Die aktuelle Kritik

scheinzeitmenschen: „Choreografie für Nebel und Objekte“

Von Honke Rambow

Das freie Kollektiv „Scheinzeitmenschen“ lässt in einer dreiteiligen Installation in den Rottstr5-Kunsthallen in Bochum den Menschen allein im Nebel.

Gegen Ende des gut halbstündigen Installationsparcours erzählen die auf eine Nebelwand projizierten „scheinzeitmenschen“ von ihren ganz individuellen Geschichten mit dem wabernden Dunst. Auch ein Foto des Besuchers, das zuvor am Eingang aufgenommen wurde, wird gezeigt. Eine Einladung, sich selbst Gedanken über die eigene Haltung zum Nebel zu machen. Der Rezensent erinnert sich an eine Begegnung mit dem sprichwörtlichen englischen Nebel im Peak District in der Nähe von Sheffield: Ganz genau wie in „Asterix bei den Briten“ fiel innerhalb von Minuten – die zur Dramatisierung neigende Erinnerung sagt: Sekunden – ein so undurchdringliches Grau über das Hügelland, dass ein gefahrfreies Weiterfahren mit dem Auto selbst in Schrittgeschwindigkeit nicht mehr möglich war, weil die Straße gänzlich verschwunden war.

Ist es diese Erinnerung? Oder die an den Horrorfilm „The Fog – Nebel des Grauens“ von 1980 oder einfach das Info-Blatt, das am Eingang zur Performance gereicht wurde und darauf verwies, dass bei Unwohlsein jederzeit die Räume verlassen werden könnten? Die sanft von hinten herankriechende Welle aus Bodennebel, die an den Beinen als kühle, leicht feuchte Körperlichkeit zu spüren ist, löste jedenfalls einen Grusel aus – einen wohligen allerdings!

Von den Atmosphären-Tricks der Bühnenmaschinerie ist der Nebel vielleicht der kraftvollste, aber auch der mit der größten Ermüdungserscheinung, wenn er überstrapaziert wird. Kann es da gelingen, das weiße Kunstwallen zur Titelfigur zu erheben? Die „Choreografie“ der „scheinzeitmenschen" umschifft die Klippe durch wohldosierte Dramaturgie. Zunächst dampft und wallt es erst mal überhaupt nicht. An der ersten Station des Rundgangs hängen Lautsprecher wie Feuerschalen von der Decke. Weiter hinten im Raum liegt eine buckelige, grün-gelbe Strickarbeit am Boden. Eine „Wiese“ sei das, sagt das Infoblatt: Betreten verboten. Apparaturen aus Schläuchen und Rohren künden aber bereits davon, dass hier noch einiges passieren wird. Solange sprechen aber erst mal nur die Membranen. Fast könnte übersehen werden, dass sich die Wiese irgendwann hochwölbt und durch die groben Maschen sanft weiße Fahnen quellen. Nicht nur Wiese, sondern Wiesenland ist es, in dessen sanften Tälern sich der morgendliche Nebel poetisch sammelt, dass es jedem romantischen Dichter die Verse in die Feder treibt. Dann werden die Lautsprecher-Schalen von oben mit dickem, schweren Nebel gefüllt. Müsste es jetzt nicht eigentlich nach Weihrauch oder anderem Opfer- oder Heilkraut duften? Das Pulsieren der Membrane und kleine darauf herumhüpfende Objekte versetzen den Nebel in Bewegung. Mitmachen! Sich im Raum bewegen! Mit dem Nebel spielen! So die Aufforderung, die gerne angenommen wird.

Durch ein vorher vereinbartes Codewort wird die*r Besucher*in in den nächsten Raum gewiesen. Klein, schwarz abgehängt und dunkel ist es hier. Zwei Nebelmaschinen hängen über Eck genau auf Augenhöhe und starren einen einäugig und bedrohlich nah mit ihren Düsen an. Dann strömt es aus den schwarzen Augen. Eine Scheibe schützt den Menschen. Und auf dem Glas malt der Nebel Blüten. Ganz regelmäßig und perfekt symmetrisch nur auf den ersten Blick. Genauer betrachtet kann man an die Schönheit der Mandelbrotschen Fraktal-Grafiken denken. Und schon geht es weiter zur letzten Station.

Die Installation der „scheinzeitmenschen“ ist zuallererst eine Liebeserklärung an den Bühnennebel und darin wirklich gut. Die große Varianz der Erscheinungsformen überrascht und erzählt von einer spielerischen Experimentierlust und einem fast intimen Verhältnis zum Nebel. Beeindruckend der Effekt der Gesichterprojektion auf die Nebelwand, die eine geisterhafte Dreidimensionalität bekommt. Schön, wie das Ausloten technischer Möglichkeiten immer wieder ins Poetische kippt. Das Setting, in dem ein*e Besucher*in mit sich und den verschiedenen Formen des Nebels allein ist, fördert die Assoziationslust. Die reduzierten Einbauten in den schönen Tonnengewölben der Rottstr5-Kunsthallen beschränken sich auf das technisch notwendige und geben so dem Hauptakteur Nebel genug Raum. Das Wallen, Wabern, Kriechen und Quellen – es wird hier wahrhaftig zur Choreografie.

 

Nächste Termine

30.09.2021 - 03.10.2021 im Rahmen der "Goldstücke - Lichtspiele in Gelsenkirchen-Buer"

Künstlerisches Konzept & Umsetzung

scheinzeitmenschen - Birk-André Hildebrandt & Valeska Klug

Produktionsleitung Helene Ewert

Produktionsassistenz Simone Spelten

Stimmaufnahmen Philipp Blömeke/wardrobe voices

Cellospiel Tobias Sicken

Grafikdesign Ulrike Weidlich

Fotos Sven Neidig

Videodokumentation Sebastian Behler/BELAIRmedien

 

Das Projekt wird gefördert

vom Fonds Darstellende Künste aus Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, dem Deutschen Forum für Figurentheater und Puppenspielkunst e.V., dem Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW und der Stadt Bochum. Das Projekt wurde im Rahmen des FIDENA Residenz-Programms 2020 verwirklicht. Die Vorrecherche wurde ermöglicht durch ein Recherchestipendium des Kulturbüros Bochum.

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