KMZ Kollektiv, Schaubude Berlin: "Zea Mays"
9. Dezember 2025
Das Foyer der Berliner Schaubude füllt sich langsam mit Menschen. Es ist warm und gesprächig. Und plötzlich steigt er uns in die Nase – der Duft von frischem Popcorn. Die Performer:innen des KMZ Kollektivs betreten den Raum und bieten uns freundlich ein paar Portionen des geploppten Getreides an; ordentlich verpackt in den vertrauten rot-weiß gestreiften Papiertüten. Während sich das Publikum ausgelassen im Saal verteilt, wird also hier und da genüsslich gemampft. Da fehlt eigentlich nur noch eins: Vorhang auf, Film ab! Und genauso passiert es dann auch: Auf der Leinwand erscheint ein vorproduzierter Film, der mit der Zeit in Live erzeugte Schattenspiele übergeht. Es ist eine dem Popol Vuh, dem heiligen Buch der Maya, entnommene Urszene: „Am Anfang gab es nichts – keine Menschen, keine Tiere, keine Vögel, keine Fische. […] Dann begannen [die Götter], mit Materialien zu experimentieren, um Menschen zu erschaffen“. Nach ein paar ersten Anläufen – Gestalten aus Erde und Holz – entschieden sich die Götter schließlich für ein ganz besonderes Material: ein aus Maiskörnern gemahlenes Mehl, das sie in Menschenform brachten. Eine Stimme aus dem Off berichtet außerdem, dass diese Schrift der Maya während der Kolonialisierung verbrannt wurde.

"Zea Mays": (vl.n.r.) Yahima Piedra Cordova, Laia Ribera Cañénguez, Antonio Cerezo und Daniela del Pomar © Pablo Hassmann
Doch bevor die Gewalt dieser Information so richtig in den Köpfen der Zuschauenden ankommen kann, reckt auf einmal der Protagonist dieses Abends seinen Kopf durch den samtigen Kinovorhang. Es ist niemand geringeres als ein gelber Maiskolben, der im kreisrunden Spotlight selbstbewusst in ein Mikrophon spricht. Zuerst stellt der Mais schnell seine Crew vor: Yahima Piedra Cordova, Daniela del Pomar, Laia Ribera Cañénguez und Antonio Cerezo. Im Anschluss erfährt das Publikum dann erstmal eine ganze Menge über den mächtigen Stammbaum des körnigen Kolbens. Zum einen gibt es da den Großvater I.G. Farben. Bei dem Hinweis, dass dieser sich die Hände mit der Herstellung von Zyklon B schmutzig gemacht hat, weicht der Mais lieber schnell auf die nächste Folie aus. Es gibt ja schließlich auch noch die berühmten Eltern Monsanto und Bayer – die Erzeuger des gentechnisch manipulierten Kindes. Und als stolze Eltern ihres GVO-Babys haben die beiden selbstverständlich auch den globalen Saatgut-Markt an sich gerissen. Auf einem Pult und mit einer golden Medaille um den Hals verkündet der Kolben schließlich stolz: „I am the seed of your success!“ … Da kann einem schon das ein oder andere Popcorn im Hals stecken bleiben.

"Zea Mays": (vl.n.r.) Yahima Piedra Cordova © Pablo Hassmann
Im Laufe der Inszenierung geben die Performer:innen dann nacheinander Einblicke in ihre autobiografischen Verflechtungen mit dem politisch aufgeladenen Lebensmittel: von einer Kindheit in Mexiko und dem Geschmack von frischen Tortillas, über ein im Alter von 18 Jahren abgelehntes Chemie-Stipendium des Agrarchemie- und Pharmakonzerns Bayer, bis hin zu den historischen und gegenwärtigen Erfahrungen mit Hunger in Kuba. Und der Maiskolben? Der bleibt nicht stumm: „Könnt ihr nicht auch etwas Lukrativeres machen als Theater?“, fragt er provokant eine Performer:in. Nun ja, finanziell ließe sich diese Frage sicherlich souverän mit „Ja!“ beantworten. Aber irgendwie ist da noch etwas anderes; etwas, das sich aufdrängt. Etwas, das ein schnelles Bejahen dieser Frage aushebelt. Aber was ist dieses „Etwas“ genau?
Während die Performer: innen einen großen Sack getrockneter Maiskörner über einem Mikrophon auskippen und sich die kleinen orangefarbenen Perlen klackernd auf dem Holzboden ausbreiten, hallt die Frage noch eine Weile nach. Was kann Theater? Wieso machen wir das (und nichts „Lukrativeres“)? In der Schlussszene von „Zea Mays“ schleicht sich die Antwort dann ganz unvermittelt auf die Bühne: Die Performer:innen füllen eine Schubkarre mit Maisstärke und Wasser. Mühsam mischen und kneten sie die Masse zu einem klebrigen Teig, der seinen Erzeuger:innen entschlossen Anweisungen gibt. Schließlich fordert er, auf dem Boden des Theaters ausgekippt zu werden. Gesagt – getan: Die an Fäden aufgehängte Schubkarre senkt sich langsam ab und eine dickflüssige, weiße Pampe ergießt sich nach und nach auf den Gesichtern der Performer:innen. Die Urszene des Anfangs nimmt Form an. Vielleicht ist das der Grund, warum dieses Kollektiv nichts „Lukrativeres“ tut: Es braucht Menschen, die diese Welt ästhetisch untersuchen; die getrieben von der Freude am Spiel Schubkarren mit Maisstärke füllen, Kontinuitäten aufzeigen, intervenieren und Bilder erschaffen. So richtet der Mais seine letzten Fragen in den Saal: „Seid ihr wirklich weise? Könnt ihr den Wind sehen? Könnt ihr den Atem der Berge verstehen?“
KMZ Kollektiv: "Zea Mays"
Spiel Antonio Cerezo, Yahima Piedra Cordova, Daniela del Pomar, Laia Rica | Text, Regie Team | Szenografie, Lichtdesign Catalina Fernandez | Musik Yahima Piedra Cordova | Kostüme Anne Buffetrille | Dramaturgische Beratung Katharina von Wilcke | Outside Eye Javier Rojas Trejo | Produktionsleitung ehrliche arbeit freies Kulturbüro | Produktionsassistenz Alejandra Atalah | Koproduktion mit Theater RAMPE Stuttgart | unterstützt von Schaubude Berlin
Premiere: 4. Dezember 2025, Schaubude Berlin
Dauer: 70 Minuten
Alter: ab 14 Jahren
In deutscher und spanischer Lautsprache mit englischen Übertiteln