Schaubude Berlin: "Theater der Dinge 2025"
11. November 2025
Passt ein Raumschiff in eine Garage? In der Garage im Hof der Schaubude befindet sich jedenfalls eins. „Robinson Crusoe“ steht im Bücherregal, leere Pizzakartons stapeln sich in der Ecke. Noch ist der coole Retro-Drehstuhl vor dem großen Panoramafenster unbesetzt. Zwölf neugierige Augen schauen aufs detailverliebte Pappmodell. Lena Biresch vom XR Kollektiv PRESS [ST] ART hat eine VR-Brille in der Hand, die setzt sie mir auf den Kopf, und ich werde augenblicklich in das virtuelle Raumschiff hineinkatapultiert. Ich bin das einzige Besatzungsmitglied und muss erst mal eine Taschenlampe finden, so dunkel ist es da drin. Das Kollektiv probiert auf dem Festival Theater der Dinge mit neugierigen Besucher:innen aus, ob das Cross-Reality-Game „Now! A Realities Odyssee“, das noch in der Entwicklung ist, in der Anwendung funktioniert. PRESS [ST] ART will ein Spiel, in dem sich der Akteur mit der VR-Brille und die übrigen Spieler:innen, die über ein Tablet in direkter Verbindung zum Raumschiff stehen, im virtuellen Raum vereinen. Das gelingt und ist ein schöner, überraschender Gemeinschaftsmoment. Ungern setze ich die VR-Brille ab, weil es im virtuellen Raumschiff so gemütlich ist. Das hat konkret mit dem Pappmodell zu tun, das in der Garage steht. Es wurde als visuelle Grundlage für das Spiel abfotografiert. Seine Haptik ist auch noch im virtuellen Raum spürbar.
Das kreative Zusammendenken von traditionellen künstlerischen Praktiken mit Technik im Allgemeinen und im Speziellen KI war die Schnittmenge bei fast allen Produktionen der diesjährigen Ausgabe von Theater der Dinge an der Schaubude. Der Fokus lag auf autonomen Objekten. Sechzehn Produktionen aus sieben Ländern wurden Anfang November an sieben Standorten in Berlin gezeigt. Das Festivalzentrum, die Schaubude, war tapeziert mit KI-generierten Hasenfotos. UFK Benedikt Braun & Gaswerk Weimar e.V. machten das Theater-Foyer zum temporären Produktionsort, indem jede:r sich ein eigenes Hasenfoto auf Grundlage eines Selfies generieren lassen konnte. Mit der entsprechenden Anweisung für die KI und einer Prise Überraschung.

"555 bugs" von Maryia Kamarova © Mizuki Nakeshu
In der Garage gab es noch einen anderen Untermieter: eine kleine Maschine, die ihren ‚Arm‘ in verschiedene Richtungen bewegte. Ihre durch Technik generierten Bewegungen wirkten überraschend sexy, so wurde sie inszeniert – im Zusammenspiel mit einer KI-generierten „Stimme der Maschine“, einem elektronischen Klangteppich und einem starken Lichtspot. (Drawn von Luit Bakker, Niederlande). Im kleinen Theatersaal vereinte Maryia Kamarova aus Belgien in „555 bugs“ durch eingebaute Kleinstelektronik ein Meer von Bonbon-Blechdosen und anderen Kleinobjekten zu einem spannenden, sich ständig verändernden Klangteppich. Im großen Saal setzt Ugo Dehaes das Experiment fort, mit dem er schon 2023 zu Gast war: Tanz durch Roboter zu performen. In „Moving Skin“ (Titelfoto) sucht er nach einem technischen Äquivalent für Haut und Muskeln. Immer neue Versuchsvarianten holt er aus seinen Pappkartons, lässt sie auf dem Spieltisch ihre Runden drehen und kommentiert, was wieder nicht geklappt hat. Und entwickelt direkt aus dem Scheitern heraus eine neue Idee.
Und dann steht auf einmal Mika Satomis Stofftier-Cello in der Schaubude. Anstelle des Klangkörpers aus Holz umgeben ineinander verknäulte Stofftiere den Rumpf des Instruments. Über allem thront mittig ein kleiner Bär. Als ich seine Pfote drücke, ertönt ein leises KI-generiertes Stöhnen. Sanft streichle ich sein Gesicht und das Stöhnen verstummt. Eine andere Besucherin berührt den Bären und kann das Gewimmer nicht stoppen, denn die KI reagiert jedes Mal anders. Und so fasziniert das Stofftier-Cello und hält gleichzeitig auf Distanz, da die Situation jederzeit außer Kontrolle geraten kann. So wird der Bär zu einem spielerisch-sinnlichen Kommentar zur gegenwärtigen Diskussion über die Nichtkontrollierbarkeit der KI. Im Dock 11 wälzt sich Roboterhund „Spot“ auf dem Rücken. Seine Oberfläche ist schwarz und glatt. Er ist extrem steril. Anstatt eines Kopfes thront ein rechteckiges Etwas auf dem Rumpf. Und zwei grellgrüne Leuchtstreifen ersetzen das Augenpaar. Was ihn trotzdem anziehend macht und fürs Publikum belebt, ist die beeindruckende Eleganz der Beinbewegung, die der eines Schäferhundes kongenial nachempfunden ist. Silke Grabinger von SILK Fluegge (Österreich) trägt mit ihm Kompetenzkämpfe aus. Mehr als einmal stehen sich beide wie in einem Boxring gegenüber. Dann aber beginnt eine Annäherung. Das geht so weit, dass sich Grabinger, nachdem sie dem Roboterhund die Technik aus dem Leib entfernt hat und er wie schlafend da liegt, daneben legt und ihn mit ihrem ganzen Körper umarmt.

"SPOT SHOT BEUYS" von SILK Fluegge © Meinrad Hofer
Im Ladenlokal der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch, dem Sitz des Masterstudienganges „Spiel und Objekt“, braucht die KI keinen analogen Gegenstand mehr, mit dem sie sich verbindet. Der von den Studierenden entwickelte Parcours „Making friends“ will die Teilnehmenden ins Nachdenken bringen über sich selbst in der Rolle als Freund:in. Eine Station nutzt die KI als Stimme, die Freundschaft suggeriert. So spaziert man auf einem Teppich auf und ab, der engmaschig mit Sensoren überzogen ist. Im Kopfhörer die Stimme der KI, die über die Sensoren, die man beim Gehen berührt, gesteuert wird. Sie begleitet einen, lenkt die Schritte und täuscht eine Pseudo-Intimität mit dem Zuhörenden vor. Eine andere Parcours-Station besteht aus drei Glasbehältern, dem Lebensraum der „mios“. Sie sind weißlich, schauen aus wie die Verbindung von Nacktschnecke und einer mit Haus und können durch den Atem eines Menschen belebt werden. Der „mio“ ist vier Stunden lebensfähig, muss aber ständig ‚beatmet‘ werden. Mindestens 300 Gramm schwer ist so ein „mio“, sagt die Teilnehmerin, die ihn an der Backe hat. Groß und schwer hängt er an ihrem Unterarm, quillt auf einmal auf und fällt dann wieder in seine ursprüngliche Größe zurück. „Er atmet aber nicht synchron mit mir“, konstatiert sie. Autonomie und Abhängigkeit.
Auch in ein Festivalprogramm, das sich dezidiert den autonomen Objekten verschrieben hat, schmuggeln sich Formate, in denen Menschen auf der Bühne sind, die klassisch analog Handpuppen animieren. Ihr Festivalticket: Sie stellen sich furchtlos der Gretchenfrage im Puppentheaterkosmos: „Führe ich die Puppe oder führt die Puppe mich?“ Cie. laut&schief (Deutschland) machen daraus ein furioses Puppenkaraoke. Die zwei Lager treten gegeneinander an, singen und (puppen)spielen sich die Seele aus dem Leib und kämpfen dabei um die Deutungshoheit. Im Fundus neben der Bühne wehren sich die Puppen gegen ihre Rechtlosigkeit als Bühnenangestellte und streiken. Die Gretchenfrage bleibt weiter offen. Was aber mit jedem Festivaltag deutlicher wird: Man kann sich nochmal ganz neu kennenlernen. So viele noch nie gesehene, nicht einzuordnende Wesen sind Überraschung hoch drei. Jede Begegnung verlangt ein neues Justieren. Man fängt an, sich dabei zu beobachten, und so ist man, während man im Zuschauerraum sitzt, eigentlich sein eigenes Einmann-Theater.
Theater der Dinge 2025
Internationales Festival des zeitgenössischen Figuren- und Objekttheaters
31. Oktober – 5. November 2025
Infos auf der Website der Schaubude
Besprochene Produktionen:
Now! A Realities Odyssey von XR Kollektiv PRESS (ST) ART [Deutschland] | bunny Workshop von UFK Benedikt Braun & Gaswerk Weimar e.V. [Deutschland] | Drawn von Luit Bakker [Niederlande] | 555 bugs von Maryia Kamarova [Belgien] | Moving Skin von Ugo Dehaes [Belgien] | Felt AI von Mika Satomi [Deutschland] | SPOTSHOT-BEUYS von SILK Fluegge [Österreich] | making friends von Masterstudiengang Spiel und Objekt der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch [Deutschland] | Oke Kara _ Puppenkaraoke von Cie. laut&schief [Deutschland]
Dieser Artikel ist in redaktioneller Zusammenarbeit mit Theater der Zeit entstanden.