Die aktuelle Kritik

Theater Chemnitz: „Aufstand der Dinge“

Von Andreas Herrmann

Das Figurentheater Chemnitz widmet sich per Objekttheater und viel Dingliebe dem Schicksal von DDR-Konsumgütern.

Nach unentdeckte Nachbarn nun unentdeckte Narrative. Wie beim Festival vor zwei Jahren mittendrin: die Chemnitzer Figurentheatersparte – und zwar gleich doppelt: Einerseits per Widmung an Stefan Heym, der als größter Dichtersohn viel mit Schläue und tiefenhumaner Gesinnung gesegnet war: „Wenn mich einer fragte…“ heißt die Uraufführung in Regie von Christoph Werner, wobei sich der Hauptdarsteller in der ganzen Stadt plakativ präsent zeigt. 

Andererseits mittels „Aufstand der Dinge“. Mirko Winkel, der für Konzept, Regie und Ausstattung verantwortlich ist, überschreibt das Geschehen mit „Ein Generationenprojekt zur Nachwendezeit“ und spricht gleichzeitig eine Altersempfehlung aus: von acht bis 108 Jahren. Seine sympathische Grundidee: Die Wendegeschichte mit den allumfassenden Biografiebrüchen fast aller Werktätigen in Analogie zum Schicksal diverser DDR-Konsumgüter für eine eindeutige Zielgruppe zu erzählen: Enkel plus Großeltern zum Fragen und Vertiefen.

Und zwar als Castingshow mit (nur vermeintlicher) Zuschauerabstimmung per Fähnchen mit kleiner weißer Friedenstaube, bei der in vier Runden je einer von drei Kandidaten weiterkommt und en passant deren Schicksal samt jener des dahinterstehenden Volkseigenen Betriebes (VEB) oder gar Kombinates erklärt wird. Beginnend vom Wassereimer aus Sonneberg, der viel stabiler als die billigen Westdinger schon 1994 in den Vorruhestand wechseln musste, aber hier gegen den genialen Tritthocker KH 72 aus Karl-Marx-Stadt verliert, in dessen Inneren eine kleine Leiter für den Hausgebrauch wohnt. Eine dynamische Tischschleuder und ein süßes rundes Maniküregerät Yvette gewannen gegen das letzte Exemplar eines DDR-Tischcomputers (angeblich zuvor noch nie eingeschaltet) und das rein mechanische Stubenfahrrad Velomed.

Das alles wird witzig erzählt und furios wie sympathisch per kleinem, persönlichen Ost-West-Disput von Claudia Acker und Mona Krueger gespielt, wobei letztere geschickt mit ihrer finnischen Herkunft und den deutschen Wurzeln agiert, und eine jede sich in ein Ding echt verlieben darf, was man aufgrund der Darstellung durchaus versteht und dessen Bevorzugung. Es läuft auf eine aufmüpfige Pointe als Schattenspiel im Trabantdachzelt (ohne Trabant) heraus, die hier keineswegs verraten gehört. Denn, so ahnt man es längst, so man die per Stimme von Dramaturg René Schmidt erzählte Märchenstory zwischen den Runden aufmerksam verfolgt, bekommen die vier Gewinnergestalten ihre verlorene Geschichte zurück, weil sie als Quartett zusammenhalten und wie einst die Bremer Stadtmusikanten die Gespenster besiegen. Ganz obenauf, quasi als Hahn: Die DDR-Stasi-Wanze, die fingernagelgroß seit der Wende unter einem Zuschauersitz klebte, aber nicht nur zuhören, sondern auch sprechen, das Geschehen manipulieren und sich – im Gegensatz zu ihren Westkollegen – sogar schämen kann.  

Herzlicher wie verdienter Applaus bei der Premiere, mit der völlig unprätentiös das Festival „Aufstand der Dinge“ eröffnet ward. Dies dauerte genau eine Woche und beinhaltet je zwei Vorstellungen der beiden neuen Puppenwerke, ist im größerem Programm „neue unentd_ckte narrative“ eingebettet. So gab es danach schon gleich im Anschluss der Premiere im Schauspielhaus noch eine anregende erste Podiumsdiskussion über „Wendeverlierer“ (mit Fragezeichen), die zuvor als verdinglichte Metapher so warmherzig erzählt ward, aber sonst gern als Narrativ dazu benutzt wird, die „fremdenfeindliche Einstellungen und Proteste in den neuen Bundesländern mit den Härten und Ungerechtigkeiten der Nachwendezeit“ zu erklären. Die Frage lautet, ob diese einseitige Erzählung zur Waffe der Wendeverlierer, die sich nun vom Opfer zum Akteur einer neuen Wende erklären, taugt.

In eleganter wie herausfordernder Moderation vom neuem sächsischem Krautreporter Christian Gesellmann gab es mit der Sozialforscherin Susanne Rippl, die aus Köln stammt, aber schon lange an der TU Chemnitz lehrt und Dr. Piotr Kocyba vom Institut für Protest- und Bewegungsforschung, der als Pole mit bayrischem Akzent derzeit in Budapest lebt und dort erstmals keine Diskriminierung ob seiner Herkunft erfährt, fundierte Fachkompetenz an seiner Seite.

So war für Rippl die Eskalation in Chemnitz ob des lokalen Milieus kein Zufall. Und Kocyba, zuvor lange in Dresden forschend und alle Pegida-Studien, auch jene zu Bildung und Sozialität, kennend, warnte ernüchternd: „Es ist die mit weitem Abstand bestgebildeste und wohlhabendste Protestbewegung, die jemals in Deutschland untersucht wurde.“ Vor allem deren Antisemitismus sei signifikant höher. In Ungarn lebe es sich für ihn hingegen jetzt gelassener als zuvor in Sachsen, weil da die Glaubensfrage schon entschieden sei.

Positiv für den Abend: Frank Richter sprang für Petra Köpping, sächsische SPD-Integrationsministerin, kurzfristig ein. Das ist jener Mann, der einst mit der „Gruppe 20“, spontan im Dresdner Volkspolizeikessel am 7. Oktober 1989 gegründet, den gesellschaftlichen Wandel leibhaftig begann und gestaltete und darob wohl als authentischster Mittler zwischen den Fronten jedem Gesprächsformat übers Ossi-Verstehen gut tut. Er gibt sich geläuterter wie ratloser, aber auch klarer als früher, schont niemanden, meidet Floskeln und fordert auch vom Westen gewisse Vorleistungen für den unvollendeten Einheitsprozess – so eine gemeinsame Verfassung, die endlich basisdemokratisch legitimiert gehört. Eine Diskussion, so gibt er offen zu, die in absehbarer Zeit leider nicht auf der Tagesordnung nach ganz oben rücken wird. Dennoch hatte sie hier in Chemnitz – in Summe von warmherzigen Theater und kluger Diskussion – einen tollen Beginn. Dem Aufstand der Dinge kann so die Revolution der Geschichte(n) folgen.

 

Netzinfos: https://aufstand-der-geschichten.de/

 

„Aufstand der Dinge“ (UA)

Ein Generationenprojekt zur Nachwendezeit

Konzept, Regie und Ausstattung: Mirko Winkel

Dramaturgie: René Schmidt
Künstlerische Beratung: Martin Schick

Altersempfehlung: 8 – 108 Jahre

Es spielen: Claudia Acker und Mona Krueger

Premiere am 3. November 2018

 

Foto: Nasser Hashemi

0 Kommentare

Neuer Kommentar