Die Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin: Das Zentrum des Kosmos

Von Falk Schreiber

Der Studiengang Puppenspielkunst an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch wurde 50 Jahre alt. Und feierte das mit einem kleinen Festival unter dem Motto „Was war, was ist, was wird“, anders ausgedrückt: Party, Kunst, Diskurs!

 

 

Ein freundlicher Rabe verteilt Flugblätter. Drei Maskenzombies knurren Passant*innen an. Und ein winziger Elefant radelt zu blechernen Schlagerklängen auf einem Dreirad durch die Zinnowitzer Straße, man braucht einen Moment, bis man kapiert: Das Wesen funktioniert mechanisch und wird von einem Menschen ferngesteuert, der ein paar Meter abseits geht.

Die Prozession, die sich an einem Freitagnachmittag durch Berlin-Mitte schob, war ein kleiner Spaß: ein so harm- wie distanzloser Zug durch den öffentlichen Raum, phantasievoll, anarchisch, bunt. Aber auch geprägt von einem sehr traditionellen Verständnis von Figurentheater, das die Puppe in die Nachbarschaft von Spektakel und Clowenerie stellt. Eigentlich ist so etwas nicht typisch für die Puppenspielausbildung an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch, aber: Der Umzug stimmte ein in die Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag des Studiengangs vom 8. bis 10. Juli, „Puppe50“, und wenn man feiert, dann darf man auch ruhig mal in die Harmlosigkeitskiste greifen.

Das Jubiläum jedenfalls bewies dagegen, dass es an der Hochschule auch anders zugehen kann. Nur eben nicht am ersten Tag – wenn man sich den Untertitel des Wochenendes „Was war, was ist, was wird“ genauer anschaute, wurde deutlich, dass man es mit einem kleinen Festival zu tun hatte, und dieses Festival war (grob) strukturiert in „Party“ (Freitag), „Kunst“ (Samstag) und „Diskurs“ (Sonntag). Heißt: Zur Eröffnung wurde wirklich gefeiert, zunächst mit der Parade, dann mit einer launigen Begrüßung von Rektorin Anna-Luise Kiss und einer interessant dekonstruierten Rede von Studiengangsleiter Markus Joss, mit musikalischen Beiträgen des ehemaligen Studenten Rainald Grebe und Geburtstagsgrüßen von den wichtigsten Figurenbühnen des Landes, aus Halle und Magdeburg etwa.

Am Folgetag dann zeigten aktuell Studierende die Bandbreite dessen, was an der Hochschule im Bereich Figurentheater erarbeitet wird: Lina Mareike Wolfram und Seth Tietze zeichneten mit „Fünf“ die Lebensgeschichte der Dionne-Geschwister nach, die in den 1930ern als Fünflinge zu einer gewissen Prominenz kamen. Wolfram und Tietze nutzten dabei eine grobe Figurenästhetik, die mit Pressefotos, Live-Film und Schauspiel einen ganz eigenen dokumentarischen Charakter aufwies. Dass das Stück darüber hinaus bösen Humor und schonungslose Drastik zu nutzen wusste, tat sein Übriges – zu sehen war sehr heutiges, sehr cooles Theater, das die Eigenarten der Figur freilich eher als Ausstattungselement einsetzte, weniger als stilprägendes Merkmal.

Mit Schauspiel arbeiteten auch Tanja Linnekogel, Madita Kuhfuhs und Annika Schaper in der Dramatisierung von Marieluise Fleißers Kurzgeschichte „Die dreizehnjährigen oder Unsere Schwester Olga“. Die Erzählung über eine tragische Pubertätsverwirrung wurde ganz klassisch (und sehr gekonnt) performt, um ein paar Bierbänke und ein liebevoll ausstaffiertes Karussell als einzige Bühnenbildelemente – und immer wieder wurden Marionetten aus dem Karussell gezogen, die dann das Spiel übernahmen. Als Puppentheater war das eigentlich traditionell, allein: Wie dieses traditionelle Spiel sich aus dem Schauspiel heraus entwickelte, verwies auf ein originelles dramaturgisches Konzept.

Ganz ungebrochen traditionsbewusst gingen dagegen Veroniká Masliková, Leon Schamlott, Laura Schulze und Tizian Steffen an Georges Feydeaus Komödie „Du bist dran, ich passe“ heran: als Spiel mit liebevoll gestalteten Handpuppen, das den Boulevard der Vorlage überraschend bruchlos ins Figurentheater übersetzte. Boulevard lebt nicht zuletzt von der Komik der Körper, und dass diese Körperkomik sich hier in Handpuppen manifestieren konnte, lag daran, dass die Beteiligten ihre Technik überaus versiert beherrschten, inklusive Nackt- und Sexszenen der Puppen. Zudem machte sich das Team mit unverfrorenem Spaß über die Vorlage her, und das hat zwar nichts mit Puppentheater zu tun, wohl aber mit Gespür für die Eigengesetze der Bühne: Am Ende stand ein Blutbad, bis schließlich der Autor Feydeau als Puppe die Bühne stürmte. Um wütend „Das ist doch nicht mein Stück!“ zu rufen und dann niedergemäht zu werden. Viele Lacher.

Der Tag endete mit „Max Reinhardt probt Shakespeares, Sommernachtstraum‘“, einer reizenden Nichtigkeit von Puppenspiel-Legende Suse Wächter, in der eine Max-Reinhardt-Puppe eine Leseprobe mit illustrer Besetzung anleitet: Marlene Dietrich spielt Titania, Bertolt Brecht Zettel, Marilyn Monroe Hermia und Wladimir Majakowski Lysander. Inhaltlich war das ein Witz, der freilich davon lebte, dass Puppentheater Zauber versprühen kann, wenn es nur gut gemacht ist. Und wie Hans Jochen Menzel die große Reinhardt-Puppe zum Leben erweckte, während die übrigen Figuren nur als winzige Stabfiguren vor sich hinbrabbeln durften, das war tatsächlich ganz wunderbar gemacht. Jedenfalls ging man mit einem breiten Grinsen in den letzten Jubiläumstag.

Der stand im Zeichen des Diskurses. „Was wird“, das ist die Frage, wo das Figurentheater (und seine Ausbildung) in den kommenden Jahren hinmöchte, und diese Frage wurde in Gesprächsrunden beantwortet. Zum Beispiel: in die Wirtschaft, das beschrieb Ingo Mewes anhand der AirWings, Lenkdrachen, die zur Stromerzeugung genutzt werden können und nach dem Prinzip von Marionetten aufgebaut sind. Oder in die Digitalität. Oder in eine engere Verzahnung mit dem Schauspiel, was in einer Gesprächsrunde zwischen Studiengangsleiter Joss, Dozentin Britta Geister und den Regisseurinnen Naemie Friedmann und Roscha A. Säidow erörtert wurde. Allgemein wurde hier deutlich, dass die Puppe eine Abstraktion ermöglicht, die im Sprechtheater sonst schwer erreichbar wäre: „In dem Moment, in dem die Hand in die Puppe geht, wird ein abstraktes Thema plastisch!“, beschrieb Friedmann dieses Phänomen, und Säidow betonte, dass man mittels Puppen klarer über das eigene Leben und die Gesellschaft nachdenken könne. Solle also die gemeinsame Arbeit in der Ausbildung forciert werden, fragte Jörg Lehmann, der mehr Diskussionsteilnehmer als klassischer Moderator war – was Joss bejahte und mit der Forderung nach mehr Räumen, Zeit, Geld verknüpfte. Worauf aus dem Publikum der Einwurf kam, dass an der HMDK Stuttgart die Zusammenarbeit zwischen Puppen- und Sprechtheater verpflichtend sei, und das sei dann doch wohl auch nicht zielführend. „Alles kann, nichts muss“, entgegnete Geister darauf pragmatisch, und Friedmann ergänzte mit dem Blick der Künstlerin: „Wenn es kommt, kommt es.“

Dass solch ein Zwang zur Kollaboration an der Ernst-Busch-Hochschule schwer durchzusetzen wäre, wusste allerdings auch Moderator Lehmann. Hier sieht man sich explizit in einer literarisch-dramatischen Tradition, und als Lehmann darauf noch den Regieprofessor Robert Schuster zitierte, wurde klar, dass an dieser Tradition nicht gerüttelt werden solle: Immerhin gehe es um „respektvolle Wahrung der Differenz“.

 

So sehr sich Joss eine stärkere Verzahnung der Abteilungen wünscht (wobei diese Verzahnung nicht zuletzt durch die Zusammenführung der bislang über die Stadt verteilten Institute 2018 in einem neuen Campus in Berlin-Mitte deutlicher geworden ist) – grundsätzlich sieht der Studiengangsleiter die Ausbildung an der Ernst-Busch-Schule auf einem guten Weg, wie er im direkten Gespräch erläutert.

 

50 Jahre Puppenspiel an der HfS Ernst Busch – ist das eigentlich ein Grund zum Feiern?

Markus Joss: Was wird überhaupt gefeiert? Gefeiert wird letzten Endes die Summe unserer Absolventinnen und Absolventen und auch die Netzwerke, in die wir eingebunden sind. So ein Studiengang, das ist ein dynamisches Gebilde, das sind Visionen von Menschen, die sagen: Wir wollen was gemeinsam machen, und irgendwann mal findet sich das in Bausubstanz und Institutionen wieder.

Ich frage deswegen, weil ich mir ein bisschen Sorgen mache um die Berufschancen der Absolvent*innen …

Im Moment ist es so, dass wirklich viele händeringend Puppenspieler*innen suchen, die in ein Ensemble gehen. Jeder, der heute in ein Ensemble will, kriegt tatsächlich einen Job.

Und? Wollen die das?

Im dritten Studienjahr träumen eigentlich fast allen davon, nach dem Studium in einer wie auch immer gearteten Formation freischaffend zu sein. Also, tatsächlich eigene Projekte auf den Weg zu bringen. Auf den letzten Metern des Studiums verändert sich das meistens, da gibt es doch wieder ein größeres Interesse an Anstellungen in Ensembles.

Woran liegt das?

Naja, wenn man zusehends dazu aufgerufen ist, eigene Ideen auch in die Tat umzusetzen, merkt man, dass da auch Sachen wie Mittelakquise, Projektmanagement und so weiter dazugehören. Wir waren ziemlich die ersten in diesem Bereich, die das im Studium anbieten, nicht zur Abschreckung, sondern, weil wir die Studierenden gut ausrüsten.

Mit welcher Motivation kommen denn die Studierenden überhaupt zu ihnen?

Eigentlich wollen alle auf die Bühne, die wollen von der Bühne runter etwas erzählen. Und unsere Bewerber*innen haben außerdem eine Affinität dazu, Stücke selber zu kreieren, in der Regel haben die sehr stark dieses Künstlergen, einen Zugang zur künstlerischen Autorenschaft, dass sie selber zum Nukleus eines ganzen Kosmos werden.

Gibt es immer noch einen gewissen ostdeutschen Schwerpunkt unter den Studierenden?

Nein, das ist mittlerweile sehr breit und auch sehr international. Mittlerweile geht es nicht mehr um Ostdeutschland, es geht darum, wo man vom Puppentheater infiziert werden kann. Vom Fitz in Stuttgart, von der Schaubude Berlin, vom Westflügel Leipzig, aber auch die Vielzahl an Festivals ist ganz wichtig.

 

 

© Fotos: Mutphoto, Puppe 50 HFS Ernst Busch feiert Jubiläum

1 Kommentar
Peter Waschinsky
20.07.2022

Die Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin: Das Zentrum des Kosmos

ALSO ALLES SUPER, HERR REZENSENT!

Oder? Auch nach 50 Jahren ist die Abteilung nicht in der Lage, den Puppenspielerbedarf zu decken. Dafür umgibt die Szene ein Graubereich von Absolventen, die als meist arbeitslose Schauspieler – oder ganz anderes – Puppenspielverachtung verbreiten.

Ist Ernst-Busch-Puppe mit den 4jährigen Studenten – zu kurz, um die luxuriöse Studiensituation als Blendung zu verstehen und Ausbildungs-Defizite wirklich wahrzunehmen – primär dazu da, über die desaströse Situation der Berliner Puppenspielpraxis hinwegzutäuschen?

[gekürzter Kommentar, die ungekürzte Version ist über den Link einsehbar]
https://generalanzeiger-waschinsky.de/index.php/blumen-und-tomaten/517-50-jahre-berliner-kasperschule

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