Künstler / Akteure

Das Hamburger Puppentheater: Putzen für die Puppen

Von Falk Schreiber

Figurentheater hat es in Westdeutschland schwer: Meist wird es ausschließlich als Theater für Kinder wahrgenommen. In Hamburg kämpft Alexander Pinto gegen diese verengte Perspektive. Ein anstrengender Kampf. Aber ein lohnender.

Spielzeiteröffnung im Hamburger Puppentheater. Gegeben wird „Jedermann“, eine schon etwas ältere Inszenierung des Hohenloher Figurentheaters, traditionelles, handwerklich ordentliches Literaturtheater, das Hugo von Hofmannsthals Vorlage ohne Mätzchen aber mit viel Charme nacherzählt. Johanna und Harald Sperlich, die die Bühne seit über 45 Jahren betreiben, agieren mit großen, naturalistischen Stabpuppen, die Geschichte wird zwar für die zwei Spielenenden angepasst, bleibt aber inhaltlich nahe an der klassischen Vorlage. Figurentheater, wie man es sich wünscht. Und das Publikum ist begeistert.

Vor Stückbeginn wendet sich Alexander Pinto, Geschäftsführer des Hamburger Puppentheaters, ans Publikum, begrüßt die Gäste zur neuen Saison, kündigt ein paar Highlights an. Unter anderem plant Pinto ein „Experiment“: Schattentheater! Und in dieser Ankündigung zeigt sich das Dilemma, in dem das Puppentheater in Hamburg befindet: Man bewegt sich hier in einer Welt, in der Schattentheater als Ausnahme gesehen wird, als etwas, das man sich trauen muss. Als etwas, das man dem Publikum mühsam nahebringen muss. Tatsächlich ist das Schattentheater schon immer eng mit dem Puppentheater verbunden, auch in „Jedermann“ gibt es eine Passage als Schatten, die von den Zuschauern gefeiert wird, dennoch, als eigenständige Form ist es schwierig.

„Wir haben im Abendprogramm tatsächlich noch nie Schattentheater gezeigt“, bestätigt Pinto ein paar Tage nach der Premiere beim Interview. „Vor zwei Jahren hatten wir ,Die Vermessung der Welt‘, da war das ein ästhetisches Element im Stück, aber reines Schattentheater gab es bei uns bisher keines.“ Das Hamburger Publikum erwartet entsprechend, dass Figuren gezeigt werden, und schon ein kleiner Ausbruch aus dieser Ästhetik ist ein Experiment, das vorbereitet werden will. Zeitgenössische Formen, Performatives, Immersives etwa, haben es da schwer.

„Bisher gab es so gut wie kein zeitgenössisches Puppen- und Figurentheater in Hamburg, was mit unserem Profil und der Publikumspräferenz zu tun hat“, meint Pinto. „Das ist aber auch schade, weil viele spannende Produktionen, die sich mit zeitgenössischem Figurentheater auseinandersetzen, die sich gesellschaftlich relevanter Themen annehmen, noch nicht so gezeigt werden können, wie wir es gerne würden.“ Aber man muss das nicht nur negativ sehen, es bedeutet gleichzeitig einen Unique Selling Point des Hamburger Puppentheaters: „Ich finde das aber auch … gut. Weil das ein klares Profil bedeutet.“ Das Hamburger Puppentheater ist dann eben das Haus in der Hansestadt, an dem traditionellere Theaterformen laufen, während performative Projekte eher am experimentell ausgerichteten Fundus Theater zu sehen sind, und die Regisseurin Cora Sachs ihre Vision eines zeitgenössischen Literatur-Figuren-Theaters unter anderem am Monsun Theater umsetzt.

Das heißt ja nicht, dass das Gezeigte von Gestern sein muss – Stücke wie die Mobbinggeschichte „Amy, Tarik und das Herz-Emoji“ vom Holzwurmtheater aus Winsen an der Luhe oder die Gebrüder-Grimm-Bearbeitung „Sieben allein zu Haus“ vom Hamburger Theater Albersmann greifen durchaus heutige Themen auf. Nur eben in einem bislang verhältnismäßig engen ästhetischen Rahmen. Der vielleicht auch in der Geschichte der Bühne begründet liegt.


Foto: Silke Kaufmann

Als Institution besteht das Hamburger Puppentheater schon mehrere Generationen: Gegründet wurde der Trägerverein 1942, um Hamburger Kindern während der Kriegstage Ablenkung zu ermöglichen, damals noch ohne professionellen Anspruch. Seit den Achtzigerjahren lädt der Verein professionelle Ensembles ein. Gespielt wurde im Haus Flachsland, einem beeindruckenden, unter Denkmalschutz stehenden Sechzigerjahre-Bau, der das Haus der Jugend im Bezirk Hamburg Nord beherbergte, und hier sollte Sonntags Puppentheater gezeigt werden. „Samstagabend fanden Discos statt“, erzählt Pinto, „und die ehrenamtlichen Kräfte des Vereins mussten im Anschluss putzen, damit am Sonntag Puppentheater sein kann.“ Nachdem das Haus der Jugend 2012 geschlossen wurde, übernahm die Kulturbehörde der Hansestadt die Immobilie und gab sie dem Hamburger Puppentheater als festes Haus – allerdings muss das Theater sie sich mit dem Hamburger Konservatorium teilen, das hier seinen Standort Ost betreibt. Seither wird das Puppentheater als Privattheater gefördert – und ist somit anerkannter Teil der professionellen Theaterszene.

