Neue Diskurse

››Das Figurentheater« gibt es nicht

Zur ersten Deutschen Figurentheater- Konferenz in Northeim am Theater der Nacht vom  2. bis zum 4. September 2017 erschien nun das „Notebook 1.16“ , in dem Beiträge des Theorieworkshops zusammengetragen wurden. Thema des Workshops war die Begriffsdiskussion um die Begriffe Puppentheater, Figurentheater, Theater der Dinge und Objekttheater.
An dieser Stelle möchte wir exemplarisch für die Beiträge Tim Sandwegs Gedankenstrang  „Das Figurentheater“ gibt es nicht vorstellen. Wir bedanken uns bei Tim Sandweg und der Redaktion für die Bereitstellung des Textes.
 

››Das Figurentheater« gibt es nicht

Vier unsortierte Überlegungen

Im Folgenden möchte ich vier Überlegungen vorstellen, die mich im Zusammenhang mit der Diskussion um eine Definition und Bezeichnung des Genres Puppen-, Figuren- und Objekttheater beschäftigen und einige Aspekte benennen, die für mein Verständnis wichtig sind.

 

1. Überlegung

Ich bin überzeugter Nutzer des Begriffs ››Figurentheater«. »Figur« steht für mein Verständnis dabei nicht nur synonym für  ››Puppe« oder verweist auf Kontexte der Bildenden Kunst oder der Dramatik. Vielmehr verbirgt sich in ››Figur« auch ››Figuration« oder ››figurieren«. Ich glaube. beides ist vom Begriff »Figurentheater« auch gemeint. Zum einen deuten ››Figuration« und ››fıgurieren« auf eine Bewegung, einen Vorgang hin, was mir für eine szenische Kunstform passend erscheint. Zum anderen ver stehe ich den Vorgang der Figuration von leblosem Material als ein konstituierendes Moment von Figurentheater.

 

2. Überlegung

Das Figurentheater gibt es genauso viel oder genauso wenig, wie es das Schauspiel, die Performance, den Tanz, die Literatur oder die bildende Kunst gibt. Vielmehr existieren verschiedene Ästhetiken, künstlerische Überzeugungen und Zugänge, handwerkliche Techniken und dramaturgische Verfahren, die von unterschiedlichen Akteurinnen und Akteuren aus unterschiedlichen Gründen als Figurentheater klassifiziert werden. Es wäre nicht uninteressant zu hinterfragen, aus welcher Motivation heraus etwas als Figurentheater bezeichnet wird: Sind es strukturelle Gründe, etwa eine Steuererklärung oder ein Förderantrag? Oder verbirgt sich hinter der jeweiligen Nutzung auch ein künstlerisches Konzept? Diese Diversität, die es in anderen Kunstsparten mit ähnlich tiefen Gräben gibt, kann man als grundsätzliche Herausforderung bei der Eingrenzung ästhetischer Gegenstände begreifen, was insbesondere wenn es darum geht, sich als Genre zu vernetzen, zu Problemen führen kann. Nach meinem Verständnis sind der Widerstreit unterschiedlicher Kunstauffassungen und damit das permanente Verhandeln des Gegenstandes, seines Kerns und seiner Grenzen notwendiger Bestandteil künstlerischer Diskussion: Wir müssen immer neu herausfinden, was eigentlich Figurentheater ist.

 

3. Überlegung

]e mehr Theater ich sehe, umso schwerer fällt es mir, einzelne, konkrete Produktionen eineindeutig einem einzelnen Genre zuzuordnen. Mir scheint es vielmehr exakt und der aktuellen Praxis angemessen zu sein, wenn wir benennen, aus welchen Kunstkontexten einzelne Elemente und Zeichen einer Inszenierung kommen, und entsprechend von einem Mischverhältnis reden. Anders gesagt: Eine Inszenierung, die einzig und allein Figurentheater ist, gibt es nicht.

 

 

4. Überlegung

Es ist auffällig. dass Fragen von Fachfremden, die die Spezifik des Genres betreffen. meistens in Abgrenzung zu anderen ästhetischen Formen gestellt werden, etwa: ››Warum nutzt ihr Puppen und nicht Menschen auf der Bühne oder »Was ist im Vergleich zu Menschen das Tolle an Puppen?« Ich finde diese Fragen nicht produktiv. Sie setzen einerseits eine Normalität voraus - in der Regel die Mittel des Schauspiels - die so nicht gegeben ist. Andererseits bauen sie schnell aufwertende Verhältnisse. Ich glaube, dass sich diese Fragen für Figurentheaterschaffende gar nicht stellen. Vielmehr beobachte ich. dass die Künstlerinnen und Künstler dieses Genres eine Denkweise verbindet, in der der theatrale Ausdruck nur über das leblose Material und seine jeweils gewählte Einsatzform stattfinden kann - ein anderes Mittel würde schließlich nicht dasselbe erzählen. Insofern

sind diese Mittel aber auch nicht irgendwie per se besser oder schlechter, sondern einfach für den individuellen, künstlerischen Ausdruck notwendig.

Tim Sandweg

Theaterwissenschaftler, Autor und Dramaturg, Berlin