Künstler / Akteure

Zwischenwelten –
Über die Theaterarbeit
der Uta Gebert

von Gert Engel

„Jakusch“, „Cocon“, „Anubis“, „Limen“: ihre Inszenierungen sind immer mit nur einem kurzen, präzisen Wort überschrieben, das dazu auch kein deutsches ist. Ein Zufall, wie sie selber meint. Der aber doch Gründe hat.

 

"Limen" (lateinisch, die Schwelle) macht es deutlich. Die Schwelle verweist auf den Ort, an den alle Arbeiten von Uta Gebert führen, auf den Übergang in ein Äußeres, ein Anderes, Unbekanntes. Alle ihre Inszenierungen sind angesiedelt in Zwischenreichen.

An das Unbekannte, Noch-Nicht-Gekannte heranzuführen ist für Uta Gebert ein Grundmotiv ihrer Theaterkunst, durchdrungen von dem Gefühl, dem Offensichtlichen, dem deutlich Klaren gehörig misstrauen zu müssen. Schon der Titel soll keine Gewissheit in Aussicht stellen, er soll nichts vorab klären oder sich schon selbst in seiner Begrifflichkeit aufschließbar machen. Das Gefallen am Rätselhaften und eine gewisse Lust gar, gegen das Vertrauen auf den ersten Blick, den ersten Anschein zu arbeiten, sind Teile eines Opponierens, das den leichten Zugang sperrt, um sich des eigenen Raumes sicherer zu werden. Mit der Rätselhaftigkeit des Titels richtet sich aber auch schon eine erste emotionale Ansprache an das Publikum.

 

Die Schwelle kennzeichnet die Stelle des Zugangs und des Übergangs. Zugang zum Leben, Übergang vom Leben zum Tod. Aber auch der Tod ist ein Übergang. Alles ist in steter Bewegung. „Wo geht die Reise hin?". "Was wäre,wenn…". Uta Gebert sucht, in welchen möglichen Welten ihr eigener, ganz persönlicher Raum seine Fortsetzung finden könnte. Dabei verlässt sie nicht das sichere Terrain. Sie vertraut eher dem gefühlsmäßigen Explorieren des Raumes hinter den Grenzen als der konkret-rationalen Erfahrung eines tatsächlichen Grenzübertrittes. Ihr Grundbedürfnis dabei ist das nach Ganzheit und Einheit: Der Wunsch, Welten zusammenzubringen, die noch ihrer Entdeckung harren, die noch gar nicht von ihrer möglichen Zusammengehörigkeit wissen.

 

Schon ganz früh hat Uta Gebert sich ihr eigenes Reservat für die Produkte ihrer Phantasie eingerichtet, und dieser Schutzraum wird zum Basislager, von dem aus sie mit den unbekannten Welten um sie herum in Kontakt tritt. Was ein langer schwieriger Prozess war, garantiert später einen großen Reichtum für die eigenständigen Suchbewegungen in vielerlei Richtungen.
Der Zufall will es, dass es die Puppe ist, die den Weg nach außen öffnet. Mit 12 Jahren formt Uta Gebert erste Puppenköpfe, aus denen schließlich ganze Puppen werden. Nach dem Abitur bringt eine Puppenspielerin sie dazu, sich in Berlin an der Hochschule Ernst Busch zum Studium zu bewerben. 1994 macht sie ihr Diplom. Das reicht ihr nicht, und sie schließt bis 1996 ein Studium in Charleville-Mézières an. Seitdem arbeitet sie freiberuflich als Puppenspielerin.

Nach verschiedenen Arbeitsphasen in internationalen Projekten entwickelt sie ihren eigenen Weg über Erfahrungen bei Philippe Genty (Frankreich) und Gavin Glover (Großbritannien), vor allem aber in längeren Arbeitsaufenthalten bei Roman Paska (USA), die prägend werden für die Präzision ihres Spiels und die radikale Reduktion theatraler Ausdrucksmittel.
Mit Puppen auf der Bühne zu sprechen, dagegen hat sich Uta Gebert immer gewehrt. Ihr Denken geschieht in Bildern. Sie konstatiert selbst „eine Bilderlastigkeit im Kopf“, die sich nicht wortsprachlich ausdrücken will. Ihre Inszenierungen entstehen folglich nicht nach Textvorlagen, sondern immer aus Bildern heraus. Text kann sich während der Proben hinzugesellen, aber niemals nimmt er bestimmenden Einfluss auf ihre Bilder.

