Die aktuelle Kritik

Ton und Kirschen Wandertheater, T-Werk Potsdam: "Woyzeck"

Von Katja Kollmann

Das Wandertheater Ton und Kirschen häutet Büchners Klassiker auf den Kern und verhilft ihm zu einem kurzen Moment des Glücks.

31. Oktober 2025

Einen Augenblick lang vergisst dieser Woyzeck sein ganzes miserables irdisches Dasein. Er sitzt neben seiner Marie auf einer einfachen Holzbank und lässt sich sich unterhalten von einem fahrenden Puppentheater. Das glückliche gelöste Lächeln, das Richard Henschel seiner Figur ins Gesicht zaubert, berührt, weil dieser Woyzeck vom ersten Augenblick an emotional bewegt. Dem Wandertheater Ton und Kirschen gelingt ein Coup. Es ist, als hätten sie den Klassiker über den Soldaten auf Erbsendiät, der aus Eifersucht seine Geliebte tötet, welcher landauf landab von unzähligen Theatern aufgeführt wird und dem so ständig neue Schichten an Zu- und Überschreibungen zuwachsen, gehäutet. Dass die Kostüme sich an die Entstehungszeit anlehnen und das simple Bühnenbild nicht mehr braucht als Holzbänke und Vorhänge, hilft bei der Freilegung. Das Graben im Volksliedgut auch. Ausschlaggebend für den starken Eindruck, dass man es hier mit einer Inszenierung zu tun hat, der es gelingt, Büchners Text wie einen unbehandelten Rohling wirken zu lassen - ist vor allem das Spiel von Richard Henschel.

"Woyzeck" © Branka Schwab Rocuant 

Margarete Biereye und David Johnstons Regie ist einfach, direkt, sie stellt die Figuren in den Raum, sich gegenüber und lässt sie, als der Konflikt zwischen Woyzeck, Marie und dem Tambourmajor eskaliert, wie Raubtiere in der Arena aufeinander los. Henschels Woyzeck ist das Epizentrum der Inszenierung, nicht nur, weil Woyzeck die Hauptfigur des Dramas ist, sondern vor allem, weil Henschels Spiel eine Unmittelbarkeit ausstrahlt, die alle Regie vergessen lässt. Es scheint, als wäre Büchners reduzierte Sprache in alle seine Fasern eingedrungen und hätte ihn dort unwiderruflich zum Woyzeck geformt. Büchner war selten so nah. Woyzecks materiell prekäres Dasein, sein niederer Stand, sein daraus resultierendes entwürdigendes Abhängigkeitsverhältnis, gräbt sich in Henschels Körpersprache tief ein. Henschels Körper erzählt Woyzecks ständigen Überlebenskampf und alle von ihm erduldeten Demütigungen jede Spiel-Sekunde mit und gleichzeitig lässt er Woyzeck jeden Augenblick hundert Prozent leben, erleben und durchleben. Mit der ganzen Verletzlichkeit und Einsamkeit, die diesen Woyzeck von Anfang an umgibt.

Biereye und Johnston lassen Büchners Marktschreier-Szene von einer Wandertheatertruppe aufführen und spielen sich quasi selbst. Probt die Truppe doch bevorzugt unter freiem Himmel und fährt dann mit LKW und Requisiten übers Brandenburger Land, wo sie das Bühnenbild auf jeder Wiese schnell auf und wieder abbauen kann. Premieren finden gerne im Potsdamer T-Werk statt. Und da wird die Bühne auf einmal von dem Jahrmarkt besetzt, auf dem Büchner das erste Mal Marie auf den Tambourmajor treffen lässt, mit dem sie später eine Affäre eingeht. Kurz zuvor ermöglicht Ton und Kirschen jedoch Woyzeck einen seltenen glücklichen Augenblick. Sie lassen ihn hier kurz neben seinen Alltag treten - auf diesem für ihn und Marie so schicksalsentscheidenden Jahrmarktsfest.

"Woyzeck" © Branka Schwab Rocuant 

Dort steht nun eine Kasperletheaterbühne aus blau-weiß gestreiftem Stoff, einem etwas abgenutzten Holzrahmen und gelbem Vorhang. Woyzeck setzt sich mit seiner Marie direkt davor auf eine Bank. Während bei Büchner echte Tiere wie Affe und Pferd als Jahrmarkt-Attraktionen auftreten, ist der Affe bei Ton und Kirschen eine etwa 40 Zentimeter große Gliederpuppe, und das Pferd besteht aus einem Kopf und einem Gesäß in den Maßen einer ausgewachsenen Hannoveraner Stute. Büchner lässt in dieser kurzen Szene Woyzecks Lebenswirklichkeit spiegeln. So wirft der Affe in Uniform die Beine zackig nach vorne und Nelson Leon, der ihn führt, spielt simultan den Marktschreier, der kommentiert: „Der Aff ist Soldat, s´ist noch nicht viel, unterste Stuf von menschliche Geschlecht.“

Fürs Publikum witzig, für Woyzeck Genugtuung und Lehrstück in einem ist der Auftritt des astronomischen Pferdes. Dessen riesiger Kopf sprengt fast den Rahmen des Puppentheaters. Ton und Kirschen machen aus dem Pferd, bei Büchner dem Publikum in derselben entwürdigenden Weise vorgeführt wie der Affe, eine Vorbildfigur für lustvollen Widerstand. Amüsiert blickt es ins Publikum und wippt neckisch mit den Ohren. (Spiel: Daisy Wattkiss) Es ist komplett angstfrei und verweigert sich lustvoll jeglicher Erwartungshaltung. Das ist der Moment, der Woyzecks selbstvergessenes Lächeln hervorruft. Als das Pferd „den Herren sagen soll, wie viel Uhr es ist“, zieht es den Kopf aus dem Kasperletheater und schiebt Sekunden später seinen Hintern auf dessen Bühne. Das Pferd scheißt buchstäblich auf Erwartungen und Publikum. Was sich knallhart auf der Bühne materialisiert. Woyzeck lacht befreit. Das Schicksal aber nimmt seinen Lauf.


Ton und Kirschen Wandertheater: "Woyzeck"

Inszenierung Margarete Biereye, David Johnston | In Zusammenarbeit mit Margarete Biereye, Julie Biereye, David Garlick, Richard Henschel, David Johnston, Nelson Leon, Zina Meziat, Daisy Watkiss | Dramaturgie Margarete Biereye | Bühnenbild und Licht Daisy Watkiss | Puppen Nelson Leon, Daisy Watkiss             

Premiere: 23. Oktober 2025, T-Werk Potsdam
Dauer: 90 Minuten

Infos und Spieltermine auf der Website von Ton und Kirschen