Figurentheater Chemnitz: "Und über uns der große Wagen"
28. August 2025
»Stell dir vor, du erbst eine Garage«, heißt es eingangs. Und in dieser Garage befindet sich ein großer Nachlass, lauter Dinge, über Jahrzehnte angehäuftes Zeug.
Das Figurentheater Chemnitz hat mit dem Hof vom Kulturhaus Arthur eine Miniaturausgabe eines Garagenhofs besetzt (ab Oktober sind die Vorstellungen im Figurentheater im Spinnbau). Hier befindet sich eine Handvoll von insgesamt 30.000 Garagen, die es in und um Chemnitz noch geben soll, und davor als offene Holzkonstruktion der Nachbau einer solchen. Die Garage als unscheinbare Baracke ist in dieser Inszenierung eine Schatzkiste, in der eine erstaunliche Fülle von Material Platz hat. Um die Garage herum stellen die drei Spielerinnen (Claudia Acker, Anna Lehotská, Lina Mareike Wolfram) das Material ins Zentrum.
Dies im wahrsten Sinne des Wortes: Sie schleppen Kisten hin und her, packen aus und ein, sortieren und sortieren neu, stapeln hoch und lösen Stapel auf, betrachten Gegenstände und verwerfen sie, stemmen sich kämpfend gegen das störrische Erbe, tanzen mit hässlich scharrenden Schaufeln, rollen den roten Teppich aus, unter dem sie begraben werden, verstecken sich und die Garage in einer riesigen Stoffhülle oder in Umzugskisten oder in bunten Plasteeimern. Und sie verbergen Szenen immer wieder in Nebel. Der Nebel der Geschichte wabert bereits zu Beginn aus der noch verschlossenen Garagentür. Als sie sich öffnet, werden Geschichten wie Geschichte in einem vielgestaltigen Kaleidoskop preisgegeben, das sich in diesem durchaus kleinen Raum verbirgt – ein von der Welt abgeschotteter Raum, der sich selbst genügen kann, der Text nennt ihn einmal »Hausboot des Ostens«.

"Und über uns der große Wagen": (v.l.n.r.) Claudia Acker, Anna Lehotská, Lina Mareike Wolfram © Nasser Hashemi
Die Garage ist, wie wohl vieles, was mit gehorteten Ersatzteilen, ständigem Geschraube und ölverschmierten Textilien zu tun hat, eher eine Männersache. Die Inszenierung interessiert sich jedoch für die Frauen: Töchter, Enkelinnen, Ehefrauen, Witwen. »Macker haben Redepause« und »Flinta-Power« ist an die Garagentüren im Hintergrund gesprüht. Die drei Frauen auf der Bühne erscheinen in Jeans-Anzügen und Cowboystiefeln in der Optik einsam-schweigsamer Männer, die Musik von Matthias Bernhold am Rand der Bühne – mit Cowboyhut und Sonnenbrille – liefert die entsprechenden, bisweilen spröden, bisweilen melancholischen Klänge. Ebenfalls am Rand der Bühne trägt Julia Brettschneider, die auch Regie führte, gesprochen und gesungen den Text von Peggy Mädler vor, der die anschaulichen Materialbilder der Inszenierung um eine Ebene erweitert. Dem Text zugrunde liegen unter anderem Interviews mit Garagenbesitzerinnen und -besitzern. Diese präzisen Textstücke korrespondieren mit dem Bühnengeschehen, indem auch sie hier und da eine geradezu absurd große Masse an einzelnen Gegenständen auftürmen: Werkzeug, Putzmittel, Geschirr, Klamotten, Vorräte, Möbel. »Wie im Museum« heißt es an einer Stelle.
Dieses Museum wird zum erzählerischen Angelpunkt, von dem aus sich Lebensläufe nachvollziehen lassen, in denen sich Besonderheiten von DDR-Alltag, Wende- und Nachwendezeit ebenso niederschlugen wie Spezifika von Chemnitz. Garagenhöfe entstanden zu DDR-Zeiten oft kollektiv und über jahrelange Freizeitarbeit. Die Garage war erst ein lange gehegter Traum, auf dessen Verwirklichung man mitunter fast so lange warten musste wie auf den Trabi, der darin unterkommen sollte, und wurde dann zum Rückzugsort und Sammelpunkt für Dinge, die man vielleicht noch mal gebrauchen kann – wir hatten ja nüscht. Eine Luke führt auf das Dach und das wird zur Dachterrasse mit Blick in den Sternenhimmel: und über uns der Große Wagen. Der Bogen in die weite Welt.

"Und über uns der große Wagen": (v.l.n.r.) Claudia Acker, Lina Mareike Wolfram, Anna Lehotská © Nasser Hashemi
Stell dir vor, du erbst eine Garage: Das ist weit mehr als die Aufforderung, sich vorzustellen, was denn mit all den einzelnen Garagen geschehen soll, um deren angehäufte Erinnerungen sich wiederum Einzelpersonen zu kümmern haben. Denn eine weitere, größere Veränderung zeigt sich im Mikrokosmos Garagenhof, wo man einander mit Vorbehalten und Misstrauen begegnet – wie in der großen Gemeinschaft jenseits des Garagenhofs auch. Das »Stell dir vor …« berührt die Frage, wie man zusammenleben und gemeinsam einen Staat gestalten möchte. Nicht nur bei dieser Frage zeigt sich, wie gut in dieser Inszenierung Material, Bühnengeschehen und Text ineinandergreifen, um ein stimmiges Ganzes zu bilden: Die Frage blitzt zuerst zart im einsam-entrückten Tanz mit der Discokugel auf, wird im weiteren Verlauf mit der Vertrautheit körperlicher Nähe beantwortet und schließlich – es werde Licht: Bunte Lampenschirme werden aufgehängt, Lichterketten tauchen auf, werden gemeinsam entknotet und quer über den Hof gespannt, dem sie warmes Licht spenden. Eine Menge an Klapptischen – gemeinsam aus der Garage geschleppt – ergibt eine lange Tafel auf dem Hof. Das ist gemütlich und von irgendwo her duftet es nach Essen. Die Gemeinschaft darf zusammenkommen.
Figurentheater Chemnitz: „Und über uns der große Wagen“
Ein Projekt für Chemnitz 2025
Spiel Claudia Acker, Matthias Bernhold, Julia Brettschneider, Anna Lehotská, Lina Mareike Wolfram | Konzept und Regie Julia Brettschneider | Recherche und Textcollage Peggy Mädler | Ausstattung Maria Wolgast | Musik Matthias Bernhold | Dramaturgie Friederike Spindler
Premiere: 23. August 2025
Dauer: ca. 65 Minuten
Alter: ab 15 Jahren
Infos und Spieltermine auf der Website der Theater Chemnitz