Die aktuelle Kritik

Theater Koblenz: "erst war es leer ohne herz, aber jetzt geht's wieder"

Von Ulrike Weidlich

Lucy Kirkwoods Geschichte über eine geplatzte Mädchenfanatsie als Figurentheaterinszenierung.

Das Unglück zeigt sich mit dem Verlust eines kleinen Objektes

Dijana flüchtet aus ihrem Leben in ein fremdes Land, findet dort ihre große Liebe Babac und wird schwanger. Bevor das Kind kommt, soll noch einmal ein gemeinsamer Urlaub genossen werden, doch der freundliche Vorschlag ihres Partners, die Reise zu organisieren und ihm dafür den Reisepass auszuhändigen, entpuppt sich als Eintritt in die Zwangsprostitution.

Das alles ist zu Beginn des Abends längst passiert. In nicht chronologischen Sequenzen wird die vergangene und gegenwärtige Geschichte der jungen Frau erzählt, die ihren Lebensantrieb in der herbeigesehnten Begegnung mit dem „kleinen Clown“ findet – ihrem Kind, das von Regisseurin Katharina Kummer in der Gesamtheit des Publikums verortet wird.

 

Die Unschuld: zerrupft, mager und abgenutzt

Dijana selbst ist ein Triptychon – verkörpert wird sie sowohl von zwei Spielerinnen als auch von einer großen, handgeführten Gliederpuppe. Die Puppenbauerin Ulrike Langenbein bediente sich dabei der Unschuldsmetapher schlechthin: einem Reh. Diesem jedoch fehlt büschelweise das Fell, es ist mager und abgenutzt. Die Puppe wird mal von einer, mal von beiden Spielerinnen und an anderer Stelle lediglich akustisch animiert. Diese Setzung unterstützt den fragmentarischen Charakter des Abends. Zugleich gelingt so ein unaufdringlicher Handgriff für die sensiblen Augenblicke, in denen Dijana innere Kämpfe austrägt und einander widersprechende Positionen verhandelt. Momente, in denen unklar ist, ob es sich um Traum oder Realität, um Wunsch oder Wirklichkeit handelt.

Die beiden Puppenspielerinnen Luisa Grüning und Hendrika Ruthenberg haben ihr Publikum stets im Griff, sprechen es an und positionieren es räumlich um. Sie wechseln die Rollen und verkörpern verschiedene Protagonist*innen. Bei all dem führen sie auf einem hohen energetischen Level durch den Abend. Das braucht es auch und hier liegt eine Qualität der Arbeit. Zugleich zeugt diese Anforderung von dem Vertrauen, das die Regie dem Duo entgegenbringt. Das entwickelt unter anderem durch seine gut dosierte Spielweise – mal überhöht, mal verfremdet, mal kommentierend – einen Humor, der nicht lächerlich anmutet, sondern zur Falle wird: Böses ist bittersüß verpackt – wir lachen, doch es müsste uns im Halse stecken bleiben. Lucy Kirkwoods eindringliche Geschichte driftet dadurch in Katharina Kummers Inszenierung zu keinem Zeitpunkt in Selbstmitleid ab und verweigert sich stets einer passiven Opferzuschreibung, so gelingt ihr ein schwieriger Balanceakt zwischen Poesie und Brutalität.

Das tröstet auch über den beinahe inflationären Einsatz der Blacks hinweg, die den Raum für kurze Augenblicke verdunkeln. Diese visuelle Taktik braucht es gar nicht – weder um Akzente zu setzen, noch um auf den fragmentarischen Charakter zu verweisen oder Augenblicke der Irritation zu erzeugen. Das Mittel des Blacks zu wählen, wird zur hektischen und plakativen Störung. Es hätte andere Strategien gegeben, um mit den Lücken und dem Aushalten zu arbeiten und dem artifiziellen Charakter gerecht zu werden. Dieser zeigt sich an anderer Stelle so stark, etwa in den Texten der Autorin, den wunderbaren Kostümen von Julia Bosch und dem Spiel der Puppenspielerinnen.

Dem Ensemble gelingt mit „erst war es leer ohne herz, aber jetzt geht‘s wieder“ die aufschlussreiche Inszenierung eines schwierigen und anspruchsvollen Stoffes, die neugierig macht auf weitere Produktionen der erst vier Jahre alten Puppentheatersparte am Theater Koblenz.

Premiere: 16.09.2018

Foto: Katharina Dielenhein

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