Aufbruch II - Pragmatismus im Puppentheater

09. Juli 2018

von Tom Mustroph

Gleich drei Nöte wollten die ostdeutschen Ensemblepuppentheater mit dem Programm "Aufbruch" begegnen - der Unlust der neu ausgebildeten Spieler, an ihre Häuser zu kommen, dem Mangel an akademisch ausgebildeten Puppentheaterregisseuren und dem Wahrnehmungsproblem des Subgenres insgesamt. Es gab Fortschritte auf allen Ebenen.

Problem erkannt, Lösungen auf den Weg gebracht - so könnte man den Stand bei "Aufbruch II", dem zweiten großen Get Together der ostdeutschen Ensemblepuppenthater in Magdeburg beschreiben. 2016 fand das Auftaktsymposium statt, damals wie jetzt an das Festival "Blickwechsel" gekoppelt. Denen, die vor zwei Jahren da waren, blieb vor allem die heftige Auseinandersetzung zwischen den Vertretern der Häuser und den Vertretern der Hochschulen in Erinnerung. "Ihr bildet gar nicht mehr für uns, sondern nur noch für die freie Szene aus", lautete die Anklage der Häuser. "Ihr seid ästhetisch und strukturell so wenig flexibel, dass die bei uns ausgebildeten Künstler gar kein Interesse haben, zu euch zu kommen. Und ihr kommt ja nicht einmal an unsere Schulen, um euch vorzustellen", konterten die Vertreter der Hochschulen aus Stuttgart und Berlin. Ein echter "High Noon".

Magdeburg liegt zum Glück nicht in Texas. Es flogen keine Kugeln. Am Elbufer häuften sich nicht die Leichen. Vielmehr wurden Kollaborationen vereinbart. Die Häuser kamen zu den Schulen, Studenten sahen sich die Häuser an. Absolventen heuerten wieder in der ostdeutschen Provinz an. Und das Laboratorienprogramm von "Aufbruch" wurde zum zart instutionalisierten Aufbrechen in neue Landschaften.

Drei Laboratorien wurden vorgestellt. Der "Aufbruch" der Puppenspielsparte des Deutsch-Sorbischen Volkstheaters Bautzen orientierte sich ästhetisch an den Mobiles von Alexander Calder, narrativ am Schiffstagebuch des Amerika-Entdeckers Christoph Kolumbus und inhaltlich daran, wie Hierarchien aufgebrochen werden können. Es wirkte, aus Berliner Sicht, wie frühe 90er Jahre. In Bautzen aber, das war zu spüren, waren die Widerstände, wie sie das freie Theater der 90er meist lediglich behauptete, noch echt, noch wirksam. Sie äußerten sich im Unverständnis vieler Theaterangestellter, dass hier kein abendfüllendes Stück entstehe. Auch darin, dass für ein Extraprojekt eben kaum Zeit ist im Proben- und Aufführungsplan einer gut eingeölten Theatermaschinerie. "Da gab es Tage, an denen theoretisch Aufbruch-Projekt war, ich mich aber entscheiden musste, ob ich die kurze Zeit zwischen zwei Proben nutze, um dabei zu sein, oder um zu schlafen, zu essen und Text zu lernen", schrieb die Schauspielerin Ana Pauline Leitner ins Booklet, das den Bautzener Aufbruch dokumentierte.

Strukturell war immerhin ein Anfang gemacht, denn Puppenspieler und Schauspieler des Hauses hatten sich gemeinsam mit freien Künstlern einen ersten Freiraum gestaltet und daran geschnuppert, wie es ist, nicht mehr nur angestellt Bühnenanweisungen zu folgen, sondern selbst als Künstler Entwicklungen anzustoßen.

Zwei Schritte weiter war hier schon "Tiefsee", ein künstlerisches Forschungsprojekt des Figurentheaters Chemnitz mit der freien Gruppe komplexbrigade. Komplexbrigade ist ein Game-Theater-Kollektiv. Gemeinsam mit dem Ensemble aus Chemnitz wurde ein Gameformat für 30 Schüler entwickelt, die mit einem U-Boot in die Tiefsee tauchen und dabei Fische entdecken und Müll aufsammeln. "Die große Frage war zu Beginn, wie schaffen wir es, dass das große Haus nicht die freie Gruppe frisst, sondern beide zusammenarbeiten und ein Mehrwert entsteht. Das hat funktioniert, auch wenn es manchmal eine Zerreißprobe für das Haus bedeutete", fasste Gundula Hoffmann, Spartenleiterin in Chemnitz, die Kollaboration zusammen. "Tiefsee" hat mittlerweile seinen Platz im Spielplan gefunden. Hoffmann strebt neue Kooperationen an. Und sie will für das sperrige U-Boot-Objekt einen Platz außerhalb des Theaters finden, wo es dauerhaft bespielt werden kann.

