Die aktuelle Kritik

tjg. theater junge generation, Dresden: "Schokolade"

Von Vincent Koch

Ob als Tafel, in Osterhasenform oder Edelpraline mit Schuss: Schokolade nascht jede*r gern. Dass an ihr auch ein langer, historischer Rattenschwanz hängt, wird gern vergessen. Am tjg. theater junge generation wird die Geschichte der Süßigkeit mit Pepper’s Ghost lebendig.

11. Februar 2026

Dresden schmückt sich gern mit dem Titel „Schokoladenstadt“. Natürlich hat das mit August dem Starken zu tun, der im 18. Jahrhundert eine Trinkschokolade als luxuriöses Souvenir von einer Frankreich-Reise mitbrachte. Zunächst war das also ein bürgerliches Distinktionsmerkmal. Jean-Étienne Liotards Gemälde „Das Schokoladenmädchen“, heute ein Highlight in der Gemäldegalerie Alte Meister, schmückte ein Zeit lang amerikanische Kakaodosen. Als im 19. Jahrhundert die herkömmliche Schokolade zum „einfach so Essen“ entwickelt wurde, avancierte Dresden zum boomenden Zentrum der Schokoladenherstellung. Am tjg. theater junge generation ist jetzt ein Stück zu sehen, das sich mit der Herkunft des Kakaos beschäftigt, aber eben auch die Schattenseiten der Dresdner Erfolgsgeschichte beleuchtet.

Und so hängt an der Tafel Schokolade, die vier Spieler*innen zu Beginn auf der Kleinen Bühne des tjg. finden und am liebsten direkt verputzen wollen, an roten Fäden ein riesiger Haufen Papier dran, mit Buchseiten, Gemälden, und anderen Quellen. Sinnbildlich für die die vielen Verstrickungen, als simples und eingängiges Bild für den langen Rattenschwanz einer einzigen Tafel Schokolade. Konzipiert haben den Abend die belgisch-beninische Künstlerin Pélagie Gbaguidi, der brasilianische Autor João V. Guimarães und Petra Szemacha, die neue Leiterin des Puppentheaters am tjg.

"Schokolade": (v.l.n.r.) Tony Milano, Cecilia De la Jara, Adrienne Lejko © Klaus Gigga

In dem Archiv-Haufen entdecken Cecilia De la Jara, Adrienne Lejko, Tony Milano und Daniil Shchapov etwas unvermittelt drei herrlich nach gemeinsamer Bastelstunde aussehende Pappköpfe: Petra, den Brasilianer Jeff und seine Schwester Otchaly. Und dann taucht plötzlich noch eine personifizierte Kakaofrucht auf, die hier den schönen Namen Kakawa trägt. Eine „Frucht der Erinnerung“, die im Urwald lebt, wo sie von den Maya entdeckt wurde. Petra, Jeff und Otchaly, deren Köpfe sich die Spieler*innen fortan vor die Bäuche halten, wirken wie verzaubert von dieser Begegnung, sodass sie zu einer Amazonas-Expedition aufbrechen.

Um die Reise als Illusion zu markieren, greift das Regieteam auf den faszinierenden Theatertrick „Pepper’s Ghost“ zurück. Diese Technik von John Henry Pepper aus dem 19. Jahrhundert wird heute nur selten noch genutzt, dabei schafft sie magische Bühnenräume. Auf der Bühne hängt ein halbversilberter Spiegel. Dadurch können einerseits auf den Boden projizierte Bilder reflektiert werden, anderseits tauchen bei entsprechendem Lichteinfall Objekte wie von Geisterhand hinter dem Spiegel auf – wie eben Frau Kakaw.*

Das Boot der Kinder wird live aus Papier gefaltet, das Wasser wird als Projektion draufgegeben, sodass die Bühne für einen kurzen Moment zu schaukeln scheint. Die Kakaobohne schwebt durch den Spiegel, die Figuren steigen direkt in Gemälde von der Zuckerrübenernte oder treffen das besagte Schokoladenmädchen, das sich in seinem goldenen Rahmen langweilt. Mit „Pepper’s Ghost“ entsteht so ein spannender Raum der Illusion, außerdem liefert der Abend sein „Making Of“ gleich mit: Geschichte wird hier mit den einfachsten Mitteln vom Basteltisch lebendig. So gerät ein Schaukelpferd zur Kutsche, die über die Brücke klappert, obwohl sie eigentlich nur auf einer historischen Postkarte abgedruckt ist.

"Schokolade": (v.l.n.r.) Tony Milano, Adrienne Lejko, Cecilia De la Jara, Daniil Shchapov © Klaus Gigga

Auf ihrer Rückreise von Brasilien nach Dresden – kein leichtes Unterfangen – treffen die drei auf den mexikanischen Eroberer Hernán Cortés, der für sich beanspruchte, den Kakao nach Europa gebracht zu haben. Dabei war es Cortés, der Millionen Menschen aus Afrika für die Arbeit auf Kakaoplantagen versklavte. Ein Thema, dass der Abend unmissverständlich benennt: die drei Figuren verurteilen die rassistischen Schokoladenverpackungen, auf denen Schwarze objektifiziert werden, um den Raubzug zu rechtfertigen. Besonders stark ist die Szene, in der sie entschieden Sammelkarten mit ebendiesen rassistischen Bildern zerreißen, eins nach dem anderen. Sich an diese Geschichte zu erinnern, sei wichtig, da sind sie sich einig, aber reproduzieren muss man die Darstellungen dafür nicht. Dieser Rassismus-Exkurs ist natürlich elementar für den Abend, wenngleich nicht ganz klar ist, woher die pädagogische Instanz in den Figuren plötzlich kommt.

Sowieso scheint sich die Inszenierung zwischen dem dokumentarischen und dem spielerischen Ansatz nicht entscheiden zu können. Der Abend fühlt sich manchmal ein bisschen an wie ein performter Wikipedia-Artikel. Figuren mit Identifikationspotenzial, die für Achtjährige sinnvoll wären, entstehen kaum, was auch deshalb schade ist, weil man das tjg.-Ensemble spielfreudiger kennt. Hier wirkt es etwas verkrampft, auch wenn Adrienne Lejko mit ihrer Loop-Station, dem Rasseln von Kakaobohnen und dem Rascheln von Schoki-Papier alles versucht, um dem Abend ein bisschen aufzulockern. Man könnte diese Geschichte auch mit mehr Mut zum Spiel erzählen, und die historische Verantwortung trotzdem klipp und klar benennen. Dennoch zeigt diese subtile Reise ins Schokoladen-Universum vor allem eins: „In Schokolade ist viel mehr drin als draufsteht.“


* Um mehr über die Funktionsweise von „Pepper‘s Ghost“ zu erfahren, lohnt derzeit ein Ausflug in die Puppentheatersammlung der Staatlichen Kunstsammlungen, anlässlich der großen Retrospektive zu William Kentridges 70. Geburtstag, der mit seinem „Centre for the less good idea“ immer wieder mit dieser Technik gearbeitet hat.


tjg. theater junge generation: "Schokolade"

von Pélagie Gbaguidi, João V. Guimarães, Petra Szemacha und Ensemble

Uraufführung

Visuelles Konzept und Co-Regie Pélagie Gbaguidi | Co-Regie João V. Guimarães | Konzept, Co-Regie und Dramaturgie Petra Szemacha | Pepper’s-Ghost-Bühne nach The Centre for the Less Good Idea (Johannesburg) | Live-Musik Adrienne Lejko | Theaterpädagogik Dorothee Paul | Mit Cecilia De la Jara, Adrienne Lejko, Tony Milano, Daniil Shchapov

Premiere: 6. Februar 2026
Dauer: ca. 1h 05min, keine Pause
Alter: ab 8 Jahren

www.tjg-dresden.de