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Über die Kunst eines sanften Aktivismus

Linda Unger, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Frauenarchivs ausZeiten in Bochum und Gesprächspartnerin der diesjährigen Diskussion zum Thema „Pussyhat – Objekt des Widerstands“ im Rahmen der FIDENA hat für uns einen Blick in das Buch von Sarah Corbett „How to be a Craftivist – The art of gentle protest“ geworfen.

Mit diesem Lesetipp möchten wir zu weiteren Diskursen angrenzend an das Figurentheater anregen.

“If we want a world that is beautiful, kind and fair,
shouldn‘t our activism be beautiful, kind and fair?“

- Sarah Corbett

 

Es ist 2008 und Sarah Corbett am Ende ihrer Kräfte. Als politisch aktives Mitglied der britischen Labour Partei hat sie seit ihrer Kindheit in der verarmten Arbeiter*innenstadt Liverpool an mehr Demonstrationen, Kampagnen und Protestaktionen teilgenommen als sie zählen kann. Als Schülersprecherin, studentische Aktivistin und professionelle Organisatorin von Bewegungen hat sie viel gelernt und verändert. Aber nun geht nichts mehr. Jede Diskussion, jeder Protestmarsch, jeder Sprechchor wird zu einer Hürde, die sie mit Widerwillen erfüllt. Nur wenige Aktionen sind von Erfolg gekrönt, der notwendige lange Atem fehlt Sarah zusehends. In ihrer spärlichen Freizeit hat sie schon ewig nichts kreatives mehr gemacht. So kauft sie sich, statt eine Bahnfahrt für weitere Arbeit zu nutzen, ein Stickerei-Set. Sie merkt schnell, dass ihr die Handarbeit gut tut. Und nein, es findet hier kein „Rückzug ins Private“ statt. Im Gegenteil: Beim Sticken kann Sarah plötzlich wieder klarer über Projekte nachdenken.

 

So findet sie einen Weg, Handarbeit (engl. craft) und Aktivismus miteinander zu verbinden: Craftivism. Die handgearbeiteten Werke verbleiben dabei nämlich nicht im Privaten, sondern werden strategisch günstig im öffentlichen Raum platziert: Als gestrickte „Kleidung“ für Bäume und Statuen; als freundliche, informative Botschaften zu den menschenverachtenden Praktiken der Textilindustrie, die in Bekleidungsgeschäften in Jacken- und Hosentaschen versteckt werden ; in Form von Slogans und Zitaten, die nicht an Wände gesprüht, sondern auf Stoff gestickt und aufgehängt werden: an Laternenpfähle, Schaufensterpuppen, Zäune. Verschiedene Parlamentsabgeordnete erhalten Briefe auf einzelnen hölzernen Puzzleteilen, die zusammen ein Ganzes ergeben.

 

Die Folge: Politiker*innen, die jahrelang Sarahs Petitionen übersehen haben, können offenbar Botschaften in Form von Stickereien und Puzzleteilen nicht so einfach ignorieren. Dialoge beginnen, wo sonst Schweigen oder Schlagabtausche geherrscht haben. Sarah erkennt,  dass sie viel mehr erreicht, wenn sie politischen Gegner*innen als „critical friend“ begegnet. In „How to be a Craftivist – The art of gentle protest“ berichtet sie von ihren Erfahrungen, reflektiert die Prinzipien des gentle protest durch Craftivism und zeigt, wie viele verschiedene Möglichkeiten er beinhaltet.

 

Sarah Corbett verfolgt damit einen ähnlichen Ansatz wie Dylan Marrons Podcast „Conversations with People who hate me“ oder dem – leider vergriffenen – Leitfaden „Mindful Occupation: Rising up without Burning out“. Ihnen allen liegt die Erkenntnis zugrunde, dass die Art wie wir uns selbst und die Menschen in unserer unmittelbaren Umgebung behandeln, ein wichtiger Teil unseres Wirkens in der Welt sind und damit auch über die Qualität unseres Aktivismus entscheiden.

 

“Caring for myself is not self-indulgence,
it is self-preservation,

and that is an act of political warfare.” - Audre Lorde

 

Immer mehr Aktivist*innen sind ausgebrannt, als Konsequenz überwältigender Probleme und mangelnder Unterstützung, und fühlen sich obendrein schuldig, wenn sie sich selbst etwas Gutes tun. Können wir es uns leisten, darauf zu warten, bis sich das System ändert, während uns die Kraft ausgeht, das System zu ändern?  

Craftivism ist eine von vielen möglichen Lösungen:

Ein entschleunigter Aktivismus, der ein meditatives Moment in sich trägt. Dessen Antrieb Freude ist. Der Raum gibt für unsere Emotionen, ohne dass wir damit andere verletzen müssen. Dessen Ergebnisse schön sind, und genau deshalb Aufmerksamkeit für ihre inhaltlichen Aspekte bekommen. Introvertierten Menschen gibt er die Möglichkeit zu protestieren und gehört zu werden, ohne ihre eigenen Grenzen zu verletzen. Erschöpfte Aktivist*innen müssen sich nicht von ihrer politischen Arbeit verabschieden, sondern können einen Form wählen, die gleichzeitig ihr eigenes Wohlbefinden stärkt. Kinder können leicht an vielen Craftivism-Aktivitäten beteiligt werden. Wer ohnehin schon kreativ bzw. künstlerisch arbeitet und gerne Handarbeiten macht, kann dies leicht mit politischen Aktionen verbinden oder andere Protestformen damit unterstützen. Ein gutes Beispiel dafür sind Seniorinnen in den USA, die im Vorfeld des Women‘s March im Januar 2017 tausende von pinken Pussy Hats strickten und für die Demonstration spendeten. Weil sie selbst körperlich nicht mehr in der Lage waren, beim Women‘s March mitzugehen, unterstützten sie den Protest auf diese Weise.

 

„How to be a Craftivist“ ist ein ausführliches, klar strukturiertes Buch, das von Begriffsklärungen und Fotos über Beispiele aus der Praxis bis hin zu einem 10-Punkte-Craftivism-Manifest alles beinhaltet, was Interessierten weiterhilft – nur Nadel, Faden, Wolle und weitere Werkzeuge müssen separat erstanden werden.

 

“People say, what is the sense of our small effort?
They cannot see that we must lay one brick at a time, take one step at a time.

A pebble cast into a pond causes ripples that spread in all directions.
Each one of our thoughts, words and deeds is like that.
No one has a right to sit down and feel hopeless.
There is too much work to do.” - Dorothy Day

 

Sarah Corbett
How to be a Craftivist – The art of gentle protest
305 Seiten
Erschienen bei Unbound, 2017
ISBN 978-1-78352-407-5
13 € (kann variieren, da britische Bücher nicht preisgebunden sind)

 

Mehr zum Thema:

www.craftivist-collective.com

 

 

 

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