Die aktuelle Kritik

HMDK, FITZ Stuttgart: "Bachelor Figurentheater"

Von Petra Mostbacher-Dix

Die Studierenden der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart präsentieren im FITZ ihre Abschlussarbeiten über Gefühle, Geschichte(n), Gesellschaft und Gestalten.

13. Oktober 2025

Das ganze Leben ... manchmal passt es in einen Karton. Wie in jenen, mit dem die junge Frau fröhlich hereinschneit. Überrascht, Publikum zu entdecken, beginnt sie zu erklären, steht doch „Oma verschenken wegwerfen“ auf der Pappe. Was da entsorgt werden soll, das holt sie denn auch Stück für Stück heraus, etwa ein kleines Deko-Beach-Häuschen; ein knallgrüner Visor, einst Sonnenschutz; ein Kassettenrekorder mit Doppelfach samt sechs Kassetten ... Dann kommt es wie es muss, je tiefer Sofia – so der Name der Enkelin von Oma Nora – in den Karton eintaucht, umso mehr Erinnerungen tauchen auf. Gar die Großmutter selbst schlüpft aus der Hosentasche, turnt und schwimmt über Beine, Arme und Boden, wie sie es weiland durch Dünen und Meer tat. Denn sie lebte auf einer Insel gerade groß genug für zwei. Und Sofia verbrachte dort die Sommer, was sie auf als Kassettentagebuch festhielt – bis Oma so tüdelig war, dass sie ihr Gebiss gar nicht mehr fand.

In „Eintauchen“ spielt Viki Mina Kasprik nicht nur die Geschichte eines Mädchens und ihrer Inselferien bei Oma. Sie vermittelt Menschen ab sechs Jahren auch, was passiert, wenn man älter wird und womöglich dement. Das tut sie mit kleinen Figürchen und – sich wundersam wandelnden und Rollen wechselnden – Alltagsgegenständen so sensibel, lustig und fantasievoll, dass auch Erwachsene ins Staunen kommen, sich nach dem Eiland sehnend. Kurz: Eine kleine feine Komposition aus dem Karton, die hoffentlich noch öfter zu sehen ist.

"Escape (AT)": Nóra Vermes © Jule Lotte Bröcker

„Eintauchen“ eröffnete im „FITZ“ die Bachelorvorstellungen 2025 des Studiengangs Figurentheater der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart: Einmal mehr hat „Das Theater animierter Formen“ seine Bühnen frei gemacht für die Studierenden und ihre Abschlussarbeiten. Die bewiesen mit enormer Bandbreite, wie groß das Feld der Möglichkeiten im Figurentheater ist, ja sein muss, dabei Grenzen zu anderen künstlerischen Gattungen austestet und lustvoll überschreitet.

So tanzt Nóra Vermes bisweilen durch ihre Zivilisationsgeschichte „Escape (AT)“: Zehen spitz, Körper angespannt, Arme gereckt, schleicht und dreht sie im Netzkostüm galant konzentriert zur ersten Jagd der Menschheit im leicht nebligen Wald, den Stockspeer in Zeitlupe abschießend, aus heiterem Himmel Felle erntend. Das zu Richard Strauss’ bombastischem Sonnenaufgang der sinfonischen Dichtung „Also Sprach Zarathustra“. Köstlich! Und vermutlich ganz im Sinne von Zarathustra-Übermensch-Philosoph Nietzsche. Höchst angetan von der Beute schleppt denn auch Vermes Steinzeitmensch, nun ausgestattet mit patriarchaler Identität samt passenden Narrativen, den Kampf und das Kapern ins Jetzt. Da meucheln sich rasant Spielfigürchen durch die Jahrhunderte – es gibt immer einen stärkeren, der die Prinzessin beeindruckt – bis irgendwann der Stock zum Maschinengewehr wird, viele Felle tot umfallen. Am Schluss ist viel aufzuwischen. Wie kommt die Menschheit aus dieser sich wiederholenden Geschichte von Gier und Großmannssucht raus? Mit Transformationen, Perspektivwechsel, Objekt-Dialogen und Absurditäten hinterfragt „Escape“ Grundlegendes so provokant ironisch, dass das Lachen auch mal im Hals stecken bleibt, und liefert eine mitreißende Tour de Farce mit Tiefgang, deren Thema aktueller nicht sein hätte können.

