Die aktuelle Kritik

Geumhyung Jeong: "Test Run"

Von Honke Rambow

Pact Zollverein zeigt die südkoreanische Performerin Geumhyung Jeong. Sie beschäftigt sich mit den – auch erotischen und oft explizit sexuellen – Beziehungen zwischen Mensch und Maschine. Die Unmöglichkeit öffentlicher Aufführungen im Lockdown hat sie nicht nur genutzt um eine neue Arbeit zu entwickeln, sondern sie hat auch eine Filmdokumentation dazu erstellt, die eigenständig funktioniert.

„Test Run“ ist zunächst eine umfangreiche Materialsammlung, die sich aus ganz unterschiedlichen Quellen speist: Ausschnitte aus älteren Performances von Jeong, Dokumentarisches aus dem Arbeitsprozess, in dem sie ihre Roboter zusammenschraubt und deren Möglichkeiten auslotet, die Email-Kommunikation mit Herstellerfirmen, die im Film vom Sprachprogramm vorgelesen wird, und immer wieder Werbevideos aus dem Internet. Als Ausgangsmaterial für ihre Roboter greift Jeong zumeist auf Dummys zurück, die für die Ausbildung von Pflegepersonal und Medizinern entwickelt wurden, die sie früher auch unbearbeitet einsetzte, aber mittlerweile stark modifiziert oder ganz zerlegt um aus den Einzelteilen neue Mensch-Maschinen zu entwickeln. Eine großen Teil der Filmdoku widmet sie der Suche nach einem ausreichend flexiblen Dummy für ihr aktuelles Projekt.

 

Die chronologische Erzählung ihrer künstlerischen Recherche setzt früh an. Zum Ende hin ist der jetzt über PACT Zollverein abrufbare Film offen und als Work-in-Progress zu verstehen. Doch auch zum jetzigen Entwicklungstand hat „Test Run“ schon ein mindestens beeindruckendes, wenn nicht gar beängstigendes Format von über vier Stunden. Ziemlich genau die Hälfte davon gehört älteren Experimenten und Vorrecherchen, die letzten zwei Stunden zeigen die szenischen Experimente für ihre aktuelle Arbeit mit den bereits fertigen Robotern, die sie am Mousonturm in Frankfurt und zuletzt während einer Residenz auf PACT Zollverein durchführte. 

 

So sehr „Test Run“ im Kern dokumentarisch ist, entwickelt der Film mit der Zeit durchaus ein Eigenleben, das ihn zur eigenständigen, von den Performances unabhängigen Arbeit werden lässt. Auf der einen Seite ist dafür verantwortlich, wie Jeong assoziativ das Material schneidet, zum anderen aber vor allem ihre höchst lakonischen Off-Kommentare. Darin erzählt sie fast beiläufig ihre künstlerische Entwicklung als Aneinanderreihung des Scheiterns. Der Herzmassage-Dummy verstirbt trotz exzessiven Pressens auf offener Bühne. In einer weiteren Performance reitet Jeong in Unterwäsche einen Blasebalg, als wolle sie sich zum Orgasmus bringen. Die Gummisexpuppe, die dadurch aber eigentlich aufgeblasen werden soll, will einfach nicht größer werden. Ein Schlauch ist nicht richtig eingesteckt. Eine Drohne schafft es kaum abzuheben und stürzt folgenschwer ab, weil der männliche Gummikopf und der dekorativ auf und ab wackelnde Dildo zu schwer sind. Das hat durchaus Komik. Und es ist Konzept. Jeong inszeniert sich in „Test Run“ durchweg als naiv, als technisch nicht versiert. Nach einem Werbevideo, das die Vorzüge des CAD, des 3-dimensionalen Planens am Computer, preist, folgt direkt Jeong, die mit einem Edding krakelige Konstruktionszeichnungen versucht.

 

Das muss als Pose gelesen werden, die nur dafür da ist, um durch die komplexe Technik der Roboter, die letztlich entstehen, ad absurdum geführt zu werden. Ein Spiel mit dem Klischee der nicht technikaffinen Frau. Wie auch in ihren Performances Geschlechterrollen konsequent in Frage gestellt werden. So sehr Hersteller in ihren Werbevideos betonen, dass die Dummys bewusst genderneutral gebaut seien – kein einziger von ihnen hat weibliche Formen. Die Arbeitsmaschinen liegen meist nur passiv auf der Bühne herum und Jeong ist es, die sie mit vollem Körpereinsatz stimuliert, in kraftvoll immer wiederholten, sich beschleunigenden Bewegungen. Die Maschine lässt den Menschen selbst zur Maschine werden, sie zwingt ihm ihren eigenen Rhythmus auf. 

 

Und wenn die Männerroboter einmal (scheinbar) die Initiative ergreifen, dann ist das ein höchst ungelenkes Bedrängen und Rempeln. Zumindest war es so bisher. In ihrer neuen Arbeit sind die Maschinen eigenständiger. Jeong montiert Controller an die Stelle der Brustwarzen und als Genital zwischen Beine. Aus den Köpfen der Dummys ragen zungenartige Konstruktionen. Mühsam lernen die Maschinen, sich damit gegenseitig zu erregen. Das immer noch ungelenke des motorgetriebenen Aufeinanderzurollens bekommt hier fast eine schüchterne Zärtlichkeit, während nur lose an den Gestellen montierte Plastikarme und -beine polternd über die Bühne schleifen.

 

Das wiederholte Scheitern scheint sich gelohnt zu haben: Jeong hat ihren Maschinen vielleicht doch noch die Erotik nahegebracht. Sie selbst liegt in den letzten Einstellungen in der Mitte ihrer Bühnenkonstruktion auf dem Boden. Um sie herum ein Geviert aus Tischen, auf denen die Roboter sich näher kommen und die Sexualität der Maschinen entdecken. Ein bisschen Hilfestellung leistet Jeong dabei aber immer noch, indem sie an den Controller-Nippeln an einer umgeschnallten Brustplatte spielt.

 

Premiere: 05.03.2021
Foto: Rolando Paolo Guerzoni

Konzept & Performance: Geumhyung Jeong
Filmaufnahmen (Frankfurt): Ayla Pierrot Arendt
Editing: Geumhyung Jeong
Produktionsmanagement: partner in crime

Produktion: Künstlerhaus Mousonturm (Frankfurt)
Koproduktion: PACT Zollverein (Essen)

Ein Werkauftrag im Rahmen des Festivals Frankfurter Positionen 2021, eine Initiative der BHF-Bank Stiftung.
Gefördert im Rahmen des Bündnisses internationaler Produktionshäuser und unterstützt durch das NATIONALE PERFORMANCE NETZ Koproduktionsförderung Tanz, gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.

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