Die aktuelle Kritik

HELIOS Theater, Hamm: "du und ich"

Von Viviane Hoof

Theater für die Allerkleinsten als freudiges Spiel- und Experimentierfeld. Das HELIOS Theater lädt Menschen ab zwei Jahren ein, mit Ton und Tönen das Mensch Sein zu erkunden.

7. April 2025

Es ist Familiensonntag: Das HELIOS Theater, in unmittelbarer Nähe zum Hauptbahnhof Hamm gelegen, macht seine Türen auf. Egal für welches Alter: Alle sind herzlich willkommen! Eine Stunde vor Aufführung öffnen die Mitarbeiter*innen das Foyer mit seinen hölzernen-roten Bänkchen. Damit alle in Ruhe ankommen können. Gerade für die Allerkleinsten ist das besonders wichtig: Solch ein Ausflug – ob mit der Familie oder über die Kita – ist Aufregung pur! Hier kann noch etwas gegessen und getrunken, die neuen Räume und Menschen mit Neugier beguckt werden.

„Kommst du mit?“

Es beginnt. Die Türen zur Bühne werden geöffnet. Nur etwas ist anders: Nicht wir gehen hinein, sondern die beiden Schauspieler*innen Marylin Pardo und Mamadoo Mehrnejad kommen zu uns heraus. Mit einem Lächeln wandeln sie durch das Foyer. Sie blicken jeden kleinen wie großen Menschen an und begrüßen ihn mit einem „Hallo!“. Wir begegnen uns auf Augenhöhe und machen uns so bekannt. – Nicht als abstrakte Figuren, die auf Bühnen agieren bzw. anonym im Dunkeln zuschauen, sondern als Menschen. Im Theater für die Allerkleinsten werden die konventionellen Regeln des Theaters auf eine angenehme Art und Weise hinterfragt. Schließlich gehen Pardo und Mehrnejad auf die kleinen Menschen zu: „Kommst du mit?“, fragen sie persönlich. Zusammen folgen wir ihnen in den Theaterraum und setzen uns um die Bühne herum: Kleinere Menschen nach vorne, größere Menschen nach hinten. Umsichtig, damit auch jede*r etwas sehen kann.

"du und ich": Mamadoo Mehrnejad © Michael Lurse

Das Spiel beginnt: Langsam wird der Raum verdunkelt. Die Bühne erleuchtet. Mit dem Rücken zu uns setzen sich die Schauspieler*innen hin. Ein kleines Antipp-Spiel zwischen Mehrnejad und Pardo nimmt seinen Lauf: Tippen, Streichen, Klopfen auf Schultern, Rücken, Oberarm – sanft und samtig, verspielt und versteckt oder mit einem zarten „Rumps“.

Alle Sinne ansprechend geht es weiter: Die beiden machen Töne, Melodien mit Stimme und Gegenständen, holen Materialien hervor und gestalten sie. Alles hat unterschiedliche Berührungsintensitäten. Da formen Hände aus einem Lehmklumpen ein erstes Gesicht. Dort stehen weitere fertige Tonköpfe, die nach einander aufgedeckt werden. Alle haben sie mannigfaltige Proportionen und Gesichtszüge. Mal halten sich Pardo und Mehrnejad die unterschiedlichen Tonköpfe wie Masken vor das Gesicht. Mal stellen sie sich hinter die Steelen, auf denen die anderen Tonköpfe stehen, und gestikulieren mit ihren Armen, bilden den Körper der Gesichter. Sie wechseln von Mensch zu Tonkopf, von Tonkopf zu Tonkopf, von Gefühl zu Gefühl. Es wird sich angenähert und erste Kontaktmöglichkeiten ausgetestet: „So und so und so“ – „Ach-so!“ – „Wie-so?“. Es wird sich auch mal geärgert und gestritten: Weil du das so haben möchtest und ich das so haben möchte. Und dann wird sich wieder vertragen: „Bist du dabei? Möchtest du mein*e Freund*in sein?“

Nachspielen für alle: Nach etwas mehr als einer halben Stunde rollen Pardo und Mehrnejad Lehmkugeln zu den kleinen Zuschauer*innen. Während des Spiels haben sie gelacht, mitgefiebert. Ahs und Ohs, begeistertes Händeklatschen und kurzzeitiges Aufspringen – das ist alles willkommen im Theater für die Allerkleinsten. Mit dem Applaus ist das Spiel aber noch nicht vorbei: Im Foyer können die Kleinen selbst Gesichter, Wesen basteln, das Material erspüren und das, was sie auf der Bühne gesehen haben, nachempfinden.

"du und ich":  Mamadoo Mehrnejad, Marylin Pardo © Michael Lurse

Das HELIOS Theater ist in NRW spezialisiert auf das Theater für die Allerkleinsten. Seit 2005 testet es Herangehensweisen, Formen, Themen aus und arbeitet dazu auch international mit unterschiedlichen Theatermacher*innen. Das, was auf der Bühne passiert, hat verschiedene sinnliche Qualitäten und experimentiert mit vielfältigen Materialien. Inzwischen sind rund 20 Produktionen mit Materialien wie Papier, Ton, Wolle, Steinen, Holz und Plastik entstanden.

In „du und ich“, das Barbara Kölling mit ihrem Team entwickelt hat, sind es vor allem die Tonköpfe, aber auch vieles mehr. Die Schauspieler*innen arbeiten mit Tönen, einzelnen Worten und untermalen alles mit ausladender Gestik. Zwischen ihnen und den Tonköpfen entspinnen sich spielerisch zwischenmenschliche Begegnungen, die unterschiedliche Gefühle und Reaktionen auslösen. – Zwischen ihnen selbst und dem Publikum. Sie werfen gezielte Blicke zu den Kleinen und diese bleiben gespannt dabei. Was für uns Erwachsene vielleicht eher als eine ‚abstrakte‘ Welt aus Farben, Formen, Tönen oder als eine ‚konkrete‘ Welt aus Bedeutungen, Sinnhaftigkeit erscheinen mag, füllen die Kleinen mit ihrer Fantasie und ihren Gedanken. Es gehört zum Konzept von „du und ich“, dass jeder Mensch – ob klein oder groß – etwas anderes sieht, fühlt und hört. Damit eröffnet es die Möglichkeit, dass jede Person eine eigene Wahrnehmung von dem Stück haben kann und dass wir dabei einen Raum teilen – als gleichwertige Teile einer Gemeinschaft.


HELIOS Theater, Hamm: "du und ich"

Künstlerische Leitung, Idee und Inszenierung Barbara Kölling und Team | Es spielen Marylin Pardo, Mamadoo Mehrnejad

Premiere: 30. März 2025
Dauer: 30 bis 45 Minuten
Alter: für alle ab 2 Jahren

Weitere Infos zum Stück und Spieltermine auf der Website vom HELIOS Theater