Die aktuelle Kritik

Studiengänge Puppenspielkunst und Schauspiel der HfS Ernst Busch Berlin: "Der thermale Widerstand"

Von Tom Mustroph

Betreute Puppen. In Ferdinand Schmalz‘ Politgroteske „Der thermale Widerstand“ an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch werden vier Puppen zu rundum betreuten Kurgästen.

Fröhlich plätschert das Wasser dahin. Auf die große Projektionswand der Bühne der in brutalstem Beton errichteten Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ in Berlin ist die Wasserfläche eines Schwimmbades projiziert. Die Bilder stammen von einem der prächtigen Stadtbäder, die vor rund 100 Jahren zur Verbesserung der Hygiene- und der Gesundheitssituation in der Stadt errichtet wurden.

Während es noch plätschert, werden vier Ganzkörperpuppen in Halbmenschengröße hereingefahren. Die Puppen tragen fotorealistische Gesichter betagter Menschen. Sie sind zugleich Repräsentanten der besten Idee dieser gemeinsamen Studioinszenierung des 3. und 4. Studienjahrs Schauspiel und Puppenspielkunst von Ferdinand Schmalz‘ Politgroteske „Der thermale Widerstand“. Die Puppen stellen Gäste des Kurbads dar, das bei Schmalz der Ereignisort der Geschichte ist. Das führt zu der aparten Situation, dass die vier Spielerinnen dieser Figuren, Evi Arnsbjerg, Johanna Kunze, Linda Fülle und Lilith Maxion, ihre technische Unterstützungsrolle immer wieder verlassen und zu den Betreuerinnen, Pflegerinnen und Coaches dieser von Statur her kleinen, von ihren Ansprüchen her aber sehr großen Figuren werden.

Höhepunkt dieser Beziehung ist eine kollektive Gymnastiksession kurz vor dem Eintauchen ins wohltemperierte Nass. Da werden Gliedmaßen gestreckt und gebeugt, die Wirbelsäule gedehnt, der ganze Rumpf bewegt, dass es eine Freude ist. Ja, diese Kurgäste erwachen unter den Fingern ihrer Animateurinnen (Puppenführungstechnik Regina Menzel) zu echtem Leben.

Leider hat sich Regisseur Jörg Lehmann dazu entschieden, der Sprache der Figuren eine starke regionale Färbung zu verleihen. Also wird sprachlich vor allem in die südlicher gelegenen Bundesländer ausgerückt. Die Dialekte werden in eher dumpferen Formen benutzt, was die Figuren massiv ridikülisiert. Natürlich, es kann sein, dass Dialektsprechen gerade im Lehrplan stand. Aber als optimale künstlerische Entscheidung erscheint dies nicht.

Auch die anderen Figuren, die Bademeister Hannes und Walter, Kurchefin Roswitha, Physiotherapeut Leon sowie eine Wissenschaftlerin und eine Abgesandte eines potenziellen Investors, die von Schauspielstudierenden der Hochschule gespielt werden, sind eher Karikaturen als Charaktere.

Das nimmt allen Furor aus der Kritik am real existierenden Kapitalismus, die Schmalz sehr sprachgewaltig in diesen ungewöhnlichen Text hineingeschrieben hat. So haben alle Konflikte zwischen dem anarchistischen Bademeister Hannes (Benedikt Kalcher), der profitgeilen Chefin Roswitha (Sophie Stockinger), dem skurrilen Arbeitsverweigerer Walter (Julian Jäckel), der Investorenberaterin Marie (Clara Wolfram) und der Geologin Folz (Emma Petzet) bestenfalls Intrigenniveau. Das von Schmalz fein austarierte Gefüge widerstreitender gesellschaftlicher Interessen wird in der Inszenierung zur reinen Privatsache; schlimmer noch: oft ist es auf Marottenstatus reduziert. Hannes‘ badeproletarische Forderung, geschrieben auf ein Transparent: „Die Bäder denen, die baden!“, hat daher nur müden Witzcharakter.

Derartige Schwächen machen die zweistündige Inszenierung zuweilen schwer verdaulich. Man wird daran erinnert, wie viel tote Zeit man einst vor der Pandemie im kargen Theatergestühl verbracht hatte. Im Zuschauersaal in der Hochschule ist immerhin pandemisch viel Platz zwischen den Sitzen.

