schoenbrodtkuerschner, Rathaus Markkleeberg: "Krabat stirbt"
18. November 2025
Malmend dreht sich das Mühlrad, unentwegt mahlt die Mühle. Die Mühle malmt. In dieser dunklen Monotonie ereignen sich Episoden des Menschseins. Wie das Mühlrad kreiselt die Drehleier, während Krabat immer wieder auftaucht als Wanderer, der nicht mehr will. Er erlebt und überlebt Episoden, die nicht von Ottfried Preußler stammen oder von Jurij Brězan. Bis das im Mahlstrom fortgerissen-taumelnde Publikum erkennt: Seht, welch ein Mensch!
Zwischen Osterland und Oberlausitz war das Duo schoenbrodtkuerschner, bestehend aus Puppenspieler Moritz Schönbrodt und Musiker Johannes Kürschner, auf der Suche nach Motiven. Sie wollten die Krabat-Sage aus der Lausitz anreichern. Deren Ursprünge sind nicht bekannt, mutmaßlich vereint sie slawische Wandermotive. Auch die Sagen des Osterlands – zwischen Saale und Mulde im Leipziger Raum verortbar – haben slawische Herkünfte. Warum sie nicht miteinander überblenden und zum Pastiche kombinieren über Krabat, den ersten und letzten Menschen? Den Zauberer, der durch die Jahrhunderte geistert? Auf der Recherche haben sie auch Material für die Gestaltung von Bühne und Puppen gesammelt.
Die Bühne ist ein Gestell aus Pfählen und Stangen, zur Premiere aufgebaut im Rathaus Markkleeberg. Dunkel ist der kleine Lindensaal der Stadt südlich von Leipzig, nur kleine Spots finden Einsatz. Bestandteil des Gestells bildet links eine Leiter, die zur Mühle umfunktioniert wurde. Draußen hängt eine Handmühle daran, der Platz zwischen den oberen Sprossen ist zum Innenraum für Handpuppen ausgestaltet. Die Stangen in der Mitte dienen als Bühne für Stabpuppen. Rechts steht Kürschner, der das Pult für Licht- und Toneffekte bedient und die Leier dreht. Mit knarzigen Geräuschen begrüßt er die Platz nehmenden Zuschauenden. Daraus formt sich eine Melodie, zu der die zwei Spielenden Linda Fülle und Schönbrodt in schwarzen Anzügen und mit weiß geschminkten Gesichtern wie Pantomimen wirkend eintreten.

"Krabat stirbt": Moritz Schönbrodt © Anna Hopstock
Krabat und eine namenlose Frau, die die Mühle als Kneipe führt, sind im Innenraum beim Gespräch zu sehen. Diese Szenen spielen scheinbar in der Gegenwart. Krabat will nicht mehr, will sterben, steht aber immer wieder auf. Wird es in der Mühle dunkel, tauchen draußen der Müller und Krabat, manchmal auch die Knechte als Gliederpuppen auf und ganz andere Puppen-Charaktere. Sie spielen mal im leeren Raum, mal an den Stangen. Dann wieder sind dort nur ihre scheinbar aus Wurzeln gefertigten Köpfe fixiert. Aus dem Off kommt Text, die Spielenden sprechen mal Deutsch, mal Sorbisch, dann singen sie, zum Beispiel die Moritat „Das Lied vom erschossenen nahen Freund“. Das ist manchmal schaurig. Das Operieren mit Spots und Taschenlampen im sehr dunklen Raum setzt Akzente, ermüdet aber auf Dauer und zehrt an der Aufmerksamkeit.
Denn ob Soldatenaufzug, die Rettung des Königs oder der Kampf gegen den Müller: Alles wird im gleichen Tempo erzählt und dargestellt. Es geht um Wunden der Landschaft und Tagebaue, um Fremdenfeindlichkeit, Biersorten wie Gose und Pils. Immer wieder tauchen Rabenvögel aus, die aus diesen Mythengegenden nicht wegzudenken sind, genauso wenig wie der Wassergeist Nix. Dann zieht Mutter Tod übers Land.
Jede Szene wird mit Gongschlag und Reizwerten aus dem Skat eingeleitet: „Ohne, zwei, Spiel drei“ oder „Mit vier, Hand ouvert“. Das erhöht den Eindruck des Gleichklangs noch. Das Malmende, dieses Mühlradwälzen, das imaginär den Takt vorgibt und den schleppenden Erzählton setzt, ist eine Stärke, wenn es den mystischen Charakter unterstreicht. Es markiert zugleich die Schwäche, weil es die Spannung aussetzt und ein Spiel mit Timing und Varianzen nicht zulässt. Ein einziger Erzählton berichtet von Menschlich-Allzumenschlichem, das die Spielenden mit Krabat in schönen Bildern verbinden. Frei nach Nietzsches „Ecce homo“, der übrigens auch dem Osterland entsprang:
„Ja, ich weiß, woher ich stamme,
Ungesättigt gleich der Flamme
Glühe und verzehr’ ich mich.
Licht wird alles, was ich fasse,
Kohle alles, was ich lasse,
Flamme bin ich sicherlich.“
schoenbrodtkuerschner: „Krabat stirbt!“
Deutsch-Sorbisches Musiktheater für Stabpuppen und Drehleier
Spiel Linda Fülle, Johannes Kürschner, Moritz Schönbrodt | Stimme Deutsch Hans-Jochen Menzel | Stimme Niedersorbisch Werner Měškank | Stimme Obersorbisch Andreas Larraß | Konzept/Text/Bühne/ Puppen Moritz Schönbrodt | Konzept/Komposition/Bühne/Musik Johannes Kürschner | Dramaturgie Holger Kuhla | Szenische Einrichtung Anna Menzel | Übersetzung Niedersorbisch Maks Baganc | Übersetzung Obersorbisch Werner Měškank | Lektorat Jan Měškank
In Kooperation mit dem Figurentheater Osnabrück
Premiere: 13. November, Kleiner Lindensaal im Rathaus Markkleeberg
Dauer: 75 Min.
Infos und Spieltermine auf der Website von schoenbrodtkuerschner