Die aktuelle Kritik

Musiktheater im Revier: "Avenue Q"

Von Pia Soldan

Nicht umsonst kam es zu Standing Ovations nach der Premiere des Musicals „Avenue Q“ in Gelsenkirchen, denn die sprühenden Farben versetzten den Saal geradezu in Euphorie.

„Eine eigene Bleibe“ gibt es in der Avenue Q für jede und jeden und sei es „gleich da bei den Mülleimern“, wenn man wie Nicky aus der Wohnung geworfen wurde. Nur ein paar Münzen wünscht Nicky sich von den anderen, die grüne Puppenhand erwartungsvoll ausgestreckt in einer dieser bedeutungsschwangeren Gesten. Mit einem leichten, aber beständigen Zittern des Kopfes charakterisiert Puppenspieler Daniel Jeroma den Bettelnden als tief empfindsames Wesen. Und da ist er auch schon, der Heiligenschein, wenn auch nur das minimalste Kleingeld von einer Figur zur anderen wandert.

Vielleicht liegt ja hier die „höhere Bestimmung“, die der Protagonist Princeton in der Avenue Q sucht, wo die New Yorker Mieten gerade noch bezahlbar sind. Denn nach seinem Abschluss in Englisch öffnet sich ihm der Arbeitsmarkt nicht ganz so bereitwillig wie erhofft. Doch einmal verbissen in den Gedanken, etwas Höheres zu sein, löst sich die Welt in ihrer Kälte und Hässlichkeit auf in einen Tanz, in dem Puppen-Princeton zum ersten Mal an diesem Abend mit den Beinen seines Spielers verschmilzt.

„Es kotzt mich so an!“

Nicht alle Figuren an diesem Abend verfügen über einen Puppenkörper. So leben neben den Monstern Kate und Trekkie sowie Nicky und seinem Mitbewohner Rod mit dem blauen Fell auch das Menschenpaar Brian und Christmas Eve in der Nachbarschaft. Macaulay Culkin hält als menschlicher Hausmeister die Straße sauber. Aber so unterschiedlich sie alle auch sind, so können sie doch alle zumindest über Teilbereiche ihres Lebens singen: „Es kotzt mich so an!“

Gerade beruflich sieht es bei den wenigsten von ihnen allzu rosig aus. Christmas Eve hat sich als Therapeutin selbstständig gemacht, aber die Patient*innen bleiben weitgehend aus. Culkin führen die beständigen Forderungen seines Umfeldes, noch einmal „das Kevin-allein-zu-Haus-Gesicht“ zu machen, seinen Abstieg vom Kinderstar in die Avenue Q vor Augen. Und Princeton verliert seinen ersten Job, bevor er ihn überhaupt angetreten hat, weil das Unternehmen sich „gesundschrumpfen“ will. Da erscheint es geradezu als übermäßiges Glück, als Kate von ihrer Chefin erfährt, dass sie in der Schule, in der sie ein Praktikum macht, für einige Tage allein unterrichten darf.

          Charlotte Katzer spielt Kate Monster

Gleichzeitig tritt Princeton in ihr Leben, dem sie jedoch für seinen Geschmack etwas zu viel Aufmerksamkeit schenkt. Als sie merkt, dass er mit Lucy schläft, ihres Zeichens Sängerin im dem Around-the-Clock-Café, wendet sie sich ab. Es entspinnt sich ein Beziehungs-Auf-und-Ab, das sich durch den Abend zieht.

Kurze Pause

„Richtig, richtig, richtig sozialkritisch, aber so richtig!“, kommentiert in der Pause eine Besucherin diesen Avenue-Q-Abend im Musiktheater im Revier. Mit der Überbetonung lässt sie Raum für die Zuhörenden, ihren Kommentar als Satire zu verstehen. Doch genau auf diese Weise zollt sie einem Stück Respekt, das sie geradezu zu imitieren scheint, wenn das Schwanken zwischen der sogenannten Wirklichkeit und deren satirischer Interpretation, zwischen dem tatsächlichen Kitsch und dem aufs Korn genommenen als einzig Beständiges bleibt. 

Im Sinne der Schönheit

Insofern darf Avenue Q auch Kitsch, den echten, richtigen, mit verliebten Puppen und nächtlichen Treffen auf dem Empire State Building. Denn niemals verschwindet diese Ahnung ganz, dass er vielleicht doch nicht so gemeint ist. Eine ästhetische Setzung im Sinne des Nie-ganz-sicher-Seins.

Und im Sinne der Schönheit. Was Charlotte Katzer hier auf die Ohren bringt, beeindruckt tief. Mit einer Kraft, die an diesem Abend ihresgleichen sucht, singen ihre Figuren. Die helle Sanftheit der kleinen Monsterine Kate hallt ebenso kitschig-überzeugend durch den Saal wie die jazzige Erotik des Objekts der Begierde: Lucy – mit dem schmeichelhaften Namenszusatz „Die Schlampe“. 

