Die aktuelle Kritik

Kobalt Figurentheater/Kolk 17 Figurentheater Lübeck: „Cherry Picking Shakespeare“

Von Falk Schreiber

Das Lübecker Kobalt Figurentheater betreibt Rosinenpicken in den Dramen William Shakespeares: „Cherry Picking Shakespeare – Perlen für die Königin“ ist unterhaltendes Meta-Meta-Theater, das die eigenen Mittel immer wieder hinterfragt.

Rosinenpicken. Das ist ein gar nicht mal so seltener Zugriff auf die Dramen William Shakespeares, immer wieder kommen Schauspielensembles auf die Idee, „Shakespeares sämtliche Werke (leicht gekürzt)“ auf die Bühne zu bringen. Dann sieht man in der Regel einen Zusammenschnitt aus den großen, bekannten Stücken des elisabethanischen Dramatikers, immer mit dem augenzwinkernden Hinweis, dass man Shakespeare so natürlich nicht annähernd gerecht werden kann.

Im Grunde macht das Lübecker Kobalt Figurentheater auch nichts anderes: „Cherry Picking Shakespeare“ ist ein Best-of aus „Macbeth“, „Romeo und Julia“, „Ein Sommernachtstraum“ und, und, und. „Hamlet“ wird nur kurz zitiert, das überrascht, ansonsten zeigen Stephan Schlafke und Silke Technau Erwartbares. Nur: Wie sie es zeigen, das hat einen ganz eigenen Charme. Sie entwickeln nämlich eine Rahmenhandlung, die das Shakespeare-Medley erdet: Königin Elisabeth I. hat Geburtstag und langweilt sich. Und um diese Langeweile zu vertreiben, betritt ihr Vertrauter Sir Archibald die Szene. Er hat eine übertrieben große Sahnetorte dabei, und als die Regentin mosert, dass sie nichts Süßes wolle, entpuppt sich das Backwerk als Tarnung für ein Miniaturmodell des Shakespeareschen Globe Theaters, in dem sich dann die Bühnenwelt als Marionettentheater entfalten kann.

„Cherry Picking Shakespeare“ ist also Theater im Theater. „Die ganze Welt ist Bühne“, heißt es in „Wie es euch gefällt“, „und alle Frauen und Männer bloße Spieler / sie treten auf und gehen wieder ab“ – der Abend nimmt dieses Motto ernst. Einmal, in der Handwerkerszene aus dem „Sommernachtstraum“, wird das Stück sogar zum Theater im Theater im Theater, Meta-Meta-Theater also, und es ist sehr klug von Regisseur Dietmar Staskowiak konstruiert, dass einen hier die Theorieschwere nicht erschlägt, sondern alles organisch ineinanderfließt.

Zumal die Ebenen schon figurentheaterästhetisch getrennt bleiben: Mechthild Nienaber hat Elisabeth als lebensgroße Stabpuppe gebaut, die in all ihrem Missmut fast bewegungslos auf ihrem Thron sitzt und deren Mimik (meist von Silke Technau) durch den Thron hindurch bewegt wird. Die eigentlichen Shakespeare-Szenen derweil sind minimalistisches Marionettentheater mit von Jürgen Maaßen gestalteten Puppen, die gerade mal unterarmgroß sind. Das bedeutet, dass die Mimik von Elisabeth extrem detailliert ist, während sie sich darüber hinaus kaum bewegt, und dass die Spielpuppen fein ziselierte Bewegungen vollführen, während sie praktisch keine Mimik haben. Ein interessanter Gegensatz, der sich freilich fürs Publikum als nicht unproblematisch erweist: Solange das Theatergebäude Kolk 17 in der Lübecker Innenstadt renoviert wird, finden die Aufführungen im Europäischen Hansemuseum am Hafen statt, und hier, in einem für Theater nur bedingt geeigneten Saal, sind die fein gearbeiteten Details der Puppen aus den hinteren Reihen nur schwer zu erkennen. Die Hexen aus „Macbeth“ etwa sind eigentlich drei bedrohlich durch den Raum schwebende Köpfe, hier wirken sie allerdings wie Schneebälle, deren Bösartigkeit sich nicht unmittelbar erschließt.

Aber das sind Lässlichkeiten, weil „Cherry Picking Shakespeare“ eben keine genaue Analyse des Bösen in Shakespeares Dramen sein will, sondern ein Schnelldurchgang durch das theatrale Vergnügen dieser Stücke. Und weil sich die Inszenierung immer wieder selbst nicht besonders ernst nimmt in ihrem Unterfangen. „Spielt bitte ‚Romeo und Julia‘“, fordert Elisabeth einmal. „Aber nur das Schöne!“ Keine Toten, keine Gewalt? „Dann wird das aber ein kurzes Stück“, antwortet Sir Archibald unsicher und bringt damit auf den Punkt, was das Problem am Rosinenpicken ist: Die Stücke verlieren ihren Charakter, wenn man sie zusammenzustreichen versucht. Regisseur Staskowiak weiß gut, wo die Grenzen seines Unterfangens liegen, und er stellt dieses Wissen freigiebig aus. Dabei hilft, dass Archibald eben keine Puppe ist, sondern von Stephan Schlafke in Fleisch und Blut performt wird – Puppen mögen hier ein beeindruckendes Spiel hinlegen, aber es sind immer noch Menschen, die das, was auf der Bühne passiert, hinterfragen.

Dass „Cherry Picking Shakespeare“ gelingt, hat also mehrere Gründe: Einerseits ist der Abend ein humorvoller Umgang mit den Vorlagen, andererseits hinterfragt er diesen Umgang immer wieder selbst. Und nimmt Shakespeare so durchaus ernst: in der Frage, wie sich die eigenen Mittel als Puppentheater überhaupt auf diese Dramen anwenden lassen. Einzig das Sichtproblem ist damit noch nicht gelöst, bis dahin: besser die letzten Reihen meiden.

 

Cherry Picking Shakespeare

Regie: Dietmar Staskowiak

Spiel: Silke Technau, Stephan Schlafke

Figurenbau Elizabeth I.: Mechtild Nienaber

Figurenbau Marionetten: Jürgen Maaßen

Figuren/Bühnenbau: G. Seiler, M. Benecke, I. Woitke, St. Schlafke, D. Puri, S. Technau, Th. Rump

Spielerkostüme: Denise Puri

Fotos: Felix König/Lübeck

 

www.kobalt-luebeck.de

www.kolk17.de

 

1 Kommentar
Manfred Weiß
07.10.2021

macht neugierig

Grandios!
Verspricht ein unterhaltsamer Abend zu werden.
Gratulation zum Stück.

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