Theater Münster: "Die Wurzel aus Sein"
27. Januar 2026
Für „Die Wurzel aus Sein“ hat sich der im Libanon geborene Dramatiker und Theatermacher Wajdi Mouawad von seiner eigenen Lebensgeschichte inspirieren lassen. 1978, er war gerade neun Jahre alt, haben er und seine Familie den vom Bürgerkrieg beherrschten Libanon verlassen. Und genau an diesem Punkt setzt er mit seinem ausufernden Stück an. Der neunjährige Talyani Waqar Malik ist im Garten hinter dem Haus in ein Frage-und-Antwort-Spiel mit einem deutlich älteren Mann vertieft, als sein Vater entscheidet, dass es Zeit ist, den Libanon zu verlassen und die Familie in Sicherheit zu bringen. Also schickt er Nabil, Talyanis älteren Bruder, los, Tickets zu besorgen entweder für Rom oder Paris. Er hat Visa für Italien und Frankreich organisiert. Das Flugzeug, das früher abhebt, soll es werden.
Letztlich entscheidet also ein Zufall über das weitere Leben der Familie. Ein Zufall, der zum Ausgangspunkt für fünf verschiedene Erzählungen wird. Wajdi Mouawad verschränkt in seinem Stück fünf mögliche Lebenswege Talyanis. Da gibt es neben dem Talyani, der in Rom zu einem so erfolgreichen wie zynischen Neurochirurgen und Professor geworden ist, noch den Künstler Talyani in Montreal, den Taxifahrer Talyani in Paris, den Mörder Talyani, der in Texas seit über 30 Jahren in der Todeszelle sitzt, und schließlich noch einen Talyani, der nach Beirut zurückgekehrt ist und dort seine eigene Familie gegründet hat. Die einzelnen Erzählungen verlaufen weitgehend parallel, aber kommentieren sich fortwährend. Ausgangpunkt ist jeweils der 4. August 2020, als eine riesige Explosion im Hafen von Beirut zentrale Teile der Stadt zerstört hat. Diese neue Tragödie legt sich ebenso wie die Schatten des Bürgerkriegs über die Leben Talyanis.

"Die Wurzel aus Sein": (v.l.n.r.) Daryna Mavlenko, Franziska Rattay, Maximilian Teschemacher, Julius Janosch Schulte © Hans Jürgen Landes
Mouawads komplexes und zudem noch philosophisch und naturwissenschaftlich aufgeladenes Geflecht von Lebensgeschichten stellt jedes Theater vor eine grundsätzliche Frage. Wie lässt sich ein solches Konstrukt auf der Bühne zum Leben erwecken, ohne dass das Publikum die Übersicht verliert? Der Regisseur Moritz Sostmann hat darauf eine fast schon geniale Antwort gefunden. Er reagiert auf die Komplexität des Stücks mit einer bestechenden Einfachheit. Das beginnt damit, dass er einen eher esoterischen und dramaturgisch etwas wirren Strang des Stücks gestrichen hat.
Die Geschichte um den Pariser Taxisfahrer Talyani, der einer Gruppe junger Öko-Aktivisten hilft, fehlt in seiner Inszenierung. So unterstreicht er das Gewicht der anderen Erzählungen, die allesamt mit typisierten Figuren wie dem Mörder, der sich seine Tat selbst nicht verzeihen kann, oder dem arroganten Halbgott in Weiß, der für seine Mitmenschen nur Verachtung hegt und über seine unerträgliche Anmaßung stolpert, und aus Fernseh- wie Streamingserien bekannten Konflikten arbeiten. Diese holzschnittartigen Figuren lässt Sostmann von Hagen Tilp gebauten etwa 80 Zentimeter großen Puppen verkörpern, deren leicht zerknautschte Gesichter sich als erstaunlich ausdrucksstark erweisen.

"Die Wurzel aus Sein": (v.l.n.r.) Julius Janosch Schulte, Johannes Benecke © Hans Jürgen Landes
Sostmann und seinen drei Puppenspieler*innen, Franziska Rattay, Johannes Benecke und Maximilian Teschemacher, die alle auch klassische Schauspielrollen übernehmen, gelingt es, gerade mittels dieser Puppen Mouawads Charakteren eine Komplexität zu verleihen, die sie gar nicht unbedingt besitzen. Der Chirurg Talyani spielt sich eigentlich nur auf. Er inszeniert sich als eine Art monstre sacré. Allerdings erscheinen seine Provokationen in einem ganz anderen Licht, wenn sie wie hier von einer verhältnismäßig kleinen Puppe ausgehen. Plötzlich wird offensichtlich, was in Mouawads Dialogen nur unterschwellig mitschwingt. Dieser toxische Mann will eigentlich nur seine eigene Verletzlichkeit und seine Verlustängste tarnen. Wie er das geführt von Johannes Benecke versucht, ist zugleich umwerfend komisch und zutiefst tragisch.
Genau dieses schillernde Gleichgewicht von Komik und Tragik wahren Sostmann und sein Ensemble aus Menschen und Puppen in allen Handlungssträngen und sogar in beinahe jeder einzelnen Szene. Das perfekte Zusammenspiel der Puppen mit den menschlichen Darstellerinnen und Darstellern ermöglicht nicht nur schnelle Übergänge von einem Leben Talyanis zum anderen. Es betont zugleich auf eine wundervoll spielerische Weise Mouawads Jonglieren mit den Möglichkeiten und Unmöglichkeiten unserer Existenz. Ohne sich jemals in den (pseudo)philosophischen Fallstricken des Textes zu verheddern, führen einem die Puppen und ihre (Mit-)Spieler*innen vor Augen, wie schmal der Grat zwischen Vorbestimmung und freiem Willen sein kann.
Theater Münster: "Die Wurzel aus Sein"
von Wajdi Mouawad
aus dem Französischen von Uli Menke
Deutsche Erstaufführung
Regie Moritz Sostmann | Bühne & Kostüm Klemens Kühn | Puppenbau Hagen Tilp | Lichtdesign Malte Spitzer | Dramaturgie Victoria Weich | Mit Johannes Benecke, Alaaeldin Dyab, Daryna Mavlenko, Franziska Rattay, Pascal Riedel, Julius Janosch Schulte, Artur Spannagel, Maximilian Teschemacher, Elzemarieke de Vos
Premiere: 23. Januar 2026
Dauer: ca. 3 Stunden inklusive einer Pause