Das dritte Laboratorium war das ästhetisch aufregendste. Richard Barorka und Tobias Eisenkrämer, zwei Puppenspieler aus den Ensembles von Magdeburg und Chemnitz, taten sich als "Sci-Fi-Piraten" zusammen und entwickelten eine neue Form von analog produziertem Projektionstheater. Sie standen, Alchemisten gleich, vor rätselhaften Kästen und ließen in diese Wassertropfen fallen, mal leuchteten sie in sie hinein, mal bewegten sie Puppen und andere Objekte darüber. Alles wurde abgefilmt und aus den vier Bildschichten Räume gebaut und kurze narrative Sequenzen geformt. Barorka und Eisenkrämer zeigten das Werkzeug für ein neues Objekttheater. Ihre Häuser, so versprachen sowohl Hoffmann als auch Frank Bernhardt, künstlerischer Leiter des Puppentheaters Magdeburg, wollen die Ressourcen für eine Produktion mit diesem sich entwickelnden Instrumentarium bereitstellen, vor allem also bezahlte Zeit und bezahlten Raum.

Die "Sci-Fi-Piraten" machten aber auch Lust auf ein Mehr an Forschungsfreiraum an den Häusern.  "Ich sehe Theater prinzipiell als Forschung. Und wir an den festen Häusern haben doch mehr Freiheiten, Dinge auszuprobieren als die freien Künstler, die von jeder einzelnen Produktion, die sie machen, extrem abhängig sind", meinte die Chemnitzer Spartenchefin Gundula Hoffmann. Die Lust aufs Experiment ist also da, gerade an den oftmals belächelten festen Häusern für das Puppen-, Objekt- und Figurentheater.

Magdeburg, Gastgeber von Festival und Symposium, und auch Co-Finanzier der Laboratorien, hat in Sachen verstetigter künstlerischer Forschung ohnehin große Dinge vor. "Wir wollen ein mitteldeutsches Zentrum für Figurentheater werden, mit Laboren und Residenzen. Wir wollen Raum schaffen für Künstler, die mal drei Wochen aus dem Spielbetrieb herausgehen und etwas Neues ausprobieren wollen und hier eine Art Residenz erhalten", blickte Bernhardt in die Zukunft.

Bereits in der Gegenwart setzt das Haus Akzente. Es beherbergte vier Masterclasses, in denen Schauspielregiestudenten zusammen mit Puppenspiel-Studenten Szenenstudien erarbeiteten. Das stellte einen selbst organisierten Versuch dar, dem Mangel an Puppenspielregisseuren zu begegnen. "Es gibt in Deutschland keine akademische Ausbildung zum Puppenspielregisseur. Das ist ein echtes Manko", meinte Anke Meyer, Mitinitiatorin und Leiterin von "Aufbruch". Weder werden Puppenspieler institutionell zu Regisseuren weiterentwickelt noch gibt es Module für Schauspielregisseure, sich im Umgang mit Puppen und Objekten und den Künstlern, die sie bauen und führen, zu üben. "Wir merken das an den Häusern. Im Puppen- und Figurentheater muss man anders inszenieren als im Schauspiel. Puppen und Objekte sind eine ganz eigene Ebene", sagte Bernhardt. Um diese Lücke zu schließen, gab Magdeburg in den letzten Jahren den eigenen Spielern den Freiraum, selbst zu inszenieren. Die Masterclasses sind nun ein weiterer Schritt. Puppen-affine Schauspielregisseure werden mit dem Genre vertraut gemacht.

Damit wird ein viel versprechendes Feld erobert. Inspiriert von "Aufbruch" – und finanziert von einer Spende an das Theater – etablierte die Puppenspielsparte der Bühnen von Gera-Altenburg eine zweijährige Residenz für Puppen-affine Schauspielregisseure. Erste Residentin ist Kai Anne Schuhmacher, Absolventin des Max-Reinhardt-Seminars Wien, als Regisseurin bereits am Schauspiel und der Oper Köln aktiv und dort auch als Puppenbauerin in Aktion getreten. In den zwei Jahren wird sie drei Produktionen in Gera verantworten. "Für mich bietet die Residenz die Gelegenheit, dieses für mich noch recht neue Gebiet kennenzulernen und dabei mit Profis zusammenzuarbeiten", meinte Schuhmacher, die bei "Aufbruch" von ihren Erfahrungen berichtete.

Die "Aufbruch"-Initiatoren Bernhardt und Meyer erhoffen sich von solchen Initiativen auch Schubkraft für eine Veränderung der Ausbildung an sich: Puppenspielmodule im Regiestudium, Regiemodule im Puppenspielstudium und auch Puppenspielmodule bei den Theaterwissenschaftlern, um den Diskurs um die Puppe fachlich weiter zu bringen und dem Genre selbst mehr Gewicht zu verleihen. In der nahen Zukunft will Bernhardt zumindest die Masterclasses für die Studierenden aus Schauspielregie und Puppenspiel als Begegnungsraum institutionalisieren. "Zwei Mal im Jahr sollte das machbar sein", meinte er. "Eigentlich könnten auch wir die Regisseure beherbergen", meinte am Rande der Präsentation der Masterclasses Ralf Meyer, Dramaturg des Puppentheaters Halle. Das gute Beispiel strahlt aus. Am theater junge generation in Dresden startet zu Beginn der Saison 2018/19 gar eine Weiterbildungsakademie für Puppenregie unter Federführung der Regisseurin und Dozentin Astrid Griesbach.

Ein echter Aufbruch also in der gesamten Szene. Unverständlich bleibt nur, warum die Bundeskulturstiftung bislang all diesen strukturellen Initiativen ihre Unterstützung versagte.

Foto: Viktoria Kühne