Puppentheater Zwickau: "Kannst du pfeifen, Johanna"
8. Juli 2025
Anfang Februar gab Monika Gerboc, Künstlerische Leiterin des Zwickauer Puppentheaters, bekannt, dass sie ihre Position zum Ende der Spielzeit nach neun Jahren Amtszeit verlässt. In einem Radiobeitrag begründet sie ihre Entscheidung mit der Notwendigkeit, nach dem Tod ihres Mannes für ihre Tochter da zu sein. Ihre Nachfolge übernimmt die Schauspielerin und Regisseurin Christine Schmidle.
Ein Besuch im Puppentheater Zwickau zeigt ein sehr lebendiges Haus, das inmitten der Zwickauer Innenstadt agiert. Seit 2016 als Sparte des Theaters Plauen-Zwickau ausgegliedert, wird es nun von Kultour Z. betrieben. Neben dem regulären Spielbetrieb, der Stücke für Kinder jeden Alters bereithält, gibt es Theaterclubs in drei Altersgruppen, Ferienworkshops sowie ein Repertoire an Auswärtskooperationen mit unterschiedlichen Formaten für Erwachsene, wie Esstheater im Zwickauer Brauhaus oder Gruseltheater auf Burg Schönefels. Auch die im Zuge der Corona-Pandemie entwickelten 360° Virtual-Puppetry-Inszenierungen (fidena.de berichtete), deren dritte Produktion „Melusine“ von Georg Trakl aktuell in Planung ist, erfreuen sich großer Beliebtheit und können live an wechselnden Spielorten oder auch per VR-Brille zu Hause erlebt werden.
Neben diesen lebendigen Strukturen und vielfältigen Veranstaltungskonzepten hinterlässt Monika Gerboc einen Schatz an Inszenierungen, die vom Ensemble des Puppentheater Zwickau gespielt werden. Ihre letzte Regiearbeit „Kannst du pfeifen, Johanna“ für Kinder ab 5 Jahren feierte am 22. Juni Premiere. Es ist auch die letzte Inszenierung der Dramaturgin Dominique Suhr, die mit Gerboc das Haus verlässt. Als Vorlage diente das gleichnamige und 1994 preisgekrönte Kinderbuch des schwedischen Kinderbuchautors Ulf Stark, für die Bühne gefasst von Volker Ludwig. Der Untertitel „Großeltern gebraucht!“ macht gleich klar, worum es geht: Berra braucht einen Opa. Am besten so einen, wie sein Freund Ulf ihn hat: Einen tollen Opa, der mit ihm Quatsch macht, Kuchen isst und ihm auch immer mal zwei Euro gibt. Und so machen sich die beiden Grundschulkinder auf die Suche im Altenheim in der neuen Siedlung – hier werden sie doch sicher einen Opa finden.

"Kannst du pfeifen, Johanna": Michal Németh, Olena Hrabina (verdeckt, mittig) und Septimius Simion © André Leischner
Das sehr reduzierte Bühnenbild lässt Raum für die einnehmenden Charaktere der Figuren und die Fantasie der Zuschauer:innen. Vier große schwarze Mülltonnen mit aufgemalten Nummern stellen die Zimmer der Bewohner:innen dar, etwas eng, aber sehr aufgeräumt, ein bisschen witzig, ein bisschen sozialkritisch (Ausstattung: Laura Ĉernáková). Ein Brett auf zwei Wasserkisten wird zum Kantinentisch, überhaupt kommt die Inszenierung mit wenig aus. Das Altenheimpersonal tritt in Form animierter Objekte auf, eine Handtasche mit Zähnen schimpft schnappend als bissige Schwester, ein umgedrehter Wischmopp mit Nase spricht im gestrengen Ton der Hausleiterin.
Während die Kinder durchweg von Michal Németh und Septimius Simion verkörpert werden, erscheint Opa Niels im Gegensatz dazu als lebensgroße Schaumstoffpuppe mit beweglichem Kiefer, einem gütigen Gesicht und zotteligem Haar auf. Fragil bewegt er sich in Bademantel und Hausschlappen, die an den Füßen seiner Spielerin Olena Hrabina befestigt, sehr menschliche Bewegungen ermöglichen. Virtuos wechseln sich die Spieler:innen in der Steuerung des Großvaters ab, mal wird er von Hrabina verdeckt manipuliert, mal tragen die beiden Kinder den Opa selbst zum Kirschbaum, mal bespielen sie die Puppe zu dritt.
Ein wichtiges Element in der Inszenierung der Romanvorlage bilden Toneinspielungen, die beispielsweise die Landschaft zwischen Stadt und Dorf beschreiben, durch die sich die Kinder selbständig bewegen. Hinzukommen musikalische Einlagen, komponiert von Thomas Zaufke. Im Opalied verleiht Berra seiner Sehnsucht nach einem Großvater Ausdruck, das Kinderlied feiert Besonderheiten und Kompetenzen von Kindern, die einfach alles schaffen, „wenn man sie nur lässt“.

"Kannst du pfeifen, Johanna": Michal Németh, Septimius Simion © André Leischner
Zwischen Spiel und Gesang, menschlichen Spieler:innen und Puppen entfaltet sich die Geschichte von Berra, seinem Freund Ulf und seinem Opa. Gemeinsam trinken sie Kaffee, langweilen sich im Altenheim, besuchen den Opa mal öfter, mal weniger häufig und diskutieren über die Bedeutung von (Geld-)Geschenken im großelterlichen Verhältnis. Es ist beeindruckend, wie lebendig und kindgerecht diese sehr besondere Beziehung vorgestellt wird. Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Kindheit und Alter tauchen auf, gemeinsam frönen sie einer gewissen Narrenfreiheit, der Freude beim nächtlichen Kirschenklau tun die gelegentlichen gebrechlichen Tage des Großvaters keinen Abbruch. Der hier auftretenden Harmonie in Moll begegnen die Kinder und auch der Opa mit alles überwindender Leichtigkeit, sodass sich das Schwere im Handumdrehen wieder in Freude verwandelt.
Der sensible Umgang mit dem Komplizierten ist wirklich eine große Kunst der Inszenierung. Als Teil der Gefühls-ZONE Zwickau beschäftigt sich die Arbeit in sehr kluger und künstlerisch beeindruckender Weise mit den Gefühlen von Kindern. Selbst als der Großvater am Ende stirbt, schafft die Inszenierung es, diesen in der Kommunikation mit Kindern oft ausgesparten Teil des Lebens kindgerecht zu verhandeln. Während die Heimleiterin nach Worten ringt und ihre Nase unter der wallenden Mähne verbirgt, finden die Kinder ihre ganz eigenen Umgangsweisen mit dem Sterben. Pfeifend steht Berra an der mit einem weißen Kranz behängten Mülltonne und löst das letzte Versprechen ein, das er seinem Wahlopa gegeben hat. Und dann ertönt die fröhliche Leitmusik – und das Leben geht weiter.
Nach dem Applaus kommen die Spieler:innen recht zügig auf die Bühne, das Licht geht an, am Bühnenrand stehen Regisseurin und Theaterpädadog:innen für die Nachbereitung. Im Rausgehen ist noch zu hören, wie ein Kind zu seiner Freundin sagt: „Das war das geilste Stück ever!“
Puppentheater Zwickau: „Kannst du pfeifen, Johanna“
Großeltern gebraucht!
von Volker Ludwig, nach dem gleichnamigen Kinderbuch von Ulf Stark
Spiel Olena Hrabina, Michal Németh, Septimius Simion | Regie Monika Gerboc | Dramaturgie Dominique Suhr | Ausstattung Laura Ĉernáková | Komponist Thomas Zaufke
Premiere: 22. Juni 2025
Dauer: ca. 60 Minuten
Alter: ab 5 Jahren
Infos und Spieltermine auf der Website vom Puppentheater Zwickau