Die aktuelle Kritik

Ensemble 23, Westflügel Leipzig: "Urzeitstory"

Von Jessica Hölzl

Das Ensemble 23 stellt die wichtigen Fragen rund um Freundschaft in coolem Dinolook und zeigt ein lustiges, spannendes, gefühlvolles Stück für Menschen ab 6 Jahren.

27. Mai 2025

Seit 15 Jahren arbeiten im Ensemble 23 Menschen mit und ohne Behinderung zu unterschiedlichen Themen und in vielfältigen künstlerischen Formaten. Nach performativen Produktionen und Hörstücken hat sich die Gruppe nun einem neuen Feld gewidmet. Angeleitet von den Leipziger Figurenspieler:innen Gerda Knoche und Liesbeth Nenoff, die das Ensemble besonders in den Bereichen Regie und Figurenbau unterstützten, erzählt „Urzeitstory“ eine uralte und doch längst nicht ausgestorbene Geschichte von Freundschaft zwischen (zu?) verschiedenen Wesen.

Dinos sind cool und so platzt der Westflügel Leipzig an diesem Freitagabend aus allen Nähten. Kinder und Erwachsene werden bereits am Eingang von den Spieler:innen begrüßt und nehmen dicht gedrängt und voller Vorfreude in den Rängen des Saals Platz. 12 Spieler:innen, gekleidet in Beigetönen mit Namensschildern auf der Brust, stehen gut geordnet zwischen den ebenfalls dezent gehaltenen, unterschiedlich großen rechteckigen Bühnenelementen von Sven Nahrstedt und empfangen die Zuschauer:innen in einem besonderen Setting: „Wir begrüßen Sie zu unserer Ausstellung: Ein Dino kommt selten allein“, verkündet eine Stimme aus dem Off. Nachdem eine Reihe strenger Verhaltensregeln („Bitte keinen Mucks machen, dann wird niemand gefressen!“) durchgegeben wurde, geht es auch schon los.

Ein Dinokostüm wird auf die Bühne geschleift – nur wie soll das funktionieren? Wo gehört der Arm rein, wo das Bein? Mit ratlosem Blick nimmt die Spielerin das große und kleine Publikum mit auf eine witzige Erkundungstour, die die Auseinandersetzung des Ensembles mit der Welt des Figurenspiels richtig nachvollziehbar werden lässt. Das Mitzeigen der eigenen Annäherung an das Spielen und den Umgang mit den vielfältigen Hand- und Gliederpuppen, Gesichtsmasken und Stabpuppen macht Spaß und verleiht dem Abend eine besondere spielerische Leichtigkeit. Zugleich werden sehr klug und auch für mit den Spielweisen der Genres vertraute Zuschauer:innen äußerst erheiterliche Experimente gewagt: Mal ist unklar, wer hier eigentlich wen steuert und dann gerät immer mal wieder die korrekte Animation der Figurenteile ins Wanken, wenn der Dinokopf in die eine Richtung rennt und die Füße aber ganz woanders hingelaufen sind.

"Urzeitstory": Ensemble 23 © Matthias Viertel

Doch noch mal von vorne: Gerahmt als Ausstellung präsentiert „Urzeitstory“ zum einen eine Menge Fakten für Dinofans jeden Alters, die vom Band eingespielt werden – wussten Sie, dass es drei Saurierarten gab: Meeressaurier, Flugsaurier und Dinosaurier, sodass „Dinos“ nur eine kleine Gruppe von Sauriern meint? – Eben!

Dazu gibt es eine tolle Story von der Freundschaft zweier kleiner Dinos, die sich dem Naturgesetz von Fressen und Gefressenwerden widersetzen, elterlichen Autoritäten mutig entgegentreten und ihre Verbindung trotz aller Unterschiede abfeiern. Gezeigt wird das alles von 12 Spieler:innen und einer Fülle wunderbar farbenfroher Dinofiguren aus Schaumstoff und bunten Stoffen, die als Hand- und Gliederpuppen, Stab- und Fadenpuppen erscheinen. Hinzu kommen riesige Köpfe, Füße und ausfahrbare Hälse, die mal Bühnenteile als Körpererweiterungen einbeziehen, mal sich durch den Raum spannen, um die übergroßen Urzeittiere zu präsentieren. Das Spiel vom Gefressenwerden – „Pflanze oder Fleisch?“ – zeigt die Inszenierung hautnah am Gegenstand mit unvermindertem Ernst und ohne dabei den Witz zu verlieren. Per Zipper wird der Dino geöffnet und die Innereien fein säuberlich entnommen, wobei jeder Handlungsschritt vom schmatzend kommentierenden Chor begleitet wird. Zum Glück kann der Gefressene seine Körperteile schließlich einfach einsammeln und mitnehmen – ist ja nur in Spiel.

"Urzeitstory": Ensemble 23 © Matthias Viertel

Die Arbeit des Ensemble 23 mit Figuren und Figurenspiel ist wirklich spannend. Besonders die tänzerische Dimension der Inszenierung erweitert die Perspektive auf das Spiel. Die Bewegung der Spieler:innen im Raum und im Umgang mit den Figuren ist so gut choreographiert, dass die menschlichen Körper selbst immer wieder mit den Figuren, beispielsweise zum Dinowald, verschmelzen, den Raum in Bewegung bringen und sich mit dem wirklich wunderbar erzählenden Lichtkonzept von Teddy Larue verbinden. Zugleich befragt und bespielt die Inszenierung Grenzen und Grundlagen von Figurentheater, Animation und Figurenkonzeption, wenn ein Spieler mit Rollstuhl die Figuren nicht nur animiert, sondern seinen Körper zugleich als Bühnenelement und Klangraum funktionalisiert.

Als bunter Reigen eindrucksvoller Bilder nimmt „Urzeitstory“ in knapp einer Stunde mit auf eine sehr rasante Reise durch Szenen, Emotionen und eine Fülle von Figurenformen und Spielweisen und landet – zack – zielsicher wieder in der Gegenwart: „Sie haben das Ende unserer Ausstellung erreicht. Jetzt sind alle Dinos ausgestorben!“ Nicht nur das Publikum ist begeistert, auch die Spieler:innen klatschen und jubeln ihren Zuschauer:innen zu – eine tolle Story, deren Plädoyer für die Freundschaft sicherlich noch lange nachhallt.


Ensemble 23. Theater von Menschen mit und ohne Behinderung: „Urzeitstory

In Koproduktion mit dem Westflügel Leipzig

Spiel Britta Müller, Franziska Hoff, Nina-Maria Föhr, Silvia Kobrinski, Verena Noll, Cathi Matthies, Enrico Merkel, Kevin Bergmann, Joseph Mohammadi, Balduin Schöpe, Helena Schamne, Michael Quasdorf | Regie Sebastian Mandla, Liesbeth Nenoff, Gerda Knoche | Dramaturgie, Text Julia Siebeky | Musik, Komposition Konrad Jackisch | Bühne Sven Nahrstedt | Kostüm Ensemble 23 & Sven Nahrstedt | Lichtdesign Teddy Larue | Puppenspiel-Coaching, Figurenbau Liesbeth Nenoff, Gerda Knoche | Regieassistenz Helena Schamne, Hanna Rohland | Produktionsleitung Helena Schamne | Presse, ÖA Torben Ibs | Design Laura Därr

Premiere: 23. Mai 2025
Dauer: ca. 60 Minuten
Alter: ab 6 Jahren

Infos und Spieltermine auf der Website des Westflügel Leipzig sowie der Website des Ensemble 23