Die aktuelle Kritik

Theater Erfurt, Tanztheater Erfurt, Theater Waidspeicher Erfurt: „Novecento – Die Legende vom Ozeanpianisten“

Von Michael Plote

Spiel noch einmal, Novecento: In Erfurt dient Alessandro Bariccos Bühnenmonolog „Novecento“ (1994) als Grundlage für eine Koproduktion der besonderen Art: Das Theater Erfurt, das Tanztheater Erfurt sowie das Theater Waidspeicher vereinen ihre Künste und schaffen einen abwechslungsreichen Abend, der das Premierenpublikum begeistert.

Bitte nehmen Sie Platz – im Ballsaal, im Casino, im Salon, im Unterdeck des Transatlantikliners Virginian. Er schippert seit Beginn der „Goldenen 1920er-Jahre“ zwischen Europa und Amerika hin und her. Hier reisen Wohlbetuchte und Auswanderer.

Auf diesem Ozeanriesen wird zu Beginn des Jahres 1900 ein Findelkind entdeckt, das den Namen Novecento (italienisch „Neunzehnhundert“, eigentlich „neunhundert“) erhält. Der Junge wächst auf dem Dampfer auf, wird ein grandioser Jazz-Pianist und spielt zeit seines Lebens in der Kapelle auf dem Schiff. Rückschauend erzählt sein Freund, der Trompeter Tim Tooney, die bemerkenswerte Geschichte von Novecento und ihrer Freundschaft.

Die italienische Choreografin und Regisseurin Ester Ambrosino inszeniert eine bildmächtige und emotional berührende Geschichte in der Studio-Box des Theaters Erfurt. Der puristische Bühnenraum mit der dominierenden Treppe und die zeitlos schönen Kostüme stammen von Mila van Daag. Die Koproduktion von Theater, Tanztheater und Puppentheater Waidspeicher Erfurt bringt zwei Musiker, drei Tänzerinnen und Tänzer, drei Puppenspielerinnen und Puppenspieler sowie drei Puppen zusammen.

Sie spielen, tanzen, berühren und bewegen sich temperamentvoll und verträumt. Fließende und fliegende Übergänge im Spiel und im Tanz zwischen Menschen und Puppen schaffen reizvolle Assoziationsräume und stellen unvermittelt Identitätsfragen. Wer bin ich? Wie ist mein Blick auf die Menschen, auf die kleine Welt auf dem großen Dampfer zwischen den Kontinenten? Novecento hat zeitlebens keinen festen Boden unter den Füßen, aber er träumt vom Glück an Land.

Der Trompeter (Dominik Lauterbach) spielt eine melancholische Melodie. Da liegen Kisten voll mit Dynamit auf dem Schiffsboden. Das Ende naht. Vom Oberdeck steigt Novecento, die große Puppe, die Treppen herunter. Was heißt heruntersteigen? Die direkt geführte Gliederpuppe gleitet mit fließenden, synchronen Bewegungen, offen geführt von Heinrich Bennke, die Stufen herab. An den Schuhen der vielleicht einen Meter großen Puppe sind Magnete angebracht, die sich mit Magneten an den Schuhen des Spielers verbinden. So kann die Vierfüßler-Puppe „laufen“ – auf vier Füßen.

Kathrin Sellin vom Theater Waidspeicher hat alle drei Puppen, den Trompeter Tim Tooney als jungen Mann und Novecento als Kind, erfunden und gestaltet, ihnen Lebendigkeit und Beweglichkeit mitgegeben, dabei experimentiert. Das verrät Dramaturgin Susanne Koschig im Gespräch. Nach den ersten Proben bekamen die Puppen ihre unauffälligen Magnete an die Füße geheftet, damit sie synchron mit den Spieler:innen „laufen“ können. Kathrin Blüchert animiert vor allem die beiden, aber fast alle Musiker, Spieler:innen und Tänzer:innen müssen auf der Bühne alle drei Puppen kurz führen, berühren, bewegen, sich von ihnen vereinnahmen lassen.

Das trifft auch den Klavierspieler (Roberto Secilla). Die beiden kleinen Freunde, die Puppen, „fliegen“ auf seinen Rücken, schauen ihm beim Spiel über die Schulter. Ein raffiniert arrangiertes Knäuel von Menschen und Puppen, ein überraschendes Bild, das die Regisseurin hier findet. Die Tänzerinnen und Tänzer Maria Focaraccio, Tabea Wittulsky und Kenji Shinohe geben der Inszenierung Rhythmus und Tempo vor. Sie tanzen mit den Puppen und die Puppen tanzen mit ihnen, was Puppenspieler nicht so gern hören und lesen. Ein Duell am Klavier zwischen Novecento und der Jazz-Legende Jelly Roll Morton endet mit einem wilden Tanz von Jelly auf seinen großen, hohen Füßen. Da sind die Zuschauer:innen ein wenig ratlos, wenn der historische Hintergrund nicht bekannt ist.

Den Trompeter Tim Tooney als Erzähler spielt wortgewaltig und nachdenklich reflektierend Tomas Mielentz. Nicht immer ist klar, in welcher Zeit und an welchem Ort die Geschichte gerade spielt. Aber vielleicht ist das auch unwichtig. Fakt ist, auf der Bühne begegnen wir dem Trompeter in dreifacher physischer Gestalt: als Musiker, Erzähler und Puppe. Viele traumhaft schöne Bilder bleiben im Gedächtnis haften.

Im Schlussmonolog sitzt Novecento auf Kisten voller Dynamit, denn das in die Jahre gekommene Schiff soll gesprengt werden. Soll er auf dem Schiff, das sein Leben war, bleiben? Oder an Land gehen? Wohin? Ein letzter Tanz, verklingende Töne, verlöschende Lichter. Explodiert die Welt?

Das Premieren-Publikum applaudiert nach 65 Minuten begeistert, trampelt lautstark, wirft Blumen. Ein Theaterabend, den man nicht so schnell vergisst.

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Nächste Vorstellungen: 03.05. | 04.05. | 05.05. | 07.05. | 01.06. | 02.06. | 06.06.2022

Inszenierung Ester Ambrosino
Ausstattung Mila van Daag
Puppen Kathrin Sellin
Dramaturgie Susanne Koschig
Fotos Lutz Edelhoff
Dauer ca. 60 bis 80 min
Altersempfehlung 10+

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