Künstler / Akteure

Der Retter des Unnötigen

Von Vincent Koch

William Kentridge ist ein Tausendsassa, der zu den faszinierendsten Künstler*innen der Welt gehört. Zu seinem 70. Geburtstag widmet ihm die Puppentheatersammlung Dresden eine Sonderausstellung. 

22. Dezember 2025

Um zu verstehen, wer William Kentridge ist, schaut man am besten seine Serie „Self-portrait as a coffee pot“ auf Mubi an, die im Corona-Lockdown entstanden ist. Dort steckt alles drin, was den Künstler ausmacht: größtmögliche Offenheit und Fluidität. In der Serie öffnet er die Türen seines Studios in Johannesburg und lässt zwei Versionen seiner selbst aufeinandertreffen und über das eigene künstlerische Schaffen philosophieren. Feine Kreidezeichnungen verselbstständigen sich zu flinken Animationen, aus einem lateinischen Aufsatz und andere herausgerissenen Seiten werden kuriose Collagen. Ein Stapel Bücher fliegt durch den Raum, an anderer Stelle tapst Kentridge durch eigene Zeichnungen. Und als Kentridge sich selbst zeichnen will, kommt eine Bialetti-Kanne dabei raus. „Ich mag halt Kaffee“, gibt er zu. Die Kaffeekanne taucht wiederholt in seinen Werken auf.

Kentridges Kunst besteht daraus, dass man ihm beim Arbeiten über die Schulter schaut. Der Schaffensprozess ist immer Teil des eigentlichen Werks. Blitzschnell überlagern sich Materialien, Formen und Farben. Aus einem schnöden Notizbuch entsteht eine ganze Welt. Einmal sitzt Kentridge auf einem spartanischem Holzpferd („Studio Horse“), das auf einem Tisch steht, wie ein erhabener Reiter. Ein zweiter Kentridge, ebenfalls in schwarzer Hose und gut sitzendem weißen Hemd, steht auf einem Schemel davor und beobachtet ihn. Was im ersten Moment arg selbstreferenziell wirkt, stellt sich schnell als lässige Selbstironie raus. Als würde Kentridge sein eigenes Werk betrachten und sagen: „Was hab‘ ich da eigentlich wieder für einen Quatsch gemacht?“

Eröffnung William Kentridge. Listen to the Echo und performative Prozession Foot Power © Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto Oliver Killig

Woher kommt diese grenzenlose Kreativität? William Kentridge wurde 1955 in Johannesburg geboren, wo er bis heute lebt. Aufgewachsen ist er in einer jüdischen Familie. Die Eltern arbeiteten als Anwälte und vertraten unter anderem Nelson Mandela während des Apartheidregimes. Schnell wurde Kentridge in Südafrika Zeuge des Sklavenhandels und der Eroberung Afrikas durch europäische Kolonialist*innen. Zunächst studierte er in Johannesburg Politikwissenschaften und Afrikanistik. Erst danach arbeitete er als Schauspieler und Dramaturg am Theater. Den entscheidenden Schubs für seine Karriere als bildender Künstler gab ihm Bill Ainslie, der mit der „Art Foundation“ lange Zeit die einzige, multiethnische Schule in Südafrika leitete. Ein längerer Auslandsaufenthalt brachte Kentridge nach Paris. Seit vielen Jahren ist er nun als Filmemacher, Performancekünstler und Regisseur unterwegs. Ein bildender Künstler, der so interdisziplinär arbeitet, wie kaum ein anderer und auf der ganzen Welt ausstellt – auf der Biennale, der documenta, in New York, Brüssel und den USA.

Sein Œuvre umfasst dabei neben zahlreichen Zeichnungen, Collagen und Skulpturen auch Arbeiten in der Oper, am Theater und natürlich im Film. Sein Puppentheaterstück „Faustus in Africa!“, das mit der Handspring Puppet Company koproduziert wurde, kam 1995 beim Kunstfest Weimar raus und wurde in diesem Jahr dort erneut gezeigt. Immer wieder zeigt er auch Installationen, bei denen sich die einzelnen Kunstformen vermischen. Anlässlich seines 70. Geburtstags ehren ihn die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und das Museum Folkwang in Essen mit einem großen Ausstellungsfestival, das seit September läuft: „Listen to the Echo“. Im Dresdner Kupferstich-Kabinett kann man sich durch zahlreiche kleine und große Druckgrafiken bewegen. Im Albertinum steht die installative Arbeit „More Sweetly Play in the Dance“ im Vordergrund, die sich stark an Kentridges Motiv der Prozession orientiert, bei der schemenhafte Gestalten durch eine Landschaft wandern, begleitet von einer Brass-Band und mit riesigen Köpfen in der Hand. Ein Mittel, das der Künstler immer wieder nutzt, um die Vielfalt der Welt zu betonen, mehr noch: sie zu zelebrieren. So fand zum Start der Ausstellung eine abendliche Prozession durch die Innenstadt von Dresden statt, inklusive Fahnen, Megafonen und Kostümen, die in Zusammenarbeit mit der Hochschule für bildende Künste entstanden und von lokalen Akteuren musikalisch begleitet wurden. Mitbeteiligt war außerdem das „Centre for the Less Good Idea“, das Kentridge und Bronwyn Lace 2016 in Johannesburg gegründet haben.

Ausstellungsansicht William Kentridge - Listen to the Echo - Puppentheatersammlung © Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto Oliver Killig

Tatsächlich kann man den Namen des physischen als auch metaphorischen Orts wortwörtlich verstehen. Das „Centre“ ist ein „safe space for stupidity“. Ein Ort, in dem das Experimentieren mit allem, was einem gerade so durch den Kopf geht, an erster Stelle geht. Es gibt kein Richtig oder Falsch. Die Devise: einfach machen. Ein Ort, um klassische Kunstvorstellungen zu unterlaufen, ein kollaborativer Ort für das Unangepasste und Unkonventionelle. Der Weg ist das Ziel – steht doch die Prozesshaftigkeit immer im Vordergrund. Mittlerweile sind die interdisziplinären Arbeiten, die mit dem „Centre“ entstanden sind, auf der ganzen Welt unterwegs, weil das Konzept so einzigartig ist. Für das Ausstellungsfestival hat sich das „Centre“ mit der Puppentheatersammlung auf dem Kraftwerk Mitte in Dresden beschäftigt und ausgehend davon eigene Arbeiten mit bereits bestehenden Objekten verbunden. Das Spiel mit Schatten und Silhouetten spielt dabei eine große Rolle, eine riesige Leinwand lädt zur Interaktion ein.  

Den eindrucksvollsten Teil der Ausstellung bilden fünf sorgfältig eingerichtete Schaukästen oder auch Dioramen, die sich mit der Illusionstechnik „Pepper’s Ghost“ beschäftigen. Die nach John Henry Pepper benannte Methode arbeitet mit Spiegeln, bei der sich ein*e Schauspieler*in im unteren Teil der Bühne vor einem solchen befindet – zumindest im 19. Jahrhundert war das der Fall. Durch spezifische Beleuchtung auf eine Glasscheibe auf der Bühne entsteht für das Publikum der Eindruck, dass ein durchsichtiger Geist plötzlich dreidimensional über das Bild huscht. Mittlerweile weicht der reale Mensch meist einer Projektion, die allerdings ebenfalls durch Spiegel von oben reflektiert wird. In den Miniaturbühnen sieht man beispielsweise eine Landschaft aus Pappe, darauf ein Metall-Megafon und eine Person, die sich tänzerisch zu mystischen Klängen durchbewegt, obwohl sie nicht wirklich anwesend ist. Heutzutage ist die Form auf der Bühne selten zu erleben – am tjg. theater junge generation steht im Februar mit „Schokolade(Arbeitstitel) ein Stück auf dem Spielplan, dass sich dieser faszinierenden Ästhetik bedienen wird.

The Great Yes, The Great No © Foto Monika Rittershaus

In der Ausstellung befinden sich auch zahlreiche Masken aus dem Theaterstück „The Great Yes, The Great No“, das 2024 auf dem Festival Aix-en-Provence Premiere feierte und auch schon bei Impulstanz Wien und den Ruhrfestspielen zu sehen war. Dieser Abend zeigt auf magische Weise, wozu Kentridge mit seinen Mittel fähig ist, wenn er sie verdichtet. Aus der realen Geschichte einer Schiffsüberfahrt von Marseille nach Martinique, mit der ein Haufen Intellektueller, darunter Anna Seghers, 1941 vor dem Krieg flohen, macht Kentridge ein interdisziplinäres Gesamtkunstwerk, bei dem an der Reling noch ganz andere Gestalten aus verschiedenen Zeiten erscheinen, die allesamt ins Ungewisse fahren. Für die vielen, teils surrealen Persönlichkeiten, die dabei aufeinandertreffen, findet Kentridge jeweils ganz verschiedene künstlerische Mittel. Manche Schauspieler*innen tragen riesige Masken, filigrane Filme flimmern über die gesamte Bühne, immer wieder ist es das Schiff, dann kramt jemand eine Zeichnung hervor. Choreographische Passagen komplementieren die traumhaften Bilder, sieben Sprachen werden auf der Bühne gesprochen und ein riesiger Chor sorgt für einen magischen Drive. Es ist eine überbordende, faszinierende Welt, bei der man zwischenzeitlich glaubt, das Schiff würde schweben, so gut klappen die Ebene ineinander.

Hinter der verspielten Aufmachung steckt allerdings auch der politische Künstler. Kentridges Erfahrungen aus der Zeit der Apartheit finden oft auf subtile Weise Eingang in seine Arbeiten. Rassismus, Unterdrückung und historische Verantwortung für menschliche Gräueltaten scheinen immer wieder durch. Am eindrücklichsten sind die roten Megafone, die vermehrt auftauchen: dort verschafft sich jemand Gehör, lässt sich nicht unterkriegen. So steht Kentridge in der Zeichnung „Untitled (Man with Megaphone)“ von 1998 selbst nackt vor einem riesigen Megafon, fast schon demütig. William Kentridges Mission scheint es seit vielen Jahren zu sein, die Menschlichkeit hochzuhalten. Er hat mit dem „Centre“ einen Ort geschaffen, um Kunst zu machen, die den Zweifel feiert. Aber vor allem versprüht seine grenzenlose Kunst immer wieder einen Funken Optimismus. „Ich verteidige das lebensrettende Unnötige“, wie er selbst sagt.


William Kentridge. Listen to the Echo
Ein Resonanzraum für Puppen und Menschen

in der Puppensammlung der SKD
6. September 2025 - 28. Juni 2026

www.puppentheatersammlung.skd.museum

Öffnungszeiten
Donnerstag bis Freitag 14 - 18 Uhr
Samstag bis Sonntag 10 - 18 Uhr

Barrierefreier Zugang
Der Haupteingang zum Museum und alle Ausstellungsbereiche sind barrierefrei.