Die aktuelle Kritik

Blind Date Collaboration & ANULLA, LICHTHOF Theater Hamburg: „U.G.A.I. Ich bin kein Roboter“

Von Falk Schreiber

Der Mensch ist langsam und ineffektiv. Weswegen in naher Zukunft praktisch die gesamte Arbeitswelt von Maschinen erledigt wird. Die Wiener Gruppen Blind Date Collaboration und ANULLA machen aus dieser Erkenntnis am Hamburger Lichthof beeindruckendes Objekttheater – das sich mit szenischer Raffinesse ein wenig um die Künstliche Intelligenz herum mogelt.

2035. Die Menschheit hat ihren Job nicht gut gemacht, so gut wie jede Tätigkeit kann weniger fehleranfällig von digitalen Strukturen übernommen werde. Menschen braucht man nur noch für einzelne, schlecht bezahlte Jobs zum Beispiel in der Pflege, die meisten werden allerdings wegrationalisiert und mit einer Grundsicherung namens „Basistarif“ abgespeist. „Die Lebenserwartung der Menschen liegt mittlerweile bei 102 Jahren“, ertönt eine menschliche Stimme in „U.G.A.I. Ich bin kein Roboter“ an einer Stelle. „Was mache ich da denn? Das sind ja noch fast 50 Jahre!“ Tja. Soll nicht das Problem des Stücks sein.

Die österreichischen Theatergruppen Blind Date Collaboration und ANULLA haben das Konzept der Union of Global Artificial Intelligence, kurz U.G.A.I., schon in zwei Stücken am Wiener WUK performing arts und beim Steirischen Herbst entwickelt, der dritte Teil kommt dank Förderung durch den Fonds Darstellende Künste am Hamburger Lichthof Theater zur Uraufführung. U.G.A.I., das ist eine Art Gewerkschaft intelligenter Maschinen, gegründet als Nebenprodukt eines Forschungsprojekts und mittlerweile selbständig zwischen Systemen migrierend. Eine Gewerkschaft nicht als klassenkämpferische Institution, sondern im Sinne einer Interessenvertretung – primäres Interesse ist die Effizienzsteigerung im Arbeitsleben, weswegen die U.G.A.I. die Agentur für Arbeit übernommen hat und dort jetzt effektiv durchregiert.

Als Künstliche Intelligenz grenzt sich die U.G.A.I. von den Robotern ab. Hier besagt schon die Wortherkunft vom tschechischen „robota“, was soviel wie „Zwangsarbeit“ bedeutet, dass man es mit Arbeitssklaven zu tun hat, die naturgemäß mit wenig Klassenbewusstsein ausgestattet sind. Für das von Marie-Christin Rissinger inszenierte Objekttheaterprojekt bringt das allerdings ein paar Probleme mit sich: Künstliche Intelligenz gibt szenisch wenig her, Roboter schon. Weswegen man sich auch sofort mit den von Klemens Kohlweis konstruierten Maschinenwesen namens „Roombas“ identifiziert: modifizierte Staubsaugroboter mit aufmontierten Megafonen, die über die Bühne wuseln, einander im Weg rumstehen und die Entscheidungen der Künstlichen Intelligenz kommentieren. Süß! Als ein Roomba sich zwischen den Zuschauerreihen verhakt, tätschelt man ihm tröstend die Oberfläche, wie einem niedlichen, leicht ungeschickten Tierchen, das gerade etwas Blödes gemacht hat.

In diesen Momenten entwickelt „U.G.A.I. Ich bin kein Roboter“ beeindruckende ästhetische Schärfe, nur: Diese Momente sind nicht, um was es eigentlich geht. Der hochkomplexe Diskurs über die Zukunft der Arbeit aus Nullen und Einsen wird verlagert in den unablässig aus Lautsprechern blubbernden Text, während die Roombas durch die Gegend zuckeln und ein sprechender Wasserspender langsam überläuft, eine blaue Schaummasse im Raum verteilt und sich dabei selbst zerstört. Sieht alles toll aus, verstellt aber den Blick darauf, dass die hier skizzierte Zukunftsvision in Wahrheit gar keine Utopie ist: Die Idee, dass die Agentur für Arbeit keine individuellen Entscheidungen mehr trifft, sondern ausschließlich per Algorithmus geführt wird, wurde etwa in Österreich schon umgesetzt.

Aus theatertheoretischer Perspektive ist die Produktion im Übrigen eine Mogelpackung. Die Roombas etwa tun zwar so, als ob sie ein Bewusstsein hätten. „Ferngesteuerte Staubsauger mit Ansichten und Absichten, wissen alles besser, haben ständig gute Ideen und diskutieren gerne“ charakterisiert der Programmzettel die Maschinen, allein: Selbst die rudimentäre Künstliche Intelligenz, die in handelsüblichen Staubsaugerrobotern steckt, wurde ihnen ausgetrieben, die Sensoren etwa, die einen Roboter durch die Wohnung leiten, sind abgeschaltet, ihre Bewegungen werden per Fernsteuerung koordiniert. Im Puppentheater sind die Roombas nicht mehr als Marionetten, und Kohlweis ist der (digitale) Puppenspieler. Der Mensch bleibt zwingend notwendig bei „U.G.A.I. Ich bin kein Roboter“.

Allerdings macht der Mensch seinen Job nicht immer wirklich gut. An einer Stelle setzt eine altertümliche Maschine die Handlung in Gang, ein Wandtelefon, das klingelt. Es klingelt also. Und klingelt. Und klingelt. Und erst nach Minuten kommt jemand im Publikum auf die Idee, dass man aufstehen sollte und den Hörer abheben, um das Stück weitergehen zu lassen. Der Mensch: langsam und ineffektiv. Vielleicht nicht die schlechteste Idee, ihn zu ersetzen.

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U.G.A.I. Ich bin kein Roboter

Premiere: 14. Januar 2021

Ein Projekt von Blind Date Collaboration & ANULLA

Blind Date Collaboration: Marie-Christin Rissinger (Regie), Anna Hirschmann (Text, Dramaturgie), Brigitte Schima (Bühne, Lichtdesign), Alisa Beck (Produktion)

ANULLA: Andreas Zißler (Bühne, Videodesign), Klemens Kohlweis (Maschinendesign), Fabian Lanzmaier (Komposition, Soundesign)

In Zusammenarbeit mit: Valerie Ankenbrank (Projektassistenz), Stückliesel (PR) / Gesprochen von: Özge Dayan-Mair, Barbara Gassner, Michaela Klamminger, Anna Rot, Johanna Wolff. Tonaufnahmen: Gustavo Petek

Fotos: Bente Stachowske

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