Und man wird zuweilen durch einige visuelle Einfälle entschädigt. Immer wieder dringt Dampf aus Saunen und Hammams und flutet die Spielfläche. Die hereinbrechende Sintflut zum Finale wird durch rhythmisch bewegte riesige Plastikfolien in Szene gesetzt (Bühne, Kostüme, Puppen: Atif Mohammed Nour Hussein). Aparte kleine Filmszenen mit den Puppen ergänzen mitunter das Livespiel auf der Bühne. Für Video und Ton zeichnen sich auch die Puppenspielerinnen Evi Arnsbjerg und Lilith Maxion verantwortlich.

Dieser „Thermale Widerstand“ hat lichte Momente. Vor allem das Puppenspiel und die Inszenierung des Raums sorgen dafür. Dem Schauspiel kann man Pandemie-bedingte Schäden ansehen. Zu solitär wirkt jede Figur – ganz so, als sei sie im stillen Kämmerlein angelegt, mit nur wenig Kontakt zu den anderen Spielerinnen und Spielern. Dieses Problem lässt sich zumindest zum Teil über die Spielgelegenheiten der kommenden Vorstellungen beheben. Schwieriger dürfte es schon werden, den Figuren die Karikaturhaftigkeit auszutreiben. Erst dann lässt sich beurteilen, wie viel Talent tatsächlich in diesem Jahrgang steckt.

 

Premiere: 3.6.2021 (intern); 11.06.2021 (öffentlich)

Regie: Jörg Lehmann

Puppen, Bühne, Kostüme: Atif Mohammed Nour Hussein

Puppenführungstechnik: Regina Menzel

Sprecherziehung: Andrea Tralles–Barck, Walter Prettenhofer

Fotos: Melissa Stock

 

Besetzung: 

Frau Steiner: Evi Arnsbjerg

Frau Brunner: Johanna Kunze

Herr Meier: Linda Fülle

Herr Moser: Lilith Maxion

Hannes, Bademeister: Benedikt Kalcher

Roswitha, Kurverwalterin: Sophie Stockinger

Walter, Bademeister: Julian Jäckel

Leon, Masseur: Gustaf Willnauer

Marie, Beraterin: Clara Wolfram

Dr. Folz, Geologin: Emma Petzet

 

2 Kommentare
peter waschinsky
19.10.2021

Der thermale Widerstand

Keine Reaktion? Glaub ich nicht. Nur findet die eben im Buschfunk statt. Hier nicht mal mehr unter Pseudonym. E.F. Kratochwil schrieb in seiner "Puppentheatergegschichte" von 2006 über die Puppenspielerneigung, wenig mit- aber viel ÜBEReinander zu reden. Lernen das heute schon die Studenten? .
Peter Waschinsky
14.07.2021

Der thermale Widerstand

Wenn das Zusammenspiel Puppen- und Schauspiel, doch wohl Sinn dieser Übung, dem als kompetent und wohlwollend bekannten Tom Mustroph nicht ausführlicherer Erwähnung wert war, war sie es vermutlich wirklich nicht.

Die seit Jahrzehnten üblichen naturalistischen, schon an sich wirkenden Figuren aus eigener Werkstatt bzw. von Atif Hussein sahen aus wie von Atif Hussein. Die Bilder sind jedenfalls recht verwechselbar - wo hier doch gerne "Innovation" gefordert und recht schnell als Keule geschwungen wird.

Gerettet hat das Ganze wieder mal Regina Menzel, einzige Ernst-Busch-Puppendozentin O H N E Professorentitel. Die kümmert sich ja auch nur ums Handwerk. Also das, was die große Reputation der HS Ernst Busch mal primär ausmachte.

Studenten sollen sich unter geschützten Bedingungen entwickeln. Aber muß die zur Luxus-Käseglocke werden?
Wenn Studenten-Puppenstücke Bedingungen bekommen, die Profi-Projekten von Berliner Kulturpolitik und Schaubuden-Leitung kontinuierlich verweigert werden, erweist sich das letztlich als subtiler Mißbrauch von Studenten zur Vertuschung von krass prekären Verhältnissen im realen Berliner Puppenspiel.

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