Die aktuelle Kritik

Hochschule Ernst Busch: "Walden - Live from the Woods"

von Tom Mustroph

Puppenspiel goes Vlog

Eine als Bühnenshow konzipierte Arbeit des 3. Studienjahrs der Hochschule "Ernst Busch" wird in die fünfteilige Webserie "Walden - Live from the Woods" umgewandelt. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Technologisch wird Neuland erkundet, inhaltlich erfährt das Aussteigerthema um Henry Thoreau durch Covid-19 eine Aufladung. 

Eine Hütte im Wald. Ein paar schwarze Linien, mit schwarzer Farbe hingekritzelt auf weißen Untergrund - das stellt in der ersten Sequenz dieser neuen Web-Serie die Hütte des Zivilisationsflüchters Henry David Thoreau dar. Den Wald, in den Thoreau sich symbolischerweise genau am 4. Juli 1845, der 69. Wiederkehr des US-amerikanischen Unabhängigkeitstags, zurückzog, stellen ein paar auf dem Bildschirm animierte Tannen dar.

Mit diesem minimalistischen Design beginnt die Video-Serie "Live from the Woods", eine Produktion des 3. Studienjahres der Puppenspieler*innen der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch". Eigentlich war die Produktion klassisch für die Bühne geplant gewesen. Allerdings waren auch schon Videosequenzen angedacht. Die Schließung von Proberäumen und Bühnen auch an der Hochschule im Rahmen der Eindämmungsverordnungen zu Covid-19 führten das Team um die Projektleiterinnen Roscha A. Säidow und Jana Barthel allerdings zur kompletten Verlagerung auf die digitale Bühne. Vorproduzierte Sequenzen wurden genutzt. Es wurde aber auch neu gedreht, wie die Episode "Stadtflucht" beweist. Thoreau wandert da als etwa Arm hohe Silhouette durch Berlin. Er fährt U-Bahn; mit ihm im Waggon sind Menschen, die schon Masken umgebunden haben. Er hält sich an leeren Plätzen auf, wie man sie aus den ersten Tagen des Lockdowns kennt. Manchmal taucht die Figur aber auch in lebendigere Stadtszenen ein. Bei ihnen bleibt offen, ob sie noch vor dem Covid-19-Regime gedreht wurden oder nicht doch Zusammenkünfte von Quarantäne-Verweigerern ins Bild setzen. Im Zusammenhang mit Thoreau, der aus der Gesellschaft ausstieg, selbst also Distanz suchte, werden die Alltagsbilder aus der Corona-Zeit mit einer neuen Bedeutungsschicht versehen.

Der Einsiedler Thoreau war aber nicht nur ein Pionier des social distancing. Er war auch ein utopischer Denker. Das wird in der kurzen Ansprache deutlich, die er als mit strahlenden blauen Augen in die Kamera blickende Porträtpuppe (Puppenbau: Karin Tiefensee und Ingo Mewes) hält. "Die menschlichen Fähigkeiten sind noch nie gemessen worden. Und wir sind nicht imstande, aus dem, was bis jetzt geschehen ist, auf das zu schließen, was geschehen kann. So wenig ist versucht worden", konstatiert er. Und er fomuliert sein Credo: "Ich will tief leben."

"Tief leben" bedeutet, nur das Nötigste zu haben. Denn nur, wenn man das Nötigste hat, wird deutlich, was der Mensch braucht, und was überflüssig ist.

Thoreau ist allerdings kein bloßer Reduktionist. Interessanterweise startete er den Versuch, mit sechs Wochen Lohnarbeit im Jahr sein finanzielles Auskommen zu finden, um in den restlichen zehneinhalb Monaten den eigenen Interessen nachzugehen. Thoreau versuchte also, das Projekt des bedingungslosen Grundeinkommens mit Inhalten zu füllen - und nicht zuerst vom Vorsorgestaat aus zu denken.

In der ersten Videofolge des Projekts, als Vimeostream auf der Website livefromthewoods.com eingebunden, folgt man Thoreau in den Wald.

Der Wald präsentiert sich in unterschiedlichen Formaten. Mal ist er ein schnell hingetuscht wirkender Hintergrund, vor dem sich digital wie analog animierte Tiere bewegen. Ein digitaler Schmetterling setzt sich da auf die Hand der mechanisch geführten Thoreau-Puppe. In seinem Rücken zieht eine Hirsch-Silhouette vorbei. Mal ist es auch ein "echter" Wald, abgefilmte Natur also, in die die Puppen montiert werden. Die verschiedenen Raumerweiterungs- und Raumverschmelzungsszenarien machen einen großen Reiz der Produktion aus. Und sie zeigen Wege auf, was im virtuellen Puppentheater alles möglich sein könnte. Wie sagt Thoreau auch eingangs? "So wenig ist versucht worden." Hier erfolgen erste Schritte.

Die vier Studierenden Carlo Silvester Duer, Lina Mareike Wolfram, Luise Friederike Hennig und Seth Tietze versehen den Thoreau-Plot bereits in der ersten Folge mit narrativen Verzweigungen. Ein militantes Prepper-Paar taucht auf, das die Bunkertauglichkeit der Thoreauschen Hütte untersucht - und sich, wenig nachbarschaftlich gesinnt, auch an den Vorräten des neuen Rückzüglers bedient. Der Wald heutzutage ist kein Hort der Einsamkeit mehr. Sogar mit einem Feenbeauftragten muss sich der Thoreau Anno 2020 auseinandersetzen - und für freien Feenverkehr die Hütte verrücken.

Nicht einmal den modernen sozialen Netzwerken kann er entkommen. "Mutti" meldet sich nicht nur per Textnachrichten, sie schickt auch noch einen Proviantkorb auf die Lichtung.

"Walden - Live from the Woods" profitiert der Covid-19-Pandemie vielleicht nicht direkt. Das Projekt erhält jedoch einige neue Bedeutungsebenen. Die Diskurse über der Herunterfahren von Gesellschaft, die Entfernung von den Menschen, das Verhältnis von Natur und Kultur, die durch die Pandemie initiiert und neu formatiert werden, verknüpfen sich auf vielfältige Art und Weise mit der Thoreauschen Ideenwelt. Zugleich verfügt die Hochschule offenbar über jene Ressourcen, die es erlauben, Werkzeuge für ein digitales Puppentheater auszuprobieren, selbst zu entwickeln und neue Horizonte anzupeilen. Die Länge von ca. 11 Minuten in der ersten Folge erscheint auch äußerst rücksichtsvoll angesichts der vielen Stunden, die die Heimarbeiter*innen der diversen Branchen gegenwärtig vor Bildschirmen in Videokonferenzen verbringen müssen. Die nächste Folge erscheint am 14. Mai.

0 Kommentare

Neuer Kommentar