Die aktuelle Kritik

Staatstheater Stuttgart: "Fly Ganymed"

Von Elisabeth Maier

Verletzte Kinderseelen im Tank: Der Regisseur, Puppenspieler und -bauer Nikolas Habjan setzt mit Studierenden aus Stuttgart Paulus Hochgatterers „Fly Ganymed“ in Szene.

Fremd ist dem Jungen seine eigene Heimat geworden. 52 Einschusslöcher haben das Schulhaus beschädigt, in dem er einst Sicherheit und Halt fand. In seinem Land kann er nicht bleiben. Zwischen vertrockneten Pflanzen und Wüstensand wachsen nur noch Gewalt und Hass. Deshalb schickt ihn seine Familie ins vermeintlich sichere Ausland.

Der Kinderpsychiater und Autor Paulus Hochgatterer erzählt in seinem Stück „Fly Ganymed“ die Geschichte eines neunjährigen Jungen, der vor Kriegen und Tod flüchten muss. Für die deutsche Erstaufführung am Staatstheater Stuttgart hat Regisseur und Puppenvirtuose Nikolaus Habjan mit Studierenden der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart zusammengearbeitet. Mit seinen Klappmaulpuppen ist der österreichische Puppenspieler an den großen deutschsprachigen Schauspielbühnen und Opernhäusern gefragt. Tief blickt das Ensemble bei der Produktion im Kammertheater in die verletzten Seelen der Kinder, die in Lastwagen oder auf dem Mittelmeer um ihr Leben kämpfen.

Schwer lassen sich ihre Schicksale in Worte fassen. In Zeiten der Corona-Pandemie geraten Schlagzeilen von ertrunkenen oder erstickten Kindern oft in Vergessenheit. Dabei treffen die gesellschaftliche Isolation und die Wirtschaftskrise gerade diese jungen Menschen besonders hart. Klug arbeitet Hochgatterer die verzweifelten Gedanken der Kinder heraus, die ein Schlepper in die Fremde bringen soll.

Adeline Johanna Rüss (Bub) ©  Björn Klein

Bereits im Jahr 2012 hat die Regisseurin Jacqueline Kornmüller die Uraufführung des Stücks im Theseus Tempel in Wien in Szene gesetzt. Auch damals war der Puppenspieler Nikolaus Habjan an der Produktion beteiligt. Inzwischen sind fast zehn Jahre vergangen. Die Leiden der Geflüchteten haben sich seitdem verschärft.

In seiner berührenden Regiearbeit setzt Habjan mit den Studierenden des Stuttgarter Studiengangs und mit Spieler:innen aus dem Ensemble des Schauspiels auf die leisen Töne. Den Buben, der aus seiner gewohnten Welt flüchten muss, verkörpert eine Klappmaulpuppe, die Habjan im Rahmen des Projekts geschaffen hat. Adeline Rüss führt die Figur durch ein Leben, das immer mehr aus den Fugen gerät. Anfangs ist da noch der Großvater, den Elmar Roloff souverän und als Fels in der Brandung zeigt. Habjan, der selbst in Wien Musiktheaterregie studiert hat, entwickelt mit dem norwegischen Filmkomponisten Kyrre Kvam einen Sound, der die Handlung sacht der Wirklichkeit entrückt.

„Flieg, Ganymed“ lautet der Titel des Stücks, dessen Text Hochgatterer ganz auf die Innenwelt der Kinder konzentriert. Ganymed ist in der griechischen Antike der Hirtenjunge, den der olympische Gott Zeus wegen seiner Schönheit an den Hof holte und unendlich liebte. Das Bild vom Knaben, der entwurzelt und in die Fremde entführt wird, denkt der Autor auf dem Hintergrund heutiger Wirklichkeiten weiter.

Auf Schotterpisten fährt der eiskalte Schlepper mit den Kindern in eine ungewisse Zukunft. Gábor Biedermann zeigt diese zwielichtige Figur sehr realistisch und kalt. Ihm geht es allein ums Geld. Da schreckt er auch nicht davor zurück, das Mädchen sexuell zu belästigen, wenn ihm gerade danach ist. Diese Puppe führt Anniek Vetter. Schmerzerfüllt verzerrt sie die Gesichtszüge, als der erwachsene Mann ihr an die Beine fasst. Das sensible Spiel der Studierenden zeigt die Folgen der Gewalt für die Entwicklung der Kinder noch viel drastischer, als dies etwa mit Kinderdarstellern möglich wäre. Klug dringen die jungen Puppenspielerinnen in Grenzbereiche der Psyche vor.

Therese Dörr (Grenzpolizistin), Adeline Johanna Rüss (Bub), Gabriele Hintermaier (Grenzpolizistin) © Björn Klein

Angstvoll kauert der kleine Junge in den riesigen Rohren einer Pipeline, die Bühnenbildnerin Denise Heschl ins Zentrum der Bühne rückt. Aus diesem Angstraum schaut der Junge mit den großen, erstaunten Augen, die Habjans Puppenbaukunst so faszinierend machen. Als er an der Grenze von Polizisten aufgegriffen wird, zerbricht auch seine letzte Hoffnung auf ein besseres Leben. Therese Dörr skizziert in dieser kleinen Rolle messerscharf die Mechanismen der Macht, denen die verzweifelten Kinder ausgesetzt sind. Nackte verbale Gewalt übt ihr Kollege auf die Kinder aus. Seine Worte gebraucht Jannik Mühlenweg als Waffe. In diesem Netz der Hilflosigkeit und Strafen sind die Kinder gefangen. Als wohlmeinende Sozialarbeiterin schadet Gabriele Hintermaier den „unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen“ eher, als dass sie helfen könnte.

Mit seinem Regieteam meistert Nikolaus Habjan den Spagat zwischen berührendem Puppenspiel und einem politischen Theater, das die Sorgen und Ängste der Kinder in Zeiten von Flucht und Migration sehr ernst nimmt. Die jungen Puppenspielerinnen Adeline Rüss und Anniek Vetter fördern mit ihrem sensiblen Spiel die inneren Konflikte der Kinder schön zutage. Beiden gelingt das Kunststück, sich in die Sprache der Kinder hineinzudenken. Mit ihren Stimmen und starker Technik erwecken sie starre Masken zum Leben. Aus den vermeintlich groben Zügen der Klappmaulpuppen arbeiten sie wunderschöne, feinste Gefühlsregungen heraus. Ebenso überzeugt ihre Interaktion mit den Schauspielern. „Fly Ganymed“ legt die Grausamkeit der Flucht aus der Sicht der Kinder mit Theaterbildern offen, die ins Herz treffen.

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Deutsche Erstaufführung

„Fly Ganymed“ von Paulus Hochgatterer

Staatstheater Stuttgart in Kooperation mit der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart

Premiere: 15. Januar 2021

Regie: Nikolaus Habjan

Bühne und Kostüme: Denise Heschl

Musik: Kyrre Kvam

Spiel: Adeline Rüss (Bub) und Anniek Vetter (Mädchen) und die Schauspieler Gábor Biedermann, Therese Dörr, Gabriele Hintermaier, Janniek Mühlenweg und Elmar Roloff.

Spieldauer: 90 Minuten.

Fotos: Björn Klein

1 Kommentar
Peter Waschinsky
21.01.2022

Ganymed

Vorschlag: Das Schauspielportal "nachtkritik" setzt unter die Rezension immer noch etwas aus anderen Kritiken. Ich fange hier mal damit an, eine Tageszeitung lobt "Ganymed" etwas kritischer - und nimmt damit das Genre Puppenspiel vielleicht eine Spur ernster.
https://www.gea.de/neckar-alb/kultur-in-der-region_artikel,-allein-in-einer-fremden-welt-_arid,6554335.html

Ich frage mich: Warum reichts am reichen Stuttgarter Staatstheater beim Puppenspiel wieder mal nur für Studenten ? Weil sich in den Credits "Hochschule für usw...." gut macht? Oder weil junge Studentinnen besser Kinderstimmen...? (Ich habe, abgesehen von gewichtigen Ur- und Erstaufführungen, mit 54 am Schauspielhaus Hamburg noch ein Kind gespielt, als Marionette, nicht in den heute üblichen Standard-Techniken).
Ich denke, auch darin zeigt sich schleichende De-Professionalisierung des Genres.

Aber immerhin sind es ANGEHENDE Puppenspielerinnen, sonst läßt Habjan seine Puppen an großen Häusern ja von Schauspielern spielen. Die machen das allerdings meist gut, liebe Puppenspielerkollegen, nicht schlechter als viele von Euch. Beispiel Steffi Krautz: Hat als Schauspielerin grade den Nestroy-Preis bekommen - spielte unter Habjan den Patriarchen im "Nathan" als Puppe, Volkstheater Wien (auf youtube, Puppenszene ab 1.20)

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