scheinzeitmenschen & YENGA, atelier automatique Bochum: "Light in Concert"
1. Dezember 2025
Physik Klasse 6: Schall ist eine Welle. Physik Klasse 9: Licht ist eine Welle. Und gleichzeitig Teilchen. Dies machen sich die Lichtkünstler*innen Birk-André Hildebrandt und Valeska Klug vom Duo scheinzeitmenschen und die Musiker*innen der Band YENGA Stella Polaris, Niko Dolle und Sietse Iedema zunutze. Dazu haben sie die LED-Leuchtmittel aus IKEA-Schwanenhalslampen entfernt und durch Lichtdetektoren getauscht. An ein handliches Metallgehäuse geflanscht, sehen die selbstentwickelten Licht-Ton-Wandler aus, als hätten sie kleine Rüssel. In „Light in Concert“ kommen drei dieser Geräte zum Einsatz, um die von verschiedensten Lichtquellen ausgesandten Photonen einzufangen und in elektrische Schwingungen und damit letztlich in Schall zu übersetzen.

"Light in Concert": (v.l.n.r.) Valeska Klug, Stella Polaris © Sven Neidig
Das Bühnenbild im Bochumer atelier automatique ist spartanisch funktional gehalten. Es geht ja auch mehr um das Hörerlebnis. Zu Beginn befindet sich ein Tisch auf der Bühne, Bildschirme im Hintergrund, diverse Requisiten an der Seite. Es könnte ein einfaches, wenn auch nerdiges Zimmer sein. Links und rechts der Bühne ist jeweils ein hüfthoher Turm mit dutzenden Gitarreneffektgeräten aufgebaut. Für den Klang kommt diesen Apparaturen besondere Bedeutung zu. Sie sind mit den Licht-Detektoren verbunden, die je nach Beschaffenheit des Lichts unterschiedliche Töne erzeugen. Immerzu manipulieren ein oder zwei der Ensemblemitglieder die Effektgeräte und erzeugen mit den Delays, Flangern, Hall- sowie Chorus- und weiteren Effekten harmonische oder auch rhythmische Klänge aus dem eingefangenen Licht. Da in den meisten Fällen zwei oder drei der Licht-Ton-Wandler gleichzeitig im Einsatz sind, erschallen Rhythmus und Harmonie oft gleichzeitig.
Ohne Sprache erforschen die fünf Performer*innen in schwarzen Overalls in sechs Episoden verschiedenste Lichtquellen. So wird beispielsweise ein Detektor von einer Leiter abgeseilt und erzeugt durch das Schwingen über verschiedene Lichtquellen auf dem Boden einen Rhythmus in unterschiedlichen Tonhöhen und -qualitäten, während ein Ensemblemitglied durch Hinzufügen und Entfernen von Leuchten diesen stetig ändert. Der erste separierende Black auf den ein offener Umbau folgt, ruft im Publikum noch den Impuls eines Szenenapplauses hervor. Danach setzt sich das konzertale Nicht-Klatschen zwischen den Sätzen durch, die aufgrund der verschiedenen Lichtsituationen mit z.B. Leuchtreklamen, Stroboskopblitzern, Lichterketten unterschiedliche musikalische Qualitäten haben. In ihrer Materialität bilden die Sätze gemeinsame Erforschungsräume und rufen bisweilen auch visuell Assoziationen hervor. Wenn beispielsweise Licht durch ein Tarnnetz oder eine Jalousie fallend untersucht wird und im selben Abschnitt ein Forschender einem von einer Performerin durch den Raum bewegten LED-Flackerlicht nacheilt, das stark an ein Glühwürmchen erinnert.

"Light in Concert": (v.l.n.r.) Stella Polaris, Birk-André Hildebrandt, Valeska Klug © Sven Neidig
Zum Schluss wird es noch einmal physikalisch und visuell eindrucksvoll, als durch den Einsatz von Eis Gasentladungsröhren so manipuliert werden, dass das leuchtende Plasma aus einem stabilen Zustand fällt und plötzlich in Rottönen zu wabern und flackern beginnt. Hier bereitet das Zusehen und -hören besondere Freude, da sich das Verhalten des Lichts mehr und mehr der Kontrolle der Spielenden entzieht. Überhaupt wird es immer dann richtig spannend, wenn sich das teilweise wissenschaftlich steril wirkende Forschen öffnet und dem Spiel mehr Raum gibt. Wenn sich die Performenden der Herausforderung durch Überraschungen hingeben. Dies geschieht zum Beispiel während der Projektion einer unvorhersehbar blinkenden Lichterkette durch die Optik des Overheadprojektors. Das Ensemblemitglied, das mit dem Instrument versucht, die Lichtpunkte auf der Projektion einzufangen, muss hier gut raten, wo der nächste Punkt erscheint oder flink hinterher sein. Gelegentlich kommt es zu einer Divergenz der Verbindung des Gesehenen und Gehörten. In längeren Phasen droht so ein Eindruck von Beliebigkeit, in der das Potential der Objekte, die über ihre strahlenden Stimmen miteinander in Kontakt kommen könnten, verpufft. Umso stimmiger wirkt es, wenn die Lichteindrücke mit den Toneindrücken kongruieren.
Oft genug gab in der Vergangenheit die Musik den Ton vor, dem das Licht zu folgen hatte. Für die Idee, das ganze umzudrehen und aus dem Licht Töne zu erzeugen, finden die Performenden einen spannenden Ansatz. Man wünscht der Inszenierung mehr Raum, als ihn der Premierenort zu bieten hatte, um zum einen die angelegte Kraft der Überraschungen, aber auch die Musikkreation durch mehr Tiefe, Druck und Dynamik noch besser ausspielen zu können.
scheinzeitmenschen & YENGA: „Light in Concert“
Von und mit Birk-André Hildebrandt & Valeska Klug (Duo scheinzeitmenschen), Stella Polaris, Niko Dolle & Sietse Iedema (YENGA) | Outside Eye Tim Sandweg | Produktionsleitung Carina Graf | Öffentlichkeitsarbeit Simone Spelten | Fotos: Sven Neidig | Tontechnik Pascal Gehrke
Premiere: 23. November 2025, atelier automatique, Bochum
Dauer: ca. 70 Minuten