Theater der Jungen Welt Leipzig: "Ein Glücksding"
25. September 2025
Die Autorin Lena Gorelik zu beauftragen, einen Theatertext für junges Publikum zu schreiben, der den Ukrainekrieg verhandelt, ist ein wahres Glücksding für Theater der Jungen Welt Leipzig. Klug verflicht sie historische und zeitgenössische ukrainisch-jüdische Geschichte(n), indem sie als Protagonisten zwei 14-jährige Jungen wählt, deren Biografien, Charakterzüge und Zeichenbegabung eine Brücke zwischen den Jahren 1941 und 2025 schlagen. Mutig und empathisch inszeniert von Martina van Boxen ist „Ein Glückding“, das die Spielzeit 2025/26 im Bereich Puppentheater unter der neuen Intendantin Miriam Tscholl eröffnet, ein echtes Brett.
Drei Spieler:innen stürmen mit zwei Puppen auf die reduziert gehaltene Bühne, kindergroße anthropomorphe Figuren mit ausdrucksstarken Gesichtern, die mal entschlossen, mal trotzig, mutig und dann wieder eingeschüchtert wirken können. Geführt an Kopf und Extremitäten, springen die Jugendlichen über die zerklüftete Bühne, in deren Mitte ein Graben die Landschaft aus schwarzen Raumelementen in zwei Hälften teilt. Den Hintergrund bildet eine von der Decke hängende Stoffbahn, die aus verschiedenen Kleidungsstücken zusammengenäht ist. Je nach Beleuchtung erscheint sie in kaltem Blau-Grün oder blutigen Rottönen (Ausstattung: Jakob Ripp): Kleidung ist das, was oft nach einem Massaker übrigbleibt. Nicht weniger als diese Frage verhandelt die Inszenierungsarbeit: Was bleibt von der Geschichte, wie wirkt sie fort?

"Ein Glücksding": Sven Tillmann, Clara Fritsche, Luise Audersch © Tom Schulze
Auftakt der Handlung ist die erste Begegnung der beiden Jungen am Bühnengraben. Der reale Ort, auf den hier verwiesen wird, Babyn Jar, verbindet Zeiten und Geschichten. An diesem Ort treffen die Jungen aufeinander, ein witziges Wechselspiel entspinnt sich, es dauert eine Weile, bis die beiden realisieren, dass sie zwar am selben Ort, doch zu unterschiedlichen Zeiten sein müssen – und sind sie nicht auch Puppen? Schließlich klärt sich die Lage: Motja lebte bis 1941 in Kyjiw, Juri lebt 2025 nach seiner Flucht vor dem Krieg in der Ukraine in Kyjiws Partnerstadt Leipzig.
Schon zum Ende der ersten Szene werden die Fakten vorgetragen: Unter dem Vorwand der Evakuierung töteten die deutsche Wehrmacht und die SS am 29. und 30. September 1941 innerhalb von 48 Stunden 33.000 Juden in der Schlucht Babyn Jar in Kyjiw. Auch Motja wird am Ende erschossen. Die Stimmen der Spieler:innen sind klar, ihr Blick ist ins Publikum gerichtet. Das sind die Fakten, der erzählerische Rahmen ist gesetzt.
Basierend auf den Zeitzeugnissen der Puppenspielerin Dina Pronitschewa, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Prozessen über das Massaker von Babyn Jar und den Jungen Motja berichtete, sowie Interviews mit Menschen aus der Ukraine, die heute in Leipzig leben, verschneidet Lena Gorelik die Geschichten und verbindet Fragen nach Vergangenheit und Gegenwart, Krieg und Biografien mit der spezifischen Perspektive von Jugendlichen. Immer wieder wehrt sich Juri gegen die bevormundenden Autoritäten der Erwachsenen, die ihn vor einer Realität schützen wollen, die er doch schon längst kennt. Diese kritische Perspektive zieht sich durch das Stück: Möglicherweise erscheint der Stoff, die Realität zu hart, vielleicht verspürt man den Impuls, die jungen Menschen zu schützen vor dieser Wirklichkeit. Gleichzeitig macht die Produktion sehr deutlich: Eine solche Inszenierung muss sich im Jahr 2025 an ein jugendliches Publikum richten, das (noch) begreifen kann, wie Geschichte fortwirkt, was Krieg, Hass und Gewalt bedeuten. Das ist Erinnerungskultur, die etwas bewirken kann.

