O-Team, Theater Rampe, Stuttgart: "Staub"
2. Dezember 2025
Tapeten hängen von den Wänden, lösen sich bahnenweise wie von Zauberhand, der Boden ist übersät mit Schutt – der Rest ist auch nicht heimeliger in dieser Bruchbude, die die Bühne füllt: ein verratztes Waschbecken, eine Matratze mit schmuddeligem Bettzeug, ein Wäscheständer, auf dem sicherlich lange keine frisch gewaschene Wäsche getrocknet wurde.
Der Bühnenraum vom künstlerischen Leitungsteam Nina Malotta und Samuel Hof ist eine präzise komponierte Metapher, ein bröckelndes Zuhause, das seine letzten Tage erlebt. O-Team zeigt Verfall als Zustand, aber auch als Erkenntnisraum, als Einladung zum Neubeginn. Unter dem Waschbecken kauert Figurenspielerin Antje Töpfer, langjährige Wegbegleiterin des Theaterkollektivs. Sie erscheint wie das Überbleibsel einer verlorenen Zeit, im körperbetonten Dialog mit den Dingen, die sie umgeben. Eingehüllt in eine wärmende Strickjacke lauscht sie diffusem Stimmengewirr aus dem Off und bewegt sich in meditativer Langsamkeit durch den Raum. Zu ihr stößt Marius Alsleben, Musiker und Performer, der eine merkwürdig unversehrte E-Gitarre aus der apokalyptischen Trümmerlandschaft zieht. Ihr Sound versetzt den gesamten Theaterraum mal mit elektronischem Donner, dann mit zarten Riffs in Schwingung. Gemeinsam durchlaufen die beiden eine Art Trauer-Choreografie: erst stoische Gleichgültigkeit, dann aufbäumende Wut und Kampfgeist, und schließlich Akzeptanz dieses unaufhaltsamen Untergangs.

"Staub": Antje Töpfer, Marius Alsleben © Markus Niessner
Je stärker die Wände bröckeln, Putzbrocken auf den Boden rumsen, desto intensiver werden ihre Gesten; Worte brauchen sie fürs expressive Spiel nicht. Töpfer „schminkt“ sich mit Gipspartikeln. Beide beginnen mit der Materialverwandlung, indem sie mit Pappe und Tapetenresten, die sie unter ihre Kleider schieben, ephemere Kreaturen schaffen wie lebendige Skulpturen, nur für diesen Moment.
Ein lärmender, befreiender Kampf bricht aus, ein urzeitliches Ringen der Fantasiewesen mit dem, was sich nicht aufhalten lässt – und dabei staubt es gewaltig. Und doch wirkt diese Raserei nicht destruktiv, sondern konsequent, wie der letzte Akt einer Häutung, begleitet von Michael Fiedlers bombastischem Elektro-Sound, der einen akustischen Sog erzeugt und die Bühne in einen vibrierenden Organismus verwandelt, der im ganzen Zuschauerraum spürbar wird.
Am Ende tritt der befreiende Moment ein, den das Stück so lange vorbereitet hat: Der Staub legt sich und Alsleben beginnt ganz entspannt zu harmonischen Akkorden zu singen. Seine warme Stimme klingt, als würde sie aus den Löchern der abgebrochenen Wände dringen. Sie ist Klage und Trost zugleich. Plötzlich scheint die Sonne durch ein imaginäres Fenster und spiegelt sich auf der Wand. Für einen Moment wird der Staub zu etwas Heiterem, beinahe Tröstlichem: zur Erkenntnis, dass alles Teil eines Kreislaufs ist, aus dessen Zerfallenen etwas Neues entsteht, wenn man sich von allem zivilisatorischen Ballast befreit hat. Das ist verstörend und packend zugleich. Das Stück lebt von der Präsenz seiner Darstellenden, unterstützt von Nina Malotta, die als bedächtige Raumpflegerin mit Kopfhörer und Wischmopp in gleichförmigen Bewegungen den Boden feudelt.

"Staub": Marius Alsleben © Markus Niessner
„Denn Staub bist du, zum Staub musst du zurück“, heißt es schon in der Bibel. Und der Mensch wirbelt zeit seines Lebens genügend Staub auf durch Reifenabrieb, Ruß, Faserreste, Feinstaub, Haare und Hautschuppen, die er ständig verliert und mit denen er die Umwelt belastet, bis letztlich Ruhe einkehrt.
Deshalb ist „Staub“ kein Stück über Tod und Vergehen, sondern über das Leben angesichts des Unaufhaltsamen. Es bietet die Chance, Scheitern nicht als das Ende, sondern als möglichen Neuanfang zu begreifen. Vielleicht ist es genau diese Revolte, die O-Team so eindrucksvoll feiert: den Mut, sich häuten zu dürfen und die Gelassenheit, im Zerfall eine Form von Befreiung zu erkennen. Denn nichts bleibt außer dem Staub, der von allem erzählt. Das ist die Philosophie des Kollektivs, das seit Jahren in interdisziplinären Formaten arbeitet und bewusst an den Rändern des Theaterbegriffs operiert. Die Projekte sind theatrale Andachten – immersiv, körperbetont, oft irritierend und meisterhaft umgesetzt. „Staub“ fügt sich hier nahtlos ein und treibt den Ansatz als instrumentale Objektperformance weiter, getragen von Michael Fiedlers eindringlichen Sound zwischen Geräuschkunst und elektronischer Beschwörung.
O-Team: „Staub“
Künstlerische Leitung, Konzept, Raum Samuel Hof, Nina Malotta | Performance, Objekte Marius Alsleben, Nina Malotta, Antje Töpfer | Musik Marius Alsleben, Michael Fiedler | Outside Eye Yara Richter, Bastian Sistig | Produktion, Grafik, Fotos Markus Niessner | Assistenz Kristina Arlekinova | Videodokumentation Álvaro García | Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Kathrin Stärk | Bühnenbau Frederic Ehlers, Anton Röcker, Team
In Kooperation mit dem Theater Rampe Stuttgart
Premiere: 27. November 2025
Dauer: 75 Minuten