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Pocci, Franz Graf von

Franz Graf von Pocci (1807 München - 1876 München) bekleidete ab 1830 in München hohe Hofämter. Große Popularität erlangte er als Volksschriftsteller und Illustrator von Jugend- und Märchenbücher. Obwohl ihm auf dem Schauspielertheater der Erfolg versagt blieb, haben seine Stücke für Puppentheater die Zeiten überdauert. Die zwischen 1859 und 1877 als „Lustiges Komödienbüchlein“ erschienenen sechs Bände enthalten 53 für das „Münchner Marionetten-Theater“ von Josef Leonhard Schmid geschriebene Kasperlkomödien, Ritterstücke, Märchenspiele, Prologe und Intermezzi, die Pocci nach eigener Erfindung, nach Charles Perrault, den Gebrüdern Grimm oder nach Textvorlagen zeitgenössischer Autoren frei gestaltete.
In der Zusammenarbeit von Pocci und Schmid vereinigten sich zum ersten Mal in der Geschichte des deutschen Puppenspiels der Praktiker mit dem Dichter. Schmids Unternehmen verfügte dank Pocci und anderen Autoren als erstes über eine eigene, vom Schauspielertheater unabhängige Dramatik. Viele der Stücke des „Kasperlgrafen“, sind zu klassischen Werken des deutschen Puppenspiel-Repertoires geworden. 
Obwohl für Kinderaufführungen geschrieben, stellen sie keine harmlosen Märchen und Komödien dar, sondern erweisen sich oft als bittere Zeitsatiren und Grotesken. Vor allem hat Pocci der alten Kasperfigur der Jahrmärkte als komische Lokalfigur neue Qualitäten verliehen. Sein Kasperl Larifari ist nicht mehr der bloße Spaßmacher, sondern eine sozial fixierte Figur. Er misst die Konflikte der Standespersonen an der Leib- und Magenfrage der kleinen Leute und wird somit zum Antihelden des Künstlerhelden. Er wird in Situationen gestellt, die die Absurdität der szenischen Vorgänge thematisiert. Einige deutsche Puppenspieler der Gegenwart bekennen sich ausdrücklich zu Pocci und seiner lustigen Figur, wie zum Beispiel die Hallenser Handpuppenbühne von →Frieder Simon.

Manfred Nöbel

Bibliographie: Krafft, Ludwig: Franz Pocci. Kasperl- und Gedankensprünge, München 1970. Nöbel, Manfred (Hrsg.): Die Zaubergeige (Stückauswahl), Berlin 1977/1980. Ders.: Kasperls Heldentaten (Stückauswahl), Berlin und München 1981/1984/1988. Ders.: Franz Pocci - Ein Klassiker und sein Theater. In: Wegner, Manfred (Hrsg.), Die Spiele der Puppe, Köln 1989. Valenta, Reinhard: Franz Poccis Münchner Kulturrebellion, München 1991

Bildnachweis: Franz Graf von Pocci. Visitkartenfotografie von Ferdinand Finsterlin, München, um 1870 © Sammlung Puppentheater / Schaustellerei des Münchner Stadtmuseums