Die aktuelle Kritik

Schaubude Berlin: "Das Fest"

Tom Mustroph
 

Schweine, Affen, Wölfe. Das 3. Studienjahr der Zeitgenössischen Puppenspielkunst an der Hochschule „Ernst Busch“ legte mit der Puppenspiel-Adaption des Dogma-Klassikers „Das Fest“ an der Schaubude einen großen Wurf hin.

Die Schaubude war gut gefüllt, nicht nur bei der Premiere, sondern auch zur dritten Vorstellung. Auch über die studentischen Kreise hinaus hatte sich herumgesprochen, dass diese Jahrgangsinszenierung etwas ganz Besonderes ist. Das ist sie tatsächlich. Die zehn Puppenspielstudentinnen und der eine männliche Kommilitone hatten die Geschichte um die Missbrauchsfamilie Klingenfeldt-Hansen ins Milieu der Haus- und Wildschweine sowie anderer Tierarten wie Affen, Wölfe und Echsen verlagert. Die Puppen (Puppenbau: Mario Hohmann und Melanie Sowa) waren etwa halbmenschen-groß. Die Köpfe waren den Tieren nachempfunden, der Körperbau, vor allem die unteren Gliedmaßen, glichen menschlichen Figuren. Der Kern der Familie Klingenfeldt-Hansen wird von Schweinen verkörpert: Rosige Hausschweine die missbrauchte Kindergeneration, noch echte düstere Wildschweine die Großeltern und irgendwo dazwischen, halb wild, halb domestiziert und sichtlich gealtert Patriarch Helge mit Gattin. Freunde und Personal entstammen hingegen anderen Tiergattungen: Toastmaster Helmut ist ein Wolf, Kindermädchen Michelle Äffin, auch Helges Geschäftsfreunde sind Affen, während die Partnerin von Tochter Helene – abweichend zum Filmscript eine Lesbe - als rassige HipHop-Kröte antanzt.

Die Puppen werden meist von drei Performer*innen animiert. Eine Person übernimmt die hinteren, die anderen die vorderen Gliedmaßen, den Kopf und die Stimme. Das Zusammenspiel der sechs Hände bringt die Schweine und Affen mitunter zum Fliegen. Kleiner Höhepunkt ist eine Schweinemasturbation mit Handy. Die ergreifendsten Momente entstehen aber dann, wenn alles stillesteht, wenn die Anklagerede von Schweinesohn Christian an seinen Vater gerade verklungen ist und der Blick des Zuschauers in den starr stehenden Schweine- und Affengesichtern nach Regungen sucht – und sie auch findet. Der Zauber von Puppentheater, die Aufladung unbelebter Materie mit Emotion, ja mit Seele, entfaltet sich in den Händen dieses Ensembles von Hochbegabten auf ganz wunderbare Weise. Singen, Musizieren und chorisch Sprechen können diese Elf natürlich auch. Einzelne Nebenrollen – Köchin Pia und Rezeptionist Lars – werden von den Spielern und nicht von den Puppen verkörpert; das schweißt das in hellen Kostümen agierende und gut sichtbare Ensemble noch stärker mit den tierischen Puppen zusammen.

Eingerahmt wird diese prächtige Bühnensauerei von dem fast vergessenen Kurzmärchen „Wie Kinder Schlachtens mit einander gespielt haben“ der Gebrüder Grimm. Darin ahmen Kinder nach, wie ein Schlachter ein Schwein tötet und ausweidet; das Kind, das das Schwein spielt, wird tatsächlich getötet. Um herauszufinden, ob die Kinder nur ganz unschuldig das Spiel der Erwachsenen nachspielten und die grausame Konsequenz nicht vorab ermessen konnten oder ob sich entsetzliche Brutalität bereits in ihren jungen Seelen festgesetzt hatte, empfiehlt im Märchen ein Weiser, das Kind, das den Schlachter spielte, zwischen einem Apfel und einem Goldstück wählen zu lassen. Nimmt es den Apfel, ist es noch kindlichen Gemüts und solle freigesprochen werden. Wählt es das Goldstück, solle es exekutiert werden.

Helge, des Missbrauchs an seinen Kindern überführt, zitiert am Ende das Märchen – und greift selbst zu einem Apfel: eine grausig-zynische Selbstentlastung.

Die Aufführung wird im September noch einmal in der Schaubude zu sehen sein. Dann zerstreut sich die Truppe zwischen Dresden und Leipzig, Chemnitz und Gelsenkirchen. Im 4. Studienjahr haben viele von ihnen bereits Engagements an den festen Häusern. Ihre Dozenten reisen ihnen dann nach und organisieren Unterricht vor Ort, erzählte Marus Joss, Leiter der Abteilung Puppenspielkunst. Eine gute, weil flexible und pragmatische Herangehensweise an den Einstieg in den Beruf. Die Namen der Elf sollte man sich ohnehin merken: Evi Arnsbjerg Brygmann, Josephine Buchwitz, Bianka Drozdik, Nadia Ihjeij, Lilith Maxion, Jemima Milano, Anastasiia Starodubova, Maximilian Tröbinger, Eva Vinke, Eileen von Hoyningen Huene, Laura Waltz. Regie führte Nis Søgaard, für die Dramaturgie war Schaubuden-Intendant Tim Sandweg verantwortlich.

Wegen des Umzugs ins neue Gebäude der Hochschule in Berlin-Mitte – dort sind alle Abteilungen erstmals vereint – war diese Jahrgangsinszenierung wohl auch die letzte an der Schaubude. Die Probebühnen in der Hochschule selbst wollen bespielt werden. Die traditionsreiche Zusammenarbeit mit der Schaubude will Joss aber nicht aufgeben. „Wir werden über neue Formate nachdenken“, meinte er.

 

Weitere Spieltermine:

13., 14.9. 20 Uhr, 15.9. 19 Uhr.

Textfassung: Juliane Gruner, Burkhard C. Kosminski
Nach dem ins Deutsche übersetzten Drehbuch von Renate Bleibtreu
Spiel: Evi Arnsbjerg Brygmann, Josephine Buchwitz, Bianka Drozdik, Nadia Ihjeij, Lilith Maxion, Jemima Milano, Anastasiia Starodubova, Maximilian Tröbinger, Eva Vinke, Eileen von Hoyningen Huene, Laura Waltz
Regie: Nis Søgaard
Puppen: Mario Hohmann, Melanie Sowa

Foto: www.zsu-szabo.de

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