Die aktuelle Kritik

TheatreFragile, Detmold: "STILL – In Dialog mit dem Wald"

Von Melanie Kirmes

Die Maskentheatercompagnie TheatreFragile aus Detmold und Berlin schickt das Publikum auf Erkundungstour durch den Wald.

10. Oktober 2025

In Loßbruch, einem kleinen Ortsteil von Detmold, hat sich ein kleines Grüppchen am Waldrand versammelt. Die Detmolder/Berliner Compagnie TheatreFragile lädt ein, den Wald mit neuen Augen zu erkunden. Jede*r Zuschauer*in bekommt ein Sitzkissen für den Boden oder bei Bedarf einen Klappstuhl und dann geht es rein ins Grün. Zu organischen Klängen von Synthesizern und Saiteninstrumenten schälen sich drei Wesen aus dem Geäst. Sie tragen Kleidung in Erdtönen und Stoffmasken, die wie pflanzliche Zellen aussehen. Langsam scheinen sie mit ihren Fingern das Gefühl für den Raum zu erkunden, verschwinden aber kurz darauf wieder im Unterholz. Dann treten die Spieler*innen (Francesco Matajcek, Lucy Flournoy, Luzie Ackers) erneut auf, dieses Mal mit grauen, anonym wirkenden Masken, zerstreuen sich im Wald und dem Publikum wird klar, dass es sich nun frei bewegen soll.

"STILL" © Birgit Sanders

Es gibt mehrere Stationen, an denen das Publikum verweilen bzw. den Wald neu entdecken kann (Konzeption: Marianne Cornil und Luzie Ackers). Das geschieht beispielsweise mit Kopfhörern, die aus einem Haufen gestapelter Äste kommen und über die assoziative Gespräche über Pilze, Versteckspiele oder auch Zaubersprüche zu hören sind.

Die Spieler*innen laden an ihren Orten im Wald zu jeweils eigenen Aktionen ein, wie dem Ertasten und Erfühlen von Moos oder dem ganz nahen Herantreten an Bäume, Blätterhaufen und die natürlichen Strukturen des Waldes. Ein*e Spieler*in tritt in einem Ganzkörperkostüm aus grünem und braunen Stoffbahnen hervor. Die Figur wird begleitet von knarrenden, ächzenden Tönen und bewegt sich schwankend vor einem Baum. Sie wirkt beinahe selbst wie einer oder ist sie vielleicht der ganze personifizierte Wald?

Das Spiel mit den von Luzie Ackers gestalteten Masken ist in dieser neuen Performance von TheatreFragile eher reduziert, bleibt im Hintergrund. Besonders faszinieren die einfachen Mittel, wie herausgegebene Brillen mit bunter Folie, die die Lichteffekte durch das Blätterdach in verfremdeter Farbe und verzogener Perspektive erstrahlen lassen und dadurch den Wald im wahrsten Sinne des Wortes in ein neues Licht tauchen. Für einen Irritationsmoment sorgt auch ein leichter Nebelschleier, der sich durch das Dickicht zieht und sich zunächst recht natürlich in die Gegebenheit des Waldes einfügt, jedoch nach einiger Erkundung als Effekt einer Nebelmaschine herausstellt (Szenografie: Janna Schaar).

"STILL" © Birgit Sanders

Hier liegt die Stärke von "STILL": Das organische Ineinanderfließen von unnatürlichen und technischen Elementen in die (Geräusch-)Kulisse des Waldes. Die Soundkulisse der Musik (Komposition: Janko Hanushevsky, Klangkunst & Bioakustik: Lasse-Marc Riek) aus den in Bäumen und zwischen Blättern versteckten Lautsprechern fügt sich nahtlos in den Klang des Waldes ein, sodass eine Symbiose aus natürlichen und künstlichen Klängen entsteht und oft der Übergang von einem in das andere kaum wahrnehmbar ist. Der Wald selbst und seine Mitgeschöpfe, wie es von TheatreFragile formuliert wird, werden dadurch nicht nur klanglich, sondern auch durch die Einladung des Publikums zum (verfremdeten) Wahrnehmen auf unterschiedlichen Sinnesebenen zu Akteuren selbst.

Insgesamt lässt sich in den 45 Minuten zwar einiges erkunden, eine etwas stringentere Führung würde jedoch den Eindruck verringern, dass die performativen Stationen im großen Waldstück einsam und manchmal etwas beliebig wirken. Gleichzeitig entsteht so viel Raum für die eingangs formulierte Einladung: Den Wald bewusst wahrzunehmen und das Besondere im unscheinbar Wirkenden zu finden. In den kleinen und natürlichen Effekten, herunterfallende Eicheln, Mäuse im Unterholz, webende Spinnen oder das Knistern des Laubs beim Laufen, die in den Vordergrund rücken und den Kern von "STILL" ausmachen.


TheatreFragile: "STILL – In Dialog mit dem Wald"

Konzeption Marianne Cornil und Luzie Ackers | Regie, Interview, Stimmcollagen Marianne Cornil | Masken, Gestaltung Luzie Ackers | Spiel Francesco Matajcek, Lucy Flournoy, Luzie Ackers | Künstlerische Beratung Lilli Döscher | Musikkomposition Janko Hanushevsky | Klangkunst, Bioakustik, Klangwerkstatt Leitung Lasse-Marc Riek | Medientechnik Florian Mönks | Technik Katja Akulenko | Szenografie Janna Schaar | Kostümbild Neitah Janzig, Luzie Ackers | Kostümbild Praktikum Mathilde di Salvo CIlia | Expertise Theaterwissenschaft/plant study Catherin Persing | Expertise Biologie Ökosystem Hans-Dieter Wiesemann | Beratung Barrierefreiheit Mathias Gräßlin

Premiere: 27. September 2025
Dauer: ca. 45 Minuten

Infos und Spieltermine auf der Website von TheatreFragile