 

Ihre Geschichte gibt ihr die Arbeitsweise: Uta Gebert arbeitet zunächst allein. Regie, Puppenbau, Bühne, Licht nimmt sie selbst in die Hand, weil sie so am besten das noch schutzbedürftige Eigene entwickeln kann. Erst in einer zweiten Arbeitsphase schließen sich Mitarbeiter für Bühne, Musik, Licht usw. an. Zugleich beginnt damit die Präzisionsarbeit der Reduktion, der jedes Element der Bühnensprache unterzogen wird. Für die Musik, die die Wahrnehmung und Wirkung der Bilder unterstützt und dem Spiel Orientierung gibt, bedeutet dies: die Ausgangskomposition wird ‚seziert‘ und aufs Wesentliche ‚heruntergebrochen‘, sie wird verlangsamt, ‚auseinandergezogen‘ und  z.T. bis zum Geräusch reduziert. Dieser Prozess endet erst, wenn sekundengenau die Übereinstimmung mit den Bewegungsabläufen erreicht ist. Ähnlich das Licht: Die Atmosphäre des Lichtraumes wird minutiös ausgetestet. Es ist ein Licht gefordert, das äußerst sparsam eingesetzt immer auf der Grenze bleibt zwischen verhüllen und vorscheinen lassen. Aus diffusem Hell-Dunkel entsteht Zauber, der die Phantasie packt und sie in Bewegung hält. Zwielicht schafft Räumlichkeit für  Imagination.


Wem Erkundung des Neuen, bisher Ungesehenen (und Ungesagten) Anliegen ist, darf kein geschlossenes, unveränderbares Universum präsentieren. Das vage Fragmentarische, die Zwischenräume, die Dinge, die fehlen, mobilisieren Erkenntnisprozesse. Und vor allem: er muss so langsam, behutsam und rücksichtsvoll Veränderungen vornehmen, dass der Betrachter Zeit findet, eigene Sehvarianten durchzuspielen. Denn Assoziationen sollen entstehen und über sie Gefühle. Andere Wirklichkeiten gibt es nicht zu verkünden.

Das Langsame der Abläufe auf der Bühne entspricht für Uta Gebert  einem ureigenen Tempogefühl: „Wenn ich den Dingen folgen will, brauche ich Zeit“, sagt sie. Nur in Ruhe ist präzises Arbeiten möglich; das Gefühl, selber nicht hinterher zu kommen, stört alle Beziehungen. Die zu den Dingen wie die zu den Menschen. Auch Puppen brauchen ihre Zeit und ihren Raum, um ihr eigenes Tempo und Wesen entwickeln zu können.
Uta Geberts Puppen verwenden viel Zeit, ihren Blick schweifen zu lassen. Aber niemals verraten sie, wohin sie sehen oder was genau sie betrachten. Sie schauen symbolische Räume, die nicht zu lokalisieren sind. Sie sind irgendwo und nirgends. Sie sind Zukunft, Vergangenheit, Leben, Tod. So entstehen Welten in einem leeren Raum: versucht man sie zu betreten, verschwinden sie. Der Traum kennt diese Szenarien - aber die Räume der Uta Gebert sind keine Traumbilder. Sie gehören zu ihrer - zu unserer - eigenen, bewussten Welt. Und auch wenn der Blick weit ins Fremde geht, bleibt für uns Betrachter doch immer das Gefühl einer Welt, die uns auf seltsame Weise nahe ist, die wir alle genau kennen, jeder für sich.

„Ich will die Menschen in ihren Gefühlen erreichen, nicht in ihrem Kopf. Für den Kopf gibt es in der Welt genug.", sagt Uta Gebert.  "Ich will an die kleinen Dinge ran, an das feine, das zarte Gefühl. Dazu brauche ich die Mithilfe der Zuschauer, ihr Vertrauen, ihre Konzentration. Und wenn ich nach der Aufführung Leute treffe, die bewegt sind: dafür mache ich Theater."
               

Gert Engel

 

Uta Gebert lebt in Berlin. Informationen zu den Inszenierungen, in- und ausländische Presse sowie Fotos auf ihren Internetseiten: http://utagebert.blogspot.com/

Foto Cocon: Theater