Die Schlampe und das Monster

Dass Lucy als einzige Figur stets in ihren rund-lasziven Bewegungen rhythmisch durch den Jazzbesen auf dem Becken begleitet wird, gibt ihr eine besondere Rolle in dieser Straße des Absurden. Das gilt übrigens, wenn Katzer selbst mit der blondierten Überzeichnung eines maximal klischeebehafteten Sexsymbols über die Bühne gleitet, ebenso wie für Gloria Iberl-Thiemes Spiel mit der Lucy-Puppe, wenn „Die Schlampe“ und die Kate-Puppe mit den großen Augen sich gleichzeitig auf der Bühne befinden. Diese Gleichzeitigkeit hindert Katzer jedoch niemals daran, beide Figuren zu sprechen und ihnen den jeweils ganz eigenen Gesang in das Klappmaul zu legen. 

Die Sesamstraße im satirischen Versuch

Fast alle von Birger Laubes Puppen nämlich sind an diesem Abend der so typischen Ernie-und-Bert-Optik nachempfunden – nicht die einzige Anspielung auf die Sesamstraße. Natürlich darf hier auch das Gerücht der homosexuellen Lebenspartnerschaft innerhalb der WG nicht fehlen, die sich kitschig bis satirisch in bühnenbildnerischen Details wie zwei puppenkleinen Oberbetten manifestiert. Und auch das Krümelmonster ist mit ein bisschen gutem Willen wiederzuerkennen, wenn auch ohne Kekse, dafür als Trekkie Monster mit einer ausgewachsenen Pornosucht.

Daniel Jeroma und Seth Tietze spielen das Trekkie Monster

Diese hat eine Wendung zur Folge, die gängige Moralvorstellungen vollständig umkehrt: Mit seinen Einnahmen aus der Pornoindustrie beteiligt sich Trekkie Monster daran, Kates lang gehegten Traum zu erfüllen. Sie möchte eine Schule gründen, „wo kleine Monster ein Teil der globalen Gemeinschaft werden können“ – eine „Monstersorischule“.

„Ein bisschen rassistisch“

Umgekehrt bedeutet das aber noch lange nicht, dass auch die Schule ihre Türen für die Gemeinschaft zu öffnen bereit ist. Als Princeton sich bei Kate erkundigt, ob sie – nun ja, wegen des gleichen Nachnamens – mit Trekkie Monster verwandt sei, fährt sie aus der Haut: „Was willst du damit eigentlich sagen? Dass wir alle gleich aussehen?“ Diese doppelseitige Entfremdung aber kulminiert schließlich in einem Lied in Eintracht mit dem schönen Leitsatz: „Jeder ist ein bisschen rassistisch!“

Und worin liegt jetzt die Bestimmung?

Mehr und mehr nähern sich Kate und Princeton einander an, bis es schließlich zu einem Zusammentreffen hinter Kates Fenster kommt. Ob ein Schattenspiel wohl je so überzeugend für Oralverkehr und Prostata-Massagen hergehalten hat, zumal mit Puppen ohne Unterleib? Doch auch die heißeste Nacht geht einmal zu Ende und wie steht die Schulpraktikantin Kate da, als sie über all die Ekstase und den folgenden Schlaf ihre erste eigenständige Unterrichtsstunde verpasst? „Ich hätte nie ein Monster einstellen dürfen“, wird nun auch Chefin Lavinia Semmelmöse „ein bisschen rassistisch“.

Da trifft es sich doch gut, dass Princeton sich gern im Heiligenschein sonnt. Der beginnt zu strahlen, als er Nicky einige Münzen zugesteht. Dann aber fällt Princeton ein, dass er das Geld doch einem ganz bestimmten Zweck zuführen könnte: Kate ihren Wunsch von einer eigenen Schule zu erfüllen. Mit einer Spendenaktion sammelt er schließlich eine erhebliche Summe – mit Trekkies Unterstützung.

Was aus diesem Ende zu schließen ist? Nun, es ist hübsch, es ist bunt, es ist witzig, das Publikum ist in Hochstimmung. Nicht mehr und nicht weniger. Bedeutungsebenen, die gelegentlich angerissen werden – Wohnungslosigkeit, Mietenexplosion, Ausgrenzung – bleiben angerissen und bilden ein glitzerndes Potpourri mit dem detailverliebten Bühnenbild, viel lustiger Musik und kleinen Gefühlsduseleien. Dass am Broadway, woher Avenue Q stammt, vor zu viel Derbheit gewarnt wurde, erscheint gerade im Ruhrgebiet ziemlich niedlich.

Auch die Puppen legen über ihre Sesamstraßen-Artigkeit Witz an den Tag. Aber so virtuos sie auch gespielt werden, immer bleibt irgendwie beliebig, welche Figur durch eine Puppe und welche durch einen Schauspieler besetzt ist. Eindeutig ist jedoch, dass das Puppenspiel, das hier dem Tanz sehr nahe ist, den Reiz dieses Musicals stärkt. Und eines steht fest: Diese knappen zweieinhalb Stunden könnten kürzer kaum sein.

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Premiere: 29. August 2021

Weitere Vorstellungen im September, Oktober, Januar, Februar und März.

Fotos: Björn Hickmann

Hier geht’s zur Stückwebsite vom MiR:

https://musiktheater-im-revier.de/de/performance/2021-22/avenue-q

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