Die aktuelle Kritik

Schauspielhaus Bochum: „Die unglaubliche Geschichte vom kleinen Roboterjungen“

Von Max Florian Kühlem

Eine moderne Pinocchio-Geschichte, die ihr junges Publikum erreicht.

Von Max Florian Kühlem

Wer der Star des neuen Familienstücks am Schauspielhaus Bochum ist, wird kurz vor Schluss eindrucksvoll klar: Hunderte Kinder schreien sich da im Publikumsraum die Seele aus dem Leib, weil sie nicht hinnehmen wollen, dass dem kleinen Roboterjungen sein Gehirn entfernt wird. Der Roboterjunge ist eine Stabfigur – und hat in den gesamten 80 Minuten keinerlei Text.

Dass die moderne Pinocchio-Geschichte ihr Zielpublikum derart emotionalisiert ist umso erstaunlicher, weil sie eigentlich keine außergewöhnlich starke, eher starre Geschichte erzählt. Die auf Familienstücke spezialisierte britische Kompanie Theatre-Rites legt ihre Stückentwicklung „Die unglaubliche Geschichte vom kleinen Roboterjungen“ als eine Mischung aus Wissenschaftsshow für Kinder und szenischen Ethik-Diskurs an. Regisseurin Sue Buckmaster und Autor Jimmy Osborne haben bei ihrer Recherche auch mit Neurowissenschaftler*innen, Ärzt*innen und Patient*innen zusammengearbeitet.

Ihre eigene Faszination für das Gehirn und die Forschung an diesem wohl wichtigsten Organ des Menschen übertragen sie allerdings gleich in den ersten Minuten auf ihr Publikum. Das Forscher*innen-Team stellt da anschaulich ein Modell des Gehirns dar: Jede*r nimmt einen Platz ein und erzählt von den dazu gehörigen Aufgaben – vom Hirnstamm, der zum Beispiel für die Atmung zuständig ist, bis zum Frontallappen, der dafür sorgt, dass wir Sinneseindrücke sortieren und uns angemessen verhalten.

Und das Ensemble lehrt gar nicht mal so beiläufig noch etwas anderes: In diesem Team sind mehr Frauen als Männer, Mercy Dorcas Otieno spielt die leitende Neurowissenschaftlerin Dr. Maryiam Kalu, die immer wieder vorlauten männlichen Kollegen über den Mund fährt, und an zentralen Stellen wird die oberste Chefin Prof. Bergmann (Karin Moog) per Video-Telefon zugeschaltet. Die Leiterinnen verhalten sich allerdings auch nicht groß anders als man es aus der Männerwelt gewohnt ist: Ihre Forschung ist offenbar interessengeleitet. Das Gehirn des Roboterjungen soll nur als Ersatzteillager für kranke Menschenhirne dienen. Als der sympathische Roboter Gefühle entwickelt, im Spiel Humor zeigt und sich schließlich selbst erkennt, wollten sie es nicht wahrhaben und versuchen, ihr Team auf Linie zu bringen.

Doch sie haben ihre Rechnung ohne das Publikum gemacht, dass plötzlich selbst auf den Bildschirmen des wunderbar eingerichteten Bühnenlabors (Joanna Scotcher) erscheint und in die Rolle der Ethikkommission schlüpft. „Ja!“, schreien die Zuschauer*innen wie aus einem Mund, als die Frage aufkommt, ob der Roboter sein Gehirn zurück bekommen und damit wieder zum Leben erwachen soll – und zählen dafür in irrer Lautstärke einen Countdown mit.

Dass sie den Roboterjungen so sehr ins Herz schließen, liegt zum einen an der tollen Puppenkreation von Stitches & Glue, denen das Kunststück gelingt, eine Figur zu schaffen, die zugleich leblose Maschine und unglaublich sympathische, belebte Identifikationsfigur für ein junges Publikum sein kann. Und zum anderen an der starken Figurenführung von Retrofuturistin Franziska Dittrich, die mit dem Roboter liebevoll, achtsam und mit einem Augenzwinkern agiert – und manchmal Unterstützung des gesamten Ensembles erhält, um den Star des Stücks erst tapsig, dann zunehmend forsch und fröhlich zu bewegen.

Offen bleibt allerdings eine Frage: Warum hat man in einer Inszenierung, die eigentlich Geschlechterrollen hinterfragt, dem Roboter so eindeutig (und Titel gebend) ein Geschlecht zugeordnet?

Premiere: 16.11.2019

Foto: Birgit Hupfeld

Text: Jimmy Osborne und Sue Buckmaster
Regie: Sue Buckmaster
Mit: William Bartley Cooper, Franziska Dittrich, Jost Grix, Mercy Dorcas Otieno, Kinga Prytula, Markus Schabbing, Johanna Wieking, Jing Xiang
      

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