Die aktuelle Kritik

Manufaktor, Berlin: "Out Of Order"

Von Falk Schreiber

Das Berliner Puppentheaterkollektiv Manufaktor vermengt Clownerie, Objekttheater und subversives Selbsthinterfragen in „Out Of Order“ zu einem reizend hintergründigen Spiel mit den Zwängen des Künstlerdaseins.

Noch ist die Bühne nicht fertig. Noch wird gefeudelt und gesaugt, Frieder Miller und Gilda Coustier fuhrwerken im Theater herum, der Industriestaubsauger lärmt, aus den Boxen dröhnt ein wahlloser Soundmix, der nahtlos von Sade zu Cradle Of Flith führt, und wie aus sich selbst heraus entstehen kleine Choreografien zur Popmusik, „Coast to coast, LA to Chicago, western male / Across the border, south to Key Largo, love for sale“, posiert Miller da etwa mit dem Stiel des Wischmops als Mikro? Süß.

„Out Of Order“, das jüngste Stück des queerfeministischen Puppentheaterkollektivs Manufaktor in der Berliner Schaubude, beginnt als kleine, kreative Clownsnummer: Performer*innen spielen mit dem, was die Bühne so hergibt, machen Quatsch, basteln Miniaturen des Misslingens. Dann aber verlassen Miller und Coustier den Raum, die Szene wird kurz dunkel und beginnt, ein Eigenleben zu entwickeln: Das Licht flackert, die Seifenlauge schäumt, der Staubsauger saugt, immer nur für Sekunden, aber es reicht, dass sich der Boden in eine schmierige Fläche verwandelt. Unheimlich. Weil sich der Raum verändert, ohne dass man tatsächlich versteht, was da genau passiert. Nur dass es unangenehm ist, das ist klar: Als Coustier nach einer Weile wieder auf die Bühne kommt, kommentiert sie die Bescherung genervt: „Och, nee!“ Um dann aufzuräumen, hilft ja nichts: Arbeit will erledigt werden, egal ob das Chaos von dunklen Mächten angerichtet wurde oder ob es Teil des Stücks ist.

"Out Of Order" © manufaktor

Regisseur Mathias Becker und Szenografin Theresa Reiwer erfinden in „Out Of Order“ das Objekttheater nicht wirklich neu: Unbelebtes wird belebt, der Scheinwerfer, der schall- und lichtschluckende Moltonstoff, der Verteilerkasten, die Haushaltsleiter. Nur dass der Abend dieses Beleben mit einer politischen Analyse verbindet – die ganzen Objekte sind Teil eines hierarchischen Systems namens Theater, sie sind dafür zuständig, dass der Theaterabend funktioniert, und sie haben gefälligst keine Ansprüche zu stellen. „Ich weiß, dass ich wichtig bin“, murmelt ein Wischmopwesen einmal nachdenklich. „Es kriegt nur niemand mit.“ Aber was hieße es für die Kunst, wenn nicht nur die Regie Applaus (und ein ordentliches Honorar) bekäme, sondern auch die Bühnenarbeiter*innen? Oder die Requisiten? Es ist ja nicht nur der Wischmopp, es ist auch der Molton, der unglücklich damit ist, immer nur rumzuhängen, oder die Leiter, die klagt, dass man sie rumschiebe und mit Füßen trete. Wobei, leicht ist es mit ihr auch nicht: „Ich bin schon eine Drama Queen.“

Dieses Objekttheater ist subversiv, und es schont Manufaktor selbst nicht. Die Gruppe kommt von der Puppenspielausbildung an der Ernst-Busch-Schule, deren Absolvent*innen eigentlich beste Berufsaussichten genießen: Wer hier studiert hat, kann sich sicher sein, einen Platz am Staatstheater zu bekommen. Aber wo landet man da? In einer streng durchhierarchisierten Kunstproduktionsmaschinerie. Wer das nicht will, für den bleibt immer noch die Freie Szene, aber die Arbeit hier ist reine Selbstausbeutung, zumal unter hart neoliberalen Marktlogiken – auch nicht erfüllend. Und in der ganzen Niedlichkeit zwischen Popsongs und lustig belebtem Bühnenbild sprechen Miller und Coustier diese Wahl zwischen Pest und Cholera auch aus. „Deine Hand an meinem Arsch / Meine Hand am Hauptschalter“, überführt Miller die Arbeitsbedingungen zwischen Übergriff und Zwangssystem in einen industriell-handwerklichen Rap. Gar keine Hoffnung? Naja – die bleibt dann leider auch in den Grenzen des Empowerment-Sprechgesangs. „Du erklärst mir Stromkreise / Ich zeige dir Widerstand.“ Immerhin mit Wortwitz.

Bevor der Abend allerdings zu bitter wird, übernimmt immer wieder das Clowneske. Dann gibt es eine herzzerreißende Pathosrock-Lipsync-Nummer von Coustier (die freilich irgendwann vom Molton verschluckt wird), und Miller verzweifelt bei der Lampenkontrolle darüber, dass ein Scheinwerfer nicht macht, was er soll, sprich: kaputt ist. Und am Ende holen sie auch noch das ganz große Bühnentrick-Besteck raus, mit durchschmorendem Sicherungskasten und echten Flammen auf der Bühne. Das ist dann auch jenseits von Objekttheater-Konvention und subversivem Hinterfragen der eigenen Künstler*innenposition beeindruckend. Wobei die Pyrotechnik bald zum lieblichen Lagerfeuer wird, an dem sich die beiden Performer*innen wärmen. „Jeder Funke kann einen Flächenbrand entzünden“, meint Miller, und wenn man daraus liest, dass auch ein kleines Unzufriedensein mit den Umständen zur Revolution führen kann, dann unterschlägt man, dass der Molton die Flammen schon weitgehend erstickt hat. Mag die Wut auch noch so groß sein, man sollte auch die Beharrungskräfte der Theatermittel nicht unterschätzen.

---

Out Of Order

Performance, Lichtdesign, Pyrotechnik
Frieder Miller

Performance, Ausstattung
Gilda Coustier

Regie, Sound
Mathias Becker

Text, Dramaturgie
Yasmine Salimi

Szenografie, Ausstattung, Kostüme
Theresa Reiwer

Produktionsleitung
Charlotte Rosengarth

www.manufaktor.eu

0 Kommentare

Neuer Kommentar