"Einräumen":  Camilla Krause und Xacobe Bruña Alonso © Camilla Krause

Anders in die Zeit passt „Einräumen“ von Camilla Krause im Projektraum Wagenhalle. Dort steuerten Röhren auf Sichtbeton geradezu ideal ihren Charme zur Performance bei, in der es galt, einen neuen Raum zu entdecken, einzurichten und zu gestalten. Doch wie? Milla, zunächst mit einem einsamen Flokati kämpfend, drapiert nach Hin und Her, Ordnen, Ärgern und Abreißen die Holzlatten, die sie zuvor stolz auf einem Baumarktwagen durch eine Riesenstahltür hereingeschoben hat, als schrägen Wandverschlag. Nicht gerechnet hat sie mit dem murmelnden Menschlein, das hereintänzelt und versucht aus komplexeren Holzelementen quasi Versailles zu bauen. Ärgerlich! Jetzt geht es um Resonanz, Widerstand, Anerkennung, eigenen Willen und viele Kipppunkte. Kann man gut konstruieren und entscheiden, wenn plötzlich andere mitagieren, ihren Senf dazu nuschelnd? Wie Camilla Krause und Xacobe Bruña Alonso sich die Bretter zuspielen, schräg musizieren, akrobatisch balancieren, schließlich die glatzköpfigen Bandagen-Masken fallen lassen, lachen, zusammen Lösungen suchen statt zu konkurrieren, das berührt. Eine Groteske mit offenem Ende, die Spaß macht!

"Eyes On Me" © Maya Wistermann

Suspense, also gespannte Erwartung ob des Wissens einer Gefahr, brachte Emil Fischer in seinem „Eyes On Me“ auf die FITZ-Bühne. Angelehnt an Edgar Allan Poes Kurzgeschichte „The Tell-Tale Heart“, Deutsch als „Das verräterische Herz“ oder „Der alte Mann mit dem Geierauge“ erschienen. Darin gesteht der Ich-Erzähler gleich zu Beginn, dass er einen alten Mann umgebracht habe. Nicht aus Hass oder Gier, er habe den Alten geliebt. Doch eines seiner Augen, das dem eines Geiers ähnelte, sei ihm unerträglich gewesen. Fischer lässt Vieles ungesagt und nur das Wesentliche aus dem Off erzählen, setzt vielmehr auf eine bedrohliche Atmosphäre, in der das Unbehagen auf der Bühne auf das Publikum überspringt. Die Zutaten? Ein weißes Laken als Zimmer, darauf Videos eines Geierauges und schwankender Schatten aus Häusern wie Boote als Vorboten des Grauens. Davor: Trostlosigkeit aus Waschschüssel, Tisch, Stühle, und lebensgroßer Puppe des Alten, den Fischer pflegt, bevor langsam Nähe zu Gewalt, Abhängigkeit zu Kontrollverlust wird, aus Angst, im Blick des anderen zu ersticken. Erschaudern lässt auch der von Avi Mar gespielte Ermittler mit Janusmaske, der wie ein Geist herein spukt, bis das – vielleicht zu jähe – Ende kommt. Das Figurentheater indes ist lebendiger denn je, wie die Bachelorarbeiten 2025 in Stuttgart beweisen.


HMDK, FITZ Stuttgart: "Bachelor Figurentheater"

30. September - 1. Oktober 2025

"Eintauchen":
Konzept, Spiel, Bau Viki Mina Kasprik | Außenblick Zoé Broneer | Künstlerische Betreuung Sarah Wissner | Supervision Prof. Stephanie Rinke

"Escape (AT)":
Konzept, Spiel Nóra Vermes | Außenblick, Stückentwicklung Jo Posenenske, Eva Mario Hasler, Orsolya Fodor | Künstlerische Betreuung Áron Birtalan | Musik, Sound Franz Schrörs

"Einräumen":
Konzeption/Spiel/Bau Camilla Krause | Spiel Xacobe Bruña Alonso | Künstlerische Begleitung David Séchaud | Außenblick Lotte Patzelt | Supervision Prof. Julika Mayer

"Eyes On Me":
Spiel, Bau, Konzeption, Stückentwicklung Emil Fischer | Spiel, Stückentwicklung Avi Mar | Mentorin Prof. Julika Mayer | Künstlerische Betreuung Frank Soehnle

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