Vier Jahre später kam Alexander Pinto als Geschäftsführer an Bord, studierter Soziologe, Wissenschaftler an der HafenCity-Universität, engagiert im Dachverband freier Theaterschaffender. Pinto ist kein expliziter Puppentheater-Spezialist, dafür ist er jemand, der die Strukturen des freien Theaters kennt, der Förderinstrumente im Griff hat und eine Professionalisierung des Hauses beherrscht. Außerdem ist er im Figurentheater-Mekka Halle aufgewachsen und deswegen von klein auf mit dieser Kunstform verbunden. Mit einer Kunstform, deren Tauglichkeit für Erwachsene in Ostdeutschland niemand in Frage stellt. „Wenn man in Halle von der ,Puppe‘ redet, dann ist klar, dass man damit Erwachsenentheater meint“, erzählt er. Anders in Hamburg: „Im Westen steht das Puppentheater viel stärker in einer Tradition, die sich aus der Kinder- und Jugentheatertradition und aus der Kinderkultur entwickelt hat. Und das Puppentheater wird oft von Tourneebühnen geprägt.“ So sieht dann auch der Spielplan des Hamburger Puppentheaters aus: ausschließlich Gastspiele. Wenn auch hochkarätige – Gruppen wie das schon erwähnte Hohenloher Figurentheater oder das Theatrium Steinau sind nicht umsonst Stars in ihrem Bereich. Die finden in Hamburg eine perfekte Bühne für ihre Kunst, aber diese Kunst wird trotzdem nicht als Projekt des Hamburger Figurentheaters erkannt.

Ein weiterer Punkt: Von 13 Aufführungen im Oktober sind zwölf Produktionen für Kinder und Jugendliche. Im Grunde würden auch Stücke wie „Der König der Löwen“ als Figurentheater durchgehen, weiß Pinto, oder das postdramatische „Uncanny Valley“ von Rimini Protokoll. Aber keine Chance. In Hamburg ist Figurentheater Theater für Kinder, und wenn mal ein Erwachsenenstück auftaucht, dann ist das die Ausnahme.

Pinto findet das nicht nur schlecht, allerdings nicht besonders zukunftsträchtig: „Die Struktur, die dieses Haus als reines Gastspielhaus gerade hat, wird in den nächsten fünf Jahren an ihre Grenzen kommen. Die Tourneetheater haben einen Generationswechsel vor sich: Viele dieser Theatermacher gehen bald in Rente.“ Und wer nachkommt, hat nicht mehr unbedingt Lust auf das Produzieren im Tourneebetrieb: „Tourneetheater produzieren ein Stück, teilweise mit eigenem Geld, und dann spielen sie das durch, bis es sich amortisiert hat. Junge Theatermacher denken in anderen Produktionszyklen: Die beantragen eine Förderung, produzieren, zeigen das entstandene Stück fünfmal, und dann beantragen sie die nächste Förderung.“ Und in diesem Denken verändert sich auch die Rolle des Hamburger Puppentheaters. „Gehen wir eher in eine Koproduktionsposition, bis zu Eigenproduktionen? Gehen wir in Richtung En Suite? Spielen wir die Stücke länger?“ Noch befinden sich diese Ideen in der Diskussionsphase, klar ist allerdings: Jede dieser Ideen würde die Rolle des Hamburger Puppentheaters innerhalb der Szene verändern.

Noch ist es so, dass das Hamburger Puppentheater als etablierte, feste Bühne in erster Linie strukturell und politisch anerkannt ist. Dass diese Anerkennung im künstlerischen Bereich weniger deutlich ausfällt, hängt damit zusammen, dass das Haus nicht produziert; in der Szene tauchen schlicht keine Stücke des Hamburger Puppentheaters auf. Entsprechend wird die Neupositionierung des Hauses auch mit einer veränderten Wahrnehmung einhergehen, egal, wie sie am Ende ausfallen wird.

Seine ersten vier Jahre als Geschäftsführer beschreibt Pinto als strukturelle Modernisierung, von der das Publikum wenig mitbekommt: „Wir wollten das Fundament dieses Vereins und dieses Hauses stärken. Das heißt: Wir richten einen echten Theatersaal her, wir bauen vernünftige Technik ein, wir ändern die Rahmenbedingungen des Hauses, auch durch zeitgemäße Bürotechnik. Und wir schaffen eine Grundlage, was die Personalsituation anbelangt.“ Und in einem zweiten Schritt wird das Programm modernisiert. Eine erste Möglichkeit wäre, ein Festival zu veranstalten, mit dem Produktionen in Hamburg gezeigt würden, die aktuell nicht ins Programm passen würden. Stücke für Erwachsene, womöglich sowas Verrücktes wie Schattentheater? „Ich sehe da einfach ein enormes Potenzial, nicht nur für Kinder, sondern auch im Erwachsenenbereich“, lacht Pinto. „Das Puppentheater ist eine Kunstform, die in Hamburg noch überhaupt nicht ausgeschöpft ist.“

 

Hamburger Puppentheater
Bramfelder Straße 9
22305 Hamburg

Fotos
Saal: Silke Kaufmann
Puppen: Juliane Kühn
Titelbild Theater: Juliane Kühn