Wilde & Vogel, Florian Feisel & Genossen, Westflügel Leipzig: "Farm der Tiere"
8. September 2025
„Beasts of England! Beasts of Ireland! / Beasts of land and sea and skies! / Hear the hoofbeats of tomorrow! / See the golden future rise!“ Leise setzt die Querflöte ein, später folgt ein Banjo. Erst singt ein Tier zurückhaltend, schließlich stimmen Schweine, Pferde und alle anderen tierischen Farmbewohner ein. Bass, Gitarre und Schlagwerk kommen hinzu. In epische Höhen gipfelt die vielstimmige Selbstvergewisserung der Nichtmenschen, die Farmgeschäfte selbst in die Hand zu nehmen. Musik ist neben dem Text das verbindende Element dieser gigantischen Koproduktion mehrerer Figurentheatergrößen, die im Netzwerk mit dem FITZ Stuttgart, T-Werk Potsdam und Westflügel Leipzig entstand. Die Premiere fand an letzterem statt.
Die Geschichte ist bekannt. „Alle Tiere sind gleich, aber manche sind gleicher.“ Nachdem sie den Farmer vom Hof gejagt haben, wollen die tierischen Bewohner diesen als Gemeinschaft bewirtschaften. Der Ausbeutung sagen sie den Kampf an. Schnell entwickelt sich ihr Traum von einer besseren Zukunft zum Alptraum. Eine Elite übernimmt, unterdrückt die anderen brutal, mordet sogar. Die Utopie zerrinnt, Schweine sind auch nur Menschen, lautet die Botschaft. Was der Autor George Orwell einst anhand historischer Ereignisse vor allem in der Sowjetunion entwarf, ist längst literarischer Kanon geworden. Und oft auch Bühnenstoff. Der bedarf – von einer Trump-Anspielung abgesehen – keiner Aktualisierung, sind sich die Künstler:innen sicher. Sie vertrauen auf Musik- und Textvortrag. Masken, Figuren- und Materialeinsatz ordnen sich dem Ansatz unter.

"Farm der Tiere": Ensemble © Dana Ersing
Die Kritik am Kollektiv kommt hier als Version eines Figurentheaterkollektivs. Schon das klingt vielversprechend. Immerhin sind die Figurentheater Wilde & Vogel und Lehmann & Wenzel sowie Florian Feisel, Mechtild Nienaber und Alexandra Gosławska beteiligt. Livemusik – komponiert von Stefan Wenzel, Charlotte Wilde und Aline Patschke – steuern die drei zusammen mit Johannes Frisch und Philipp Scholz bei. Unter der Regie von Michael Vogel entstand in gemeinsamer Arbeit, im Improvisieren und Ausprobieren, wahrlich ein Marathon. Der orientiert sich an Orwells Einzelkapiteln, die stark gekürzt jeweils vorgelesen werden. Kleine Spielszenen dienen vor allem zu dessen Illustration. Immer wieder gipfelt das in Gesangseinlagen, für die Orwells getextete Hymnen zu Liedern komponiert wurden. Melodien, die an Traditionals erinnern, treffen auf Bluesiges, Jazz und Cancan-Musik. Das reißt mit, Lust und Verve der neunköpfigen Gruppe stecken an.
Ein aus zwei Eventbühnenelementen gebauter Tisch bildet die mittlere Spielfläche. Hier sitzt Mechtild Nienaber (zum ersten Mal in ihrem Leben als Puppenbauerin auf einer Bühne) und montiert an einer Nähmaschine Hühner und Hunde aus Stoff, die dann und wann animiert werden. Im Hintergrund stehen Schlagzeug, Xylophon und weitere Instrumentenstationen. Auch die Fläche neben und vorm Tisch wird einbezogen. Vor allem mit Maskenteilen verkörpern die Spielenden diverse Tiere. Für ein Pferd reicht eine eingeklammerte Mähnen-Strähne, später kommt ein Pferdehuf hinzu. Ein Schwein wird durch einen am Kopf getragenen Papