Die aktuelle Kritik

Puppentheater Halle: "Die Weltmaschine – mechanisches Theater nebst Wunderkammer"

von Jessica Hölzl

Die Welt ist eine Wunderkammer – eine Uraufführung, die das Ideal linearer Geschichtsschreibung als Konstrukt herausstellt.

Der Saal mit der pompösen Deckenverzierung im Puschkinhaus ist an diesem Premierensamstag in Halle dicht gefüllt mit Menschen. Gespannte Atmosphäre erfüllt den Raum, auf dessen Bühnenbereich ein Guckfenster aufgebaut ist. Umrahmt von schwarzen Vorhängen zeigt eine spanische Wand eine Fotoreproduktion geheimnisvoller Vitrinen, gefüllt mit allerlei Kuriositäten, wie sie in der Wunderkammer der Franckeschen Stiftungen Halle zu finden sind.

„Erleben Sie das leistungsfähige mechanische theatrum mundi! […] Sehen Sie die Entstehung der Welt! […] Es ist ein mechanisches Kunstwerk, wie es kein zweites gibt!“ Mit diesen Worten eröffnet eine blecherne Off-Stimme den Abend, der die Spielerin Tilla Kratochwil als mechanische Puppe in weißem Rüschenhemd, Pumphosen und Barockperücke Mund und Körper leiht und das magisch-mechanische Geschehen einläutet.
 

Beginnend mit der Schöpfungsgeschichte des Alten Testaments über die griechische Version der Entstehung der Menschheit durch den Atem der Pallas Athene bis hin zu entscheidenden Erfindungen und wissenschaftlichen Errungenschaften der abendländischen Geschichte greift die Inszenierung den Grundgedanken der Wunderkammern auf, als Abbild der Schöpfung deren universellen Zusammenhang zu beforschen und darzustellen – und gelangt dabei regelmäßig auf Abwege, kuriose Umleitungen und Widersprüchlich- und Gleichzeitigkeiten, die das Ideal linear kontinuierlicher Geschichtsschreibung immer wieder als Konstrukt herausstellt.
 

Die Entstehung der Welt präsentieren die Spieler*innen Lars Frank, Rainald Grebe und Tilla Kratochwil als Reigen präzis geordneter Abläufe. Als allmächtiger Schöpfer im Zentrum der Guckkastenbühne führt Frank die einzelnen Bestandteile der Welt – wunderbar bunte Pappfiguren mit beweglichen Mechanismen aus Rädern und Seilzügen (Bühne und Puppen: Hamster Damm) – fein säuberlich entlang der biblischen Erzählung ein und schafft so ein auf dem mechanisch betriebenen Fließband gleichmäßig kreisendes Universum. Und er sah, dass es gut war.
 

Doch spätestens mit dem Untergang von Pompeji beginnt sich die Welt zu beschleunigen. Wurde der Ausbruch des Vesuvs noch detailgetreu mit Knallwerk und sichtbarer Explosion visualisiert, muss spätestens im Mittelalter massiv gekürzt werden, will man bis zum Heute vordringen. Was wichtig und erzählenswert, was Wissen ist und was Unfug, darüber herrscht zwischen den Spieler*innen keineswegs Einigkeit. So würde der Eine gern etwas ausführlicher über die Napoleonischen Kriege berichten und fährt ganze Bataillonen winziger Soldaten auf, die sich gegenseitig wortwörtlich am Fließband vernichten. Die Andere wiederum hält die Erfindung der Guillotine für die maßgebliche Neuerung der abendländischen Zivilisation und köpft im Akkord gekochte Eier. Der Dritte hält eigentlich von allem nichts, durchbricht die historischen Abhandlungen mit lautstarkem Protest und verweist auf die Rückständigkeit solcher Debatten angesichts des digitalen Pulses der Zeit.
 

So jagt ein Höhepunkt der Geschichte den nächsten, die einzelne Erzählung ist kaum begonnen, da rollt schon das nächste gewichtige Ereignis heran, bis das 20. Jahrhundert schließlich nur noch als Flut prominenter Köpfe und Symbole auf dem Fließband erscheint.
 

In Manier einer Nummernshow öffnet und schließt sich die Bühne, entfalten sich Zwischenspiele auf dem Harmonium und klangvolle, dreistimmig vorgetragene Choräle. Schilderungen konkreter historischer Szenen wechseln sich ab mit der Präsentation kurioser Sammlungen und besonders beachtenswerter Einzelstücke, dazwischen gibt es Einblicke in die Oologie als gewichtige Wissenschaft der Wunderkammern und essayistische Betrachtungen zum Sammeln und Ordnen im Allgemeinen und Besonderen.
 

Dabei bleibt die Inszenierung der Thematik materialtechnisch treu, arbeitet mit wunderbaren (vielleicht gar echten?) Ausstellungselementen, präsentiert außerordentliche Sammlerstücke und mechanische Figuren und baut zudem unterhaltsame kleine Abwege ein, zum Beispiel ein Schattenkrokodil, das das Deckenfries entlang huscht.
 

Gemessen an den gezeigten Wunderdingen erscheinen die Brüche und Störungen zuweilen etwas abrupt, die die Einzelsequenzen beenden. Einige der vielfachen Ausschweifungen ins Kabarettistische, teils Slapstickhafte lassen doch ein kleines Bedauern zurück, das gehofft hätte, den Miniaturdarstellungen von Raum und Zeit noch ein Weil folgen zu dürfen, scheinen doch das reichhaltige und faszinierende Material der Inszenierung und die anfänglich präsentierte Spielkunst durchaus tragfähig, um das Publikum etwas länger als an diesem Abend gewagt bei Interesse zu halten, ohne allzu rasant zu Hashtags, Selfies und Push-Benachrichtigungen überzuschwenken.
 

Die wilde Reise durch ein Rhizom zeitlicher, räumlicher und materieller Überlagerungen markanter Umschlagpunkte treibt die Schlaglichtshow gen Gegenwart ad absurdum, indem ein Spieler beginnt, seine eigene Lebensgeschichte in die Historiennarration einzuflechten. Individuelle biographische Höhepunkte werden in die Reihe der bislang geschilderten bedeutsamen Großereignisse gestellt und deren Requisiten als Spielfiguren des eigenen Lebens umfunktioniert. Die Überlagerung der verschiedenen Schichten und Narrative in den Gegenständen und Objekten, die immer wieder als maßgeblich verwunderndes Moment der Wunderkammern herausgestellt wurde, kulminiert in einer Eintrittskarte von 1998 für eine Vorstellung von „Faust“, in der die drei Spieler*innen zu ihrer Studienzeit wohl schon einmal aufeinander trafen.


Dem Rückgriff in die Vergangenheit mit Bild und Ton folgt zum Schluss der Sprung ins Jetzt. Im Versuch, sich zuguterletzt der präsentischen Zeit zu nähern, den gegenwärtigen Moment sichtbar zu machen, das Wissen zu bündeln, das per Nachrichtenapp, Instagram und Twitter in der Sekunde des Aufploppens bereits Vergangenheit geworden ist, bleiben Antworten selbstverständlich aus.

Es bleiben nur Bilder und Wunderdinge aus Zeiten und Welten, die das Publikum sicherlich noch ein Stück über die nächsten Twitterposts hinaus begleiten werden.

 

 

 

Regie und Spiel: Rainald Grebe, Tilla Kratochwil, Lars Frank

Bühne und Puppen: Hamster Damm

Mitarbeit: Sebastian Hennig, Marcel Dewart, Lars Frank

Video: Hamster Damm, Emma Kaufmann

Kostüm: Katharina Eichner, Marcel Dewart

Dramaturgische Mitarbeit: Nina Rühmeier

Regieassistenz: Emma Kaufmann

Technik: Daniel Schreiner, Ingo Hädicke

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