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Mit vollen Händen und den Händen voller Farbe.

10. Dezember 2021

Von Annette Dabs

Nachruf auf Joachim Torbahn (28.07.1962 - 03.12.2021)

Lieber Joachim,


das erste Mal, als wir uns begegneten, das war 1999, da nanntet ihr euch noch Tristans Kompagnons. Zu denen gehörte damals auch Tristans Schwester, die in der Produktion „Wagners Ring – ein Opernabend“ heldenhaft alle Gesangsrollen übernahm. Du warst als bildender Künstler zuständig für die Ausstattung, aber hast eigentlich immer auch gespielt und Regie geführt. Es war diese Unerschrockenheit, Wagners Ring mit drei Personen innerhalb einer Stunde auf der Bühne abzuhandeln, die mich auf euch aufmerksam machte. Da hattet ihr euch gefunden, in der gleichen Lust, Großes anzugehen mit kleinsten Mitteln. Und mit der für euch typischen Mischung aus Ungeniertheit und Ironie bei gleichzeitig hohem Anspruch an die intellektuelle Durchdringung eines Werkes. Immer legtet ihr Wert auf eine gründliche Reflexion der von euch eingesetzten Mittel und auf künstlerische Qualität. Zu gern wäre ich mal dabei gewesen, wenn ihr neue Pläne ausgeheckt habt, vermutlich mit erhitzten, spitzbübischen Gesichtern und dann wieder akribisch und ernst. Die Oper hat euch Musikbegeisterte nicht losgelassen, die Zauberflöte musste natürlich auch angegangen werden - aber dazu später.

Der Wagner’schen Opulenz folgte wie in Konsequenz ein Kleinformat: „Zwerge. Eine fränkische Passion“. Die Nähe zum Volkstheater verband euch mit dem zeitgenössischen Autor Fitzgerald Kusz, mit dem ihr insgesamt drei Inszenierungen realisiert habt. Ich verstand als Norddeutsche kaum ein Wort, war ja alles Fränkisch, aber die Tragikomik habt ihr spielend transportiert. Und eure Zwerge waren schlicht umwerfend!

Irgendwann fing das dann an, dass Du Deine Leidenschaft, das Malen, mit der Bühne verbinden wolltest: Das Maltheater wurde zu Deinem Markenzeichen. Was Du da auf Deiner Leinwand mit wenigen Farbklecksen und gekonnten Schwüngen für Welten entstehen lassen konntest! Was für Geschichten Du erzählen konntest! „Was macht das Rot am Donnerstag?“ war eine völlig neue Form des Erzählens. Und das Publikum liebte Dich dafür. Es liebte Deinen Charme, Deine Verschmitztheit und staunte über Dein handwerkliches Können. Mir ging es ebenso, und ich stellte fest, dass Du zu den sehr wenigen mir bekannten Künstler*innen gehörtest, die Anarchie mit Poesie verbinden können, und zwar zubereitet für Alt und Jung gleichermaßen.

Oft haben wir uns getroffen, nicht nur bei der FIDENA, sondern auf vielen Festivals gefeiert! Du warst international ein angesehener Künstler. Es war immer eine besondere Freude, Dich wiederzusehen. Und es gibt daran reichlich Erinnerungen: Ich wollte mir in der Nürnberger Tafelhalle eure neue Produktion „Zauberflöte – Eine Prüfung“ anschauen. Mit der ihr dann durch die ganze Welt getourt seid. Und da seid ihr samt dem vorzüglichen ensemble KONTRASTE im Frachtaufzug stecken geblieben. Der kleine Hubsi, wie wir den damaligen Leiter der Tonhalle immer nannten, rannte panisch hin und her, spendierte mir zwischendurch einen weiteren Rotwein, um irgendwie die Wartezeit zu versüßen, vertröstete das Publikum und machte sich, wie wir alle, große Sorgen um euch. Die sensationelle Aufführung, die dann eine Stunde später über die Bühne fegte, entschädigte uns ebenso wie euch, denn alle Beteiligten hatten diebischen Spaß daran, Teil eures abenteuerlichen Konzepts zu sein.

Lieber Joachim, Du zauberhafter Mensch, jetzt lässt Du Deinen Kompagnon allein. Uns alle. Wir sind sehr traurig, dass wir Dich nicht mehr haben. Und sehr dankbar für alles, was Du gegeben hast. Sozusagen mit vollen Händen und den Händen voller Farbe.

Annette


PS: Ein schönes Portrait schrieb Katja Spieß einmal, nachzulesen über diesen Link:

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