Schichtl, Familie

Die Familienchronik dieser aus Süddeutschland stammenden Schausteller- und Puppenspielerdynastie reicht zurück auf das letzte Drittel des 17. Jahrhunderts. Die frühen Generationen widmeten sich dem Bau von beweglichen Krippen, betrieben mechanische Kunstkabinette, reisten als Instrumentalvirtuosen und zeigten zoologische Museen. 1869 gründeten die Söhne von Johann Evangelist Ignatz Schichtl, Julius, Franz August und Michael August, in München ein Zaubertheater. Ihr jüngerer Bruder Johann begann seine berufliche Laufbahn 1867 mit dem „Münchner Kasperltheater“, das er ab den 1870er Jahren um ein reisendes Spezialitätentheater erweiterte. Auch Franz August und Michael August bereisten nach 1880 die Festplätze in Deutschland mit aufwändig gestalteten Zelt- und Holzbauten und zeigten ein repräsentatives Marionetten- und Varietéprogramm: Trickmarionetten (Fantoches), Szenen mit Kakautzkyfiguren, Theatrum mundi, Laterna magica-Projektionen, Phantasmagorien, Kinematographie, Zauberei und Pantomimen.
Den drei Söhnen von Johann Schichtl, Hans, Karl und Julius, gelang 1907 der Sprung in das internationale Großstadtvarieté. Bis 1922 zeigten sie gemeinsam Nummernprogramme mit Fantochesmarionetten auf großen Tourneen in ganz Europa und Amerika. Danach trennten sie sich und reisten von nun ab allein mit ihren Familien bis zum international einsetzenden Niedergang der Varietébetriebe in den 1960er Jahren. So bildeten zum Beispiel Hans Schichtl und seine Kinder die Formation „Schichtl-Rulyans“, die einen Programmschwerpunkt auf die im Familienbesitz befindlichen mechanischen Kunstfiguren von Christian Tschuggmall legte und mit nach deren technischen Prinzip gebauten und vergrößerten figürlichen „Seilartisten“ arbeitete.
Zu erwähnen ist noch Xaver Schichtl, der 1913 ein Spezialitätentheater von seinem Vater Karl übernommen hatte und neben Tierdressuren, Artistik, optischen Illusionen und Fantochesvarieté das dramatische Marionettenspiel in Form von Märchen- und Sagenaufführungen auf deutschen Festplätzen und in Schulen pflegte. Schichtl-Theater aus der Familientradition bestehen heute nicht mehr.

Manfred Wegner

Bibliographie: Dering, F., Gröner, M., Wegner, M.: Heute Hinrichtung. Jahrmarkts- und Varietéattraktionen der Schaustellerdynastie Schichtl. Wien / München 1990 / Werle-Burger, H.: Vornehmstes Familientheater. Schichtl’s Marionetten-Varieté-Theater. Husum 1993

Bildnachweis: Xaver Schichtl, Magdeburg, mit seiner Marionette Till Eulenspiegel, Foto um 1925/30, Fotograf unbekannt, Bildvorlage: Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Puppentheatersammlung