Die aktuelle Kritik

Traummaschine Inc., Fundus Theater, Hamburg: "Fashion Liesel"

Von Falk Schreiber

Upcycling ist eine gute Sache, macht aber auch viel Arbeit. Arbeit, bei der das Publikum helfen sollte. Die Hamburg-Münchner Gruppe Traummaschine Inc. lässt die Zuschauer*innen in ihrem neuen Kinderstück die nötigen Materialien einfach selbst produzieren.

1. Dezember 2025

So fangen Märchen an. „Es war einmal eine Gruppe von Kindern“, erklingt eine sonore Stimme im Hamburger Fundus Theater, „etwa 47 an der Zahl.“ Moment: Im Saal verteilen sich gerade ziemlich genau 47 Kinder (sowie ein paar Lehrkräfte, es ist Schulvorstellung). Was da erzählt wird, ist kein Weihnachtsmärchen, es ist eine Beschreibung der aktuellen Situation. Und „Fashion Liesel“, die jüngste Arbeit der Hamburg-Münchner Gruppe Traummaschine Inc., erweist sich als kein Theaterstück im engeren Sinne, sondern als Workshop mit theatralen Elementen. Materialtheater, das zu Objekttheater wird, bei dem das junge Publikum (der Besuch wird ab neun Jahren empfohlen) sich das Material und die Objekte eigenständig zusammenbastelt.

Und zwar mittels Stricklieseln. In der Regel versteht man unter dieser eine röhrchenförmige Apparatur, mittels derer Strickfäden aus Garn oder Schmuckdraht hergestellt werden. In „Fashion Liesel“ bekommen die Teilnehmer*innen nicht die originalen, ungefähr fingergroßen Stricklieseln, sondern größere Objekte, armdicke Abflussrohre, mit Haken an den Enden, an denen Garn befestigt werden kann, welches zuvor aus alten T-Shirts zurechtgeschnitten wurde. An denen strickt das junge Publikum also: eifrig, mit fröhlicher Ernsthaftigkeit, die durchaus eindrucksvolle Fäden entstehen lässt.

"Fashion Liesel": Pascal Fuhlbrügge © Janusz Beck

Judith Huber und Charlotte Pfeifer derweil sorgen für den inhaltlichen Überbau. Erzählt wird von einem kleinen Handwerksbetrieb, der Upcycling betreibt: Alte Shirts werden zerteilt und zu Garnfäden verarbeitet, diese sollen auf dem Markt ordentlich „Kröten einbringen“. Was ganz schön viel Arbeit macht, die geringfügig erträglicher aber auch nicht weniger wird, wenn Pascal Fuhlbrügge sie mit sanften Elektro-Rhythmen beschallt (und ansonsten darauf achtet, dass die Arbeitsschutzvorschriften eingehalten werden). Was Gelegenheit gibt, das Publikum in die Garnproduktion einzubinden – wenn da schon Kinder im Raum rumsitzen, können sie auch helfen! Was das Stück recht raffiniert zur persönlichen Angelegenheit der Zuschauer*innen macht. Wenn die eigene Produktivität das Theater in den Hintergrund zu drängen droht, bugsieren Huber und Pfeifer das Bühnengeschehen sanft zurück in die Storyline: dann nämlich taucht ein Wichtel (Christoph Theussl) auf, der fertig gesponnenes Garn im Raum verteilt und so dafür sorgt, dass es weitergehen kann.

Weiter geht es dann auf dem Markt. Da sollen die Strickfäden veräußert werden, wobei das Problem darin besteht, dass gar nicht offensichtlich ist, was sich mit den Dingern eigentlich anfangen lässt. In einer hübsch eingeflochtenen (!) Szene, die als überraschend traditionelles Handpuppentheater gestaltet ist, wird eine Verkaufsverhandlung geschildert: Hubers Aschenliesel betont den zweifellos hohen handwerklichen Wert der angebotenen Fäden, der Käufer (eine Handpuppe aus Strickfäden) sieht nicht ein, weswegen er hierfür viel „Kröten“ ausgeben soll, ein Handel kommt nicht zustande.

"Fashion Liesel": Judith Huber © Janusz Beck

Wenigstens schafft es Pfeifers Goldliesel mit einigen Mühen, einen Vertriebspartner an Land zu ziehen. Problem dabei: Jetzt muss innerhalb kürzester Zeit eine große Menge Strickfäden fertiggestellt werden. Auf Manufakturniveau ist das nicht zu schaffen, also soll auf industrielle Arbeit umgestellt werden. Die Zuschauer*innen sind weiterhin begeistert dabei, Argumente, dass das nicht mehr mit dem Arbeitsschutz vereinbar sei, werden abgebügelt, die Beats entwickeln sich technoider. Auf, auf, Akkordarbeit, die Quote will erfüllt werden.

Und dann kommt, was kommen muss. Goldliesel sticht sich beim Lieseln in den Finger und verblutet, hätte man doch auf den Arbeitsschutz geachtet! Stück vorbei. Vorbei? Das ist nicht, was hier eigentlich erzählt werden sollte, eigentlich hätte es in „Fashion Liesel“ doch darum gehen sollen, „dass es total schön ist, zusammen zu werkeln“, „dass Arbeit einen Wert hat“, „dass es wichtig ist, eine Unfallversicherung zu haben“! Schnell wird der Schluss umgeschrieben, und, wer weiß, womöglich haben es die Macher*innen hier tatsächlich geschafft, mit den Mitteln des Objekt- und Materialtheaters ein wenig Empathie mit der Strickliesel und den fleißig produzierten Garnfäden zu schaffen. Letztere werden jedenfalls mit Stolz und Zuneigung nach Hause getragen.


Traummaschine Inc.: "Fashion Liesel"

Konzept und Umsetzung Traummaschine Inc. Von und mit Pascal Fuhlbrügge, Judith Huber, Charlotte Pfeifer, Christoph Theussl | Ausstattung Katrin Rieber | Grafik Raoul Doré | Künstlerische Produktionsleitung Rat & Tat Kulturbüro | Bühne Markus Lohmann | Musik Pascal Fuhlbrügge | inhaltliche und konzeptionelle Beratung Meine Damen und Herren

Premiere: 27. November 2025, Fundus Theater, Hamburg
Dauer: 70 Minuten, keine Pause
Alter: ab 9 Jahren

www.traummaschineinc.net

www.fundus-theater.de