Die aktuelle Kritik

Schaubude Berlin: „BÄR. Ein Zeitzeuge erzählt“

Von Falk Schreiber

To bear witness heißt im Englischen Zeugnis ablegen. Und in „BÄR. Ein Zeitzeuge erzählt“ an der Berliner Schaubude legt ein Stofftier Zeugnis ab: von einer Kindheit im Nationalsozialismus.

2. Juli 2024

Josephine Hock stellt sich vor: „Ich bin Erinnerungshelferin für Gegenstände.“ Und der Teddybär an ihrer Seite daraufhin: „Ich bin der Gegenstand.“ Objekttheater in a nutshell. Womit der ästhetische Zugriff von „BÄR. Ein Zeitzeuge erzählt“ an der Berliner Schaubude schon ganz gut umschrieben ist: Es geht darum, die Erinnerungen, die in einen Gegenstand eingeschrieben sind, in Worte zu fassen, nicht darum, das Unbelebte lebendig werden zu lassen. Das Objekt bleibt immer Objekt, der Teddybär ist von Anfang bis Ende kein echter Bär, sondern ein Stofftier, struppig, verfilzt und in Fetzen geliebt, hergestellt in Handarbeit bei der Firma Steiff in Giengen an der Brenz. Was im Stück auch so explizit beschrieben wird, man will ja keine Unklarheiten aufkommen lassen.

 „BÄR. Ein Zeitzeuge erzählt“: Josephine Hock © Constantin Rieß

„BÄR. Ein Zeitzeuge erzählt“ beruht auf den Erinnerungen von Irene Grumach-Shirun, die als Kind eines jüdischen Vaters und einer nichtjüdischen Mutter unter den Nationalsozialisten in Berlin aufwuchs, immer in Angst, dem Rassenwahn zum Opfer zu fallen. Und diese Angst eines Kindes wird aufgefangen vom Stofftier, an das sich die kleine Irene rankuscheln kann, wenn der Horror zu groß wird: Der Bär kann das Kind nicht beschützen, er ist nicht groß, nicht bedrohlich, er brüllt nicht. Aber er kann Wärme und Zuneigung spenden, und diese Wärme und Zuneigung vermitteln sich in Hocks Performance. Im Programm der Schaubude ist die Inszenierung für ein Publikum ab neun Jahren ausgewiesen, und, ja, das passt schon. Auch wenn man es hier mit hartem Stoff zu tun hat, auch wenn bedrückende Bombennächte beschrieben werden oder die Deportation der Großmutter, gibt es immer noch den Bären, der einem selbst das schlimmste Schicksal erträglich macht. Das ist die große Qualität dieser Inszenierung: dass sie es schafft, das drastische Geschehen nicht zu verschweigen, ohne das Publikum nachhaltig zu traumatisieren.

„To bear witness“ bedeutet im Englischen soviel wie „Zeugnis ablegen“. Das ist ein hübsches Wortspiel mit „bear“, „Bär“, das sich ins Deutsche nicht übertragen lässt, weswegen der Untertitel in Berlin etwas ungenau „Ein Zeitzeuge erzählt“ lautet. Wobei das die einzige Ungenauigkeit des rund dreiviertelstündigen Abends darstellt. Hock nämlich ist ansonsten sehr klar darin, was sie erzählen will, und sie nutzt ihre Mittel sparsam aber wirkungsvoll. Den Stoffbären spielt sie offen auf ihrem Schoß oder neben sich, verändert nur leicht ihre Stimme. Und die Erinnerungen, die sich langsam aufbauen, die Dreißiger- und Vierzigerjahre im Berliner Mietshaus, werden als raffiniertes Schattentheater realisiert: Figuren drehen sich da auf einer mechanischen Spieluhr, werfen durch Zuhilfenahme von Taschenlampen und Stofflaken Schatten auf die Bühnenwände, mal bedrohlich, mal poetisch. Und das Gespräch zwischen Stofftier und Erinnerungshelferin ordnet diese Bilder ein und kontextualisiert sie.

 „BÄR. Ein Zeitzeuge erzählt“: Josephine Hock © Constantin Rieß

Diese desillusionierenden Techniken, offenes Spiel mit dem Bären einerseits, offen konstruiertes Schattentheater andererseits, erinnern optisch manchmal an expressionistische Filmarrangements und stellen so eine Verbindung zur beschriebenen Epoche her. Vor allem aber schaffen sie eine Nähe, die sich gerade durch ihren antiillusorischen Charakter aufbaut: „Wir sprechen hier nicht wirklich mit einem Stofftier“, sagt diese Inszenierung, „wir machen Theater über Erinnerung!“ Und weil Hock so ehrlich in ihrer Performance ist, weil das übrige künstlerische Team (Regie: Hannes Kapsch, Szenografie und Kostüme: Luise Ehrenwerth, Puppenbau: Verena Waldmüller) seine Mittel einerseits immer offenlegt, andererseits aber extrem genau mit ihnen arbeitet, glaubt man der Inszenierung das auch.

Ein bisschen ist es schade, dass „BÄR. Ein Zeitzeuge erzählt“ nach 45 Minuten zu Ende ist. „Der Krieg ist vorbei, die Nazis haben keine Macht mehr“, heißt es da, aber man weiß, dass die Familie von Irene nach 1945 nach Israel emigrierte – deutet sich da eine Skepsis an, gegenüber diesem Machtverlust, eine Skepsis, die ja historisch tatsächlich nicht unbegründet war? Und wie ging das Leben von Irene weiter? Kurz erwähnt die Inszenierung, dass dieses Leben interessant gewesen sein muss. Zumal der Stoffbär immer, bis zu Grumach-Shiruns Tod vor wenigen Jahren, an ihrer Seite war. Aber im Grunde spricht es nun ganz und gar nicht gegen die Inszenierung, dass man gerne noch mehr erfahren möchte, dass man Hock gerne noch weiter zusehen möchte.


Schaubude Berlin: „BÄR. Ein Zeitzeuge erzählt

Nach der Biografie von Irene Grumach-Shirun, aufgeschrieben von Jill Levenfeld

Konzept, Performance: Josephine Hock | Regie: Hannes Kapsch | Konzept, Szenografie, Kostüme: Luise Ehrenwerth | Sound: Sebastian Schlemminger | Puppenbau: Verena Waldmüller | Dramaturgie: Tim Sandweg | Antisemitismuskritische Beratung: Juliette Brungs | Lichtdesign: Werner Wallner | Konzeption Begleitmaterial und Workshop: Iven Hoppe, Susann Tamoszus | Audiodeskription: Nicolai Audiodeskription

 

Premiere: 29. Juni 2024
Für alle ab 9 Jahren
Dauer: 45 Minuten

Weitere Spieltermine auf der Website der Schaubude