"Ein Glücksding": Sven Tillmann, Clara Fritsche © Tom Schulze
Die Erzählung solcher Geschichte(n) gelingt dem künstlerischen Team eindrucksvoll. Mit gewaltiger Energie und körperlichem Elan, einfühlsamem Blick und großer handwerklicher Fertigkeit bespielen Luise Audersch, Clara Fritsche und Sven Tillmann die Figuren und schlüpfen in die Rollen der erwachsenen Gegenüber. Aller Gewalt zum Trotz sprühen die Jungen vor jugendlichem Mut, Energie und Lebenswillen, ihre Gesichter scheinen die ganze Bandbreite von Emotionen abbilden zu können (Puppenbau: Judith Mähler). Hinzu kommt die kluge Form der Inszenierung, die den Erzählstoff fassbar werden lässt: Episodenhaft zwischen den Zeiten und semantisierten Bühnenhälften springend – links Juri 2025, rechts Motja 1941 – verfolgen wir die Geschichten in Teilen, die immer wieder Luft lassen zum Kurzdurchatmen und zwischendurch auch einfach witzig sind, wenn die über 80 Jahre voneinander getrennten Lebensrealitäten der pubertierenden Jungs mit voneinander übernommenen Sätzen verbunden werden und in den überzeitlichen Nerv mit den Erwachsenen überleiten.
Meisterhaft inszeniert van Boxen das Massaker mit objekttheatralen Mitteln: Im Lichtkegel wird ein Haufen weißer Papierknäuel auf dem schwarzen Bühnenelement vorwärts getrieben, dazwischen der weiße Stift Motjas, die weiße Pfeife des Vaters und das weiße Tuch der Mutter, die schließlich in der Masse verschwinden. Eine Spieler:innenstimme beschreibt das Geschehen in nüchternen Worten. Es erklingen Rufe und Schreie. Die Papierknäuel rollen in die Schlucht, um dann reglos liegen zu bleiben. Zuletzt werden sämtliche Objekte mit einer lapidaren Handbewegung in einen Sack gefegt.
Auf meine Frage, ob man das Stück auch ohne Puppe hätte spielen können, antwortet Lena Gorelik mit einem klaren Nein. Sie denkt nach. „Vielleicht hätte ich das Stück dann nicht geschrieben. Oder zumindest anders.“ Ja, man konnte die Jungs auf der Bühne sehen, wie sie leben und überleben und man konnte Motjas Sterben sehen, kaum aushaltbar, aber erzählbar. Eine Puppe kann sterben und zum Epilog am Bühnenrand mit den Beinen baumeln, um mit seinem Freund Juri noch kurz ein paar wichtige Dinge übers Verliebtsein zu klären. Als das Licht ausgeht, erklingt nicht endenwollender Applaus.
Theater der Jungen Welt Leipzig: "Ein Glücksding"
Von Lena Gorelik
Nach Stimmen und Zeitzeugnissen von damals und heute
Spiel Luise Audersch, Clara Fritsche, Sven Tillmann | Regie Martina van Boxen | Ausstattung Jakob Ripp | Puppenbau Judith Mähler | Musik Manuel Loos | Dramaturgie Jörn Kalbitz | Theaterpädagogik Theresa Kawalek
Premiere: 21. September 2025
Dauer: 65 Minuten
Alter: ab 12 Jahren
Infos und Spieltermine auf der Website vom TDJW