken.

17. November 2023

Wie kann man mit Kindern über Krieg sprechen, vom Krieg erzählen? Diese Frage ist seit dem Russischen Angriffskrieg auf die Ukraine, den Hamas-Anschlägen vom 7. Oktober 2023 und den daraus folgenden Ereignissen noch relevanter geworden. Denn Kinder bemerken, dass die Konflikte in der Welt wieder zugenommen haben. Daher stellen Eltern und Erzieher:innen diese Frage schon seit Monaten. Mit dieser Frage haben sich ebenso das Dresdner Theater Junge Generation und das Theater Laika aus Belgien zu Beginn ihrer Kooperation auseinandergesetzt. Als eine Antwortmöglichkeit haben Jo Roets und Greet Vissers zwei Bücher von Benny Lindelauf miteinander verbunden: „Wie Tortot sein Fischherz verlor“ und „Ganze Geschichten für einen halben Soldaten“.

In ihrem Bühnenstück geht es um Georgie, der zwölf Jahre alt ist und in einer Zeit des Krieges lebt. Erstaunlicherweise ist die Familie dennoch überrascht, als die Einberufungsbefehle für Georgies Geschwister kommen. Während die Eltern alles vorbereiten, sollen die Kinder Georgie eine Geschichte erzählen. Dafür nutzen sie, was sie gerade in der Küche finden. Bühnenbildner Peter De Bie hat einen langen Tisch und mehrere Hocker aus dunklem Holz auf die Bühne in Dresden gestellt. Im Hintergrund stehen mehrere Holzregale, die immer wieder neu arrangiert werden.

"Der Koch und der halbe Soldat": Tony Milano, Paul Oldenburg © Klaus Gigga

Die Regisseure Jo Roets und Christoph Levermann lassen die Geschwister die Hocker auf den Tisch stapeln und von einem Königspaar erzählen, das (auf sehr witzige Weise) Zwillinge bekommt. Diese werden verkörpert durch zwei rote Topfhandschuhe. Dann werden die beiden Brüder krank. Sie stecken halb in einem Topf und tauchen mit den Köpfen von Handpuppen (Puppenbau: Marc Maillard) wieder auf – mit Gesichtern, die von Pocken entstellt werden. Aus dem Gefühl, nicht mehr geliebt zu werden, beginnen sie einen Eroberungsfeldzug und erklären sich nebenbei zu Kaisern.

In diesem Krieg muss sich auch der Koch Tortot (lässig verkörpert von Paul Oldenburg) durchschlagen. Dabei hilft ihm sein Kochgeschick, mit dem er einen Offizier sofort von sich überzeugen kann. Auch das Publikum darf sich überzeugen und ein salziges, pilzförmiges Gebäck probieren. Das Theater Laika ist überzeugt, dass Theater ein Erlebnis für alle Sinne sein sollte – was Filme oder Videospiele in der Regel nicht können. An dramaturgisch passenden Stellen werden die Snacks ausgeteilt, geschmacklich ziehen sie leider nur bedingt in die Geschichte rein. So wird auf der Bühne ständig von Gurken geredet, aber zu schmecken sind sie nicht. Dennoch ist es ein netter Ansatz, der auch einen besseren Austausch im Publikum ermöglicht.

"Der Koch und der halbe Soldat": Gregor Wolf, Alina Montana Weber, Tony Milano, Gert Jochems © Klaus Gigga

Nachdem Tortot beziehungsweise Georgies Bruder Kartoffeln mit Speck angebraten hat, mischt sich Georgie selbst ein. Während die Geschwister von Schauspieler:innen dargestellt werden (wunderbar im Zusammenspiel: Gert Jochems, Adrienne Lejko, Alina Montana Weber, Paul Oldenburg und Gregor Wolf), die immer wieder die Rollen wechseln und bewusst Puppen manipulieren, ist Georgie selbst eine Puppe in der Größe eines zwölfjährigen Kindes, die von Tony Milano gespielt wird. Zu Beginn wurde Georgie zwischen das Publikum gesetzt, nun steht er auf der Bühne. Das Licht ändert sich und die Geschwister diskutieren, ob das eigentlich in Ordnung ist, dass Georgie beim Krieg mitspielen will. Zumal Georgie sich gleich zum Kriegsinvaliden macht, der bei einem Angriff beide Beine verloren hat (was sich mit der Puppe sehr gut darstellen lässt).

Die Geschwister einigen sich: Georgie darf mitspielen, darf sich zum Invaliden machen, um zu verstehen, dass man im Krieg noch mehr verlieren könne, wie einer der Brüder sagt. Genau das macht die Geschichte auch so stark: Georgie spürt den Krieg und die Bedrohung für die Geschwister. Wie böse Geister fliegen Georgies Beine durch die Luft. Sie machen sichtbar, wie der Krieg Menschen bis in ihre Träume verfolgen kann – egal, wie alt sie sind.

"Der Koch und der halbe Soldat": Gregor Wolf, Gert Jochems, Adrienne Lejko, Paul Oldenburg © Klaus Gigga

Dann treten die Zwillingskaiser wieder auf. Inzwischen sind sie größer und auch etwas hässlicher geworden. Sie verkünden das Ende des Krieges, alles ist erobert und die Geschwister lassen die Puppen tanzen. Das artet jedoch schnell in einen Wettstreit aus und die beiden Zwillingsbrüder beginnen nun einen Krieg gegeneinander. So müssen sich auch Georgie und Tortot weiter durchschlagen.

Ein scheinbar endloser Kampf, aus dem sich das Kind und der Koch am Ende mit einer List retten wollen. Mit einer List à la Odysseus dringen sie in das Lager des “feindlichen” Kaisers ein. Vor allem die Jugendlichen in den ersten Reihen japsen, als einer der Zwillinge als Riese die Bühne betritt. Er ist aufgebläht von den eigenen Machtansprüchen und den Schmeicheleien der verängstigten Untergebenen. Innerlich jedoch werden beide aufgefressen von dem Gefühl, Wärme und Familie verloren zu haben.

Schließlich schafft das Team um Jo Roets das Kunststück, ein Gefühl von Happy End zu erzeugen, obwohl das Ende offenbleibt. Weder gibt es einen Sieger, noch ziehen die Geschwister schicksalsergeben in den ewigen Krieg. Wie sollte auch ein Ende gefunden, wo doch auch der Krieg auf dieser Welt immer noch tobt. Insofern gibt diese Inszenierung keine Antworten zum Krieg, so einfach machen es sich die beiden Theater nicht. Im Gegensatz zum tagtäglichen Nachrichtengewitter ist „Der Koch und der halbe Soldat“ ein guter Anlass, um über Krieg zu sprechen – und angesichts der Nachrichten bleibt es wohl weiterhin ein Thema, über das wir alle sprechen müssen.


tjg. theater junge generation / Theater Laika: „Der Koch und der halbe Soldat“

von Jo Roets und Greet Vissers, nach den Romanen "Wie Tortot sein Fischherz verlor" und "Ganze Geschichten für einen halben Soldaten" von Benny Lindelauf, aus dem Niederländischen von Uwe Dethier

Regie: Jo Roets und Christoph Levermann | Bühne und Rezepte: Peter De Bie | Kostüme: Ulrike Kunze | Musik: Demian Kappenstein | Puppen: Marc Maillard, Laura Sanwald | Dramaturgie: Ulrike Leßmann, Mieke Versyp | Theaterpädagogik: Dorothee Paul | Mit: Gert Jochems, Adrienne Lejko, Tony Milano, Paul Oldenburg / Christoph Levermann, Alina Montana Weber, Gregor Wolf

Premiere: 11. November 2023
Dauer: 90 Minuten

Für Menschen ab 10 Jahren

Hier geht’s zum Stück und weiteren Spielterminen auf der Website des tjg Dresden.

 

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