Die aktuelle Kritik

F. Wiesel, Theater und Orchester der Stadt Heidelberg: "Immer nach Hause"

Von Elisabeth Maier

Kopfüber im Erzählstrom. Mit Augmented Reality bringen F. Wiesel Ursula K. Le Guins komplexen Dystopie-Roman zur Uraufführung.

16. Dezember 2025

Ein giftgrüner Krater zieht die Blicke auf sich. Der natürliche Farbton ist seltsam verfremdet. Hat da eine Bombe eingeschlagen? Die künstliche Welt aus Pappmaché ist die Heimat der Kesh, Überlebende der Menschheitskatastrophe „im Kalifornien einer unbestimmten Zukunft“. Sie sehnen sich nach einer Existenz im Einklang mit der Natur. Doch bezahlen auch sie für die Folgen des ungebremsten Wirtschaftswachstums früherer Epochen. „Immer nach Hause“ heißt das Science-Fiction-Werk der amerikanischen Schriftstellerin Ursula K. Le Guin. In dem 850 Seiten starken Opus entwarf sie 1985 eine Archäologie der Zukunft, die 40 Jahre später am Heidelberger Theater zur Uraufführung kommt.

F. Wiesel, bestehend aus Hanke Wilsmann und Jost van Harleßem, suchen in ihrer komplexen, manchmal schwer zugänglichen Regiearbeit die Schnittstellen von Figuren- und Objekttheater mit den Möglichkeiten digitaler Technik. Inhaltlich fordert der knapp zweistündige Abend den Zuschauenden manches ab. Technisch steckt da noch vieles im Experimentierstadium. Mit dieser Unvollkommenheit spielt das Kollektiv bewusst. Denn Ursula K. Le Guins Sammlung von Fundstücken und Fragmenten lässt solche Leerstellen zu.

Nach „Restworld“ und „Die gleißende Welt“ machen F. Wiesel in ihrer dritten Heidelberger Regiearbeit die Bühne der Nebenspielstätte Zwinger zum Labor. Ursula K. Le Guins gewaltige Dystopie in die Sprache des Objekt- und Figurentheaters zu übersetzen, das reizt F. Wiesel ebenso wie das Ensemble. Den Text der kalifornischen Schriftstellerin zerlegen sie dabei in Bruchstücke. So zerfällt die Handlung wie die Überbleibsel der Welt vor der Apokalypse.

"Immer nach Hause": (v.l.n.r.) Jacob Bussmann, Katharina Quast, Esra Schreier © Susanne Reichardt

„Immer nach Hause“ lässt sich als eine Sammlung von Fundstücken aus Archäologie, Ethnologie, Dichtung und Geschichte fassen. Die Autorin, die von 1929 bis 2018 lebte, legte Wert darauf, dass man die Erzählung aus der Sicht einer Ethnologin in beliebiger Reihenfolge und auch auszugsweise lesen könne. Ins Deutsche übersetzt wurde „Immer nach Hause“ erst 2023, von Matthias Fersterer, Karen Nölle und Helmut W. Pesch. In den USA ist ihre Fantasy-Literatur gerade in Zeiten von Klimawandel und Umweltkatastrophe populär.

Am Bühnenrand ist ein Tisch aufgebaut, wie man ihn von Archäologen kennt. Da untersucht ein Forscher kleine, grüne Objekte, die Fischen ähneln. Sie werden groß auf den Bildschirm projiziert, zerfließen mittels Augmented Reality mit der gebauten Kraterlandschaft im realen Raum. So erweitern F. Wiesel die Wahrnehmung des Publikums. Das Auge sieht rechts den Krater auf der Bühne, links Bilder von Gestrüpp und vertrockneten Halmen auf dem Bildschirm. Spielt die Handlung also in einem ausgetrockneten Fluss?

Neugierig tauchen die Schauspieler:innen Esra Schreier, Katharina Quast, Hendrik Richter und Leon Maria Spiegelberg in das digitale Versuchslabor von F. Wiesel ein. Ihre Rolle als Erzähler:innen ist klar definiert. Auf das Experiment, Objekte und Figuren zum Leben zu erwecken, lassen sie sich beherzt ein. Im Fokus steht das digitale Objekttheater, nicht das analoge Spiel. Auf dem Bildschirm tauchen die Objekte der Archäologen in Übergröße auf. Mit Kartenmaterial und Naturbildern erweitern F. Wiesel das Setting im digitalen Raum. Die Spieler:innen werden ins digitale Bild projiziert, tauchen so im neuen Kontext auf. Ihre Körper sind fragmentiert wie die der Puppen. Naomi Keans Kostüme zitieren Geschichte. Manches erinnert da an die Goldgräber, die Kalifornien ausbeuteten und besiedelten.

"Immer nach Hause": (v.l.n.r.) Hendrik Richter, Leon Maria Spiegelberg © Susanne Reichard 

Dabei verblüfft das Kollektiv F. Wiesel mit einem atemberaubenden Bilderrausch. Da taucht eine Figur auf, halb Maske, halb Gerippe, die den Kopf umgekehrt auf den Schulterknochen trägt. Das archaisch gestaltete Wesen steht für eine Welt, die aus den Fugen geraten ist. Die „Welt des Geistes“ hat in die Katastrophe geführt.  Wie sehr die Zerstörung der Umwelt der Menschheit geschadet hat, sehen die Kesh in der Außenwelt, die sie umgibt. Obwohl sie modernste Technik besitzen, setzen sie dies sehr gewissenhaft ein. Unvermittelt taucht eine Figur auf, die sich Pandora nennt. Ob ihre Neugier siegt und sie die Büchse öffnet, die Übel und Leid über die Welt bringt, bleibt offen - wie manch anderes in der Produktion. Dass der Erzählstrom dennoch berauscht, schafft nicht zuletzt Jacob Bussmann mit seinen sphärischen, zerklüfteten Klanglandschaften.

Wer hofft, in „Immer nach Hause“ sämtliche Anspielungen entschlüsseln zu können oder gar Antworten auf die drängenden Fragen in Zeiten der Klimakrise zu finden, der wird enttäuscht. F. Wiesel erzählen Bruchstücke der Dystopie mit ihrer digitalen Dramaturgie. Objekte und Figuren öffnen den Weg in die surreale Welt der Menschen, die ihren Halt im Leben verloren haben. Die Filmbilder, generiert mit nicht immer ganz ausgereifter Augmented Reality, holen das Publikum auf den Boden der Wirklichkeit zurück. Christian Schlaeffers Animationen bauen da Brücken.  So sehr die Inhalte der Produktion verstören: Das künstlerische Konzept von F. Wiesel ist spielerisch und leicht. Ihr Forscherdrang, das Figuren- und Objekttheater in die digitale Zukunft zu tragen, macht Lust auf die weiteren Projekte des innovativen Kollektivs.


F.Wiesel, Theater und Orchester Heidelberg: „Immer nach Hause

nach Ursula K. Le Guin
aus dem amerikanischen Englisch von Matthias Fersterer, Karen Nölle und Helmut W. Pesch

Regie, Text und Bühne F. Wiesel (Hanke Wilsmann und Jost van Harleßem) | Kostüme Naomi Kean | Komposition, Live-Musik Jacob Bussmann | Animationen Christian Schlaeffer | Dramaturgie Maria Schneider | Theaterpädagogik Lisa Zollner | Mit Katharina Quast, Hendrik Richter, Esra Schreier, Leon Maria Spiegelberg

Premiere: 5. Dezember 2025
Dauer: 110 Minuten
Alter: ab 16 Jahren

www.theaterheidelberg.de

www.flinkwiesel.de