Heinrich Sabl: "Memory Hotel"
7. November 2025
1991 stieß der Stop-Motion-Künstler Phil Tippett zum Team des Films „Jurassic Park“ und half, den prähistorischen Kreaturen Leben einzuhauchen, wofür er von Hollywood mit dem Oscar geehrt wurde. Durch den Erfolg beflügelt gründete Tippett seine eigene Produktionsfirma, wodurch er nicht mehr viel Zeit hatte für sein zu der Zeit begonnenes Privatprojekt, ein Langfilm mit dem Titel „Mad God“. Erst 2021, nach 30 Jahren Produktionszeit, wurde das Werk veröffentlicht. Geschichten wie diese sind im Animationsfilm keine Seltenheit, und vor allem Stop-Motion erfordert sehr viel Zeit und Geduld. An „Memory Hotel“, der im Oktober 2024 auf dem Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm seine Premiere feierte und nun in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen ist, arbeitete der Berliner Puppenspieler Heinrich Sabl ganze 25 Jahre lang; gerade mal vier Sekunden entstanden pro Tag. Herausgekommen ist dabei ein beeindruckender Film, der visuell Maßstäbe setzt für den deutschen Trickfilm. In jedem einzelnen Frame spürt man die Detailverliebtheit und das Können von Sabl. Besonders an dem titelgebenden Hotel, dem einzigen Schauplatz des Films, mit all seinen labyrinthartigen Schächten und Verstecken, kann man sich kaum sattsehen.
Die teils grotesken Charaktere - allesamt von Franck Michel designte Puppen, die an fadenlose Marionetten erinnern - bewegen sich für Stop-Motion ohne Computerunterstützung überraschend flüssig, obwohl sie viel härter erscheinen als die formbaren Plastilinfiguren, die man üblicherweise von dem Format gewohnt ist. Der Effekt ist beeindruckend, aber geht auf die Kosten der Identifikation - zusammen mit den Dialogen, die immer ein wenig aus dem Hintergrund zu kommen scheinen, da sie nie so richtig mit den Mundbewegungen überein stimmen, ist es schwer in den Film einzutauchen, man schaut ihm vielmehr von außen zu. Dafür bekommt man aber einiges geboten, die Puppen altern sogar auf eine sehr realistische Weise vor unseren Augen, denn die Handlung spielt über mehrere Jahrzehnte hinweg, da der Film nichts weniger sein will als eine Parabel über die gesamte Geschichte der DDR vom Kriegsende bis zur Wendezeit.

"Memory Hotel" © Heinrich Sabl, Neue Visionen
Vordergründig geht es in „Memory Hotel“ um Sophie (deren erwachsene Version von Dagmar Manzel gesprochen wird), die in dem titelgebenden Hotel aufwächst, nachdem sie gegen Ende des 2. Weltkrieges als Kind auf der Flucht mit ihren Eltern (Steffi Kühnert und Florian Lukas) dort strandet. Ihre Mutter wird beim Kampf um eine niemals erklärte, symbolisch aufgeladene Taschenuhr erschossen von dem Nazi Scharf (Milton Welsh), und als der russische Soldat Wassili (Anton Peisakhov) wild um sich schießend mit einem Fallschirm in der Lobby landet, spaltet ein herabfallendes Hakenkreuz den Kopf ihres Vaters. (Falls es noch irgendwelche Zweifel geben sollte: Dies ist kein Kinderfilm.) Sophie verliert ihr Gedächtnis und weiß ihren Namen nur, weil der Hitlerjunge Beckmann (Milan Peschel), der sich im Luftschutzkeller des Hotels versteckt und von dort aus über sie wacht, ihn ihr zuflüstert. Fortan arbeitet sie in der Küche des Hotels als Köchin und produziert für die russischen Besatzer am Fließband Essen, an dem sich Beckmann heimlich ebenfalls bedient.
Diese Szenen sind ein Highlight des Films; Sophies monotone Bewirtung der Russen durch ein ausgeklügeltes System mit Maschinen und Lastenaufzügen verschmilzt mit den ständigen Diebstählen von Beckmann (und einer Ratte, die nicht nur Essen, sondern auch Szenen stiehlt) zu einem hypnotischen Ballett. An vielen anderen Stellen hetzt der Film leider durch seine ohnehin schon nicht besonders klar erzählte und surreale Handlung und springt ohne Gefühl für Erzählrhythmus von Szene zu Szene. Selbst innerhalb der Szenen kommt er nicht zur Ruhe, Einstellungen dauern in der Regel oft nur wenige Sekunden, ständig bewegt sich irgendwas und lenkt die Gedanken ab. Man fühlt sich erinnert an moderne Musicalfilme, die Tänze nur in Nahaufnahmen mit schnellen Schnitten zeigen, statt einfach mal in einer langen Einstellung die Choreografie zu präsentieren.

"Memory Hotel" © Heinrich Sabl, Neue Visionen
Dies ist eine Geschichte, die interpretiert werden muss - das Hotel an sich ist eine Metapher für die DDR, Sophie steht symbolisch für das Volk, das zwischen Altnazis und russischen Besatzern seine Vergangenheit bewältigen muss. Aber das sind Gedanken, die man sich nicht während des Films machen kann, und das ist das Hauptproblem: „Memory Hotel“ will zum Nachdenken anregen, aber gibt den Zuschauer:innen keine Gelegenheit, einfach mal innezuhalten und das Gesehene zu verarbeiten. Vermutlich, weil einem sonst bewusst werden würde, dass dies alles irgendwie beliebig ist.
Ursprünglich sollte die Handlung in den späten 90ern enden, also zu dem Zeitpunkt des Beginns der Produktion. Aber während der langen Produktion beschloss Sabl, auch auf aktuelle politische Geschehnisse wie den Krieg in der Ukraine anzuspielen, und fügte einen Monolog des Soldaten Wassili am Ende ein. An sich eine gute Szene, die aber die Beliebigkeit nur noch unterstreicht. Sie bildet den neuen Schlusspunkt eines einzigartigen Films, dessen künstlerische Vision einen definitiv beeindruckt, aber der kalt und emotionslos wenig aussagt und an ein Zitat aus dem eingangs erwähnten Jurassic Park erinnert: „Ihre Leute waren nur darauf konzentriert, ob sie es schaffen können. Ob sie es tun sollten, die Frage stellte sich keiner.“
Heinrich Sabl: "Memory Hotel"
Buch, Regie, Kamera, Licht, Animation, Tongestaltung, Produzent Heinrich Sabl | Kulissen, Setbau Heinrich Sabl, Gesine Richter | Charakterdesign Figuren, Hintergründe, Illustration Franck Michel | Figurenbau und Kostüm Franck Michel, Kerstin Borchardt, Gesine Richter, Peter Wächtler | Kamera Assistenz Elisabeth Kirchhoff, Oliver Satorius, Tristan Blust | Licht & Kamera (2. Crew) Andreas Schild | Bild und Ton Ute Schall | Schnitt Animation und Ton Enrico Basl | Filmmusik Erik Lautenschläger (Komposition, Stimme des Chores und Musiker), Thomas Mävers (Komposition) | Tongestaltung Luise Hofmann, Jochen Jezussek (Kino und TV Mischung) | Storyboard Rüdiger Scholz | Untertitel Sophie Schulz, Hannah Tame, Constantin Rath, Florence Corre | Herstellungsleitung Hannah Tame, Sebastian Alten | Producer Hans Christian Boese, Michael Schmetz | Dramaturgische Beratung Hans Christian Boese | Beratung Stimme Sophie Katharina Wackernagel | Koproduzent Philippe Bober
Mit den Stimmen von Sergej Gladkich, Steffi Kühnert, Svenja Liesau, Florian Lukas, Dagmar Manzel, Anton Peisakhov. Milan Peschel, Heinrich Sabl, Esla Seusing, Milton Wels
Kinostart: 30. Oktober 2025
Dauer: 101 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Infos und Spieltermine auf der Website des Verleihs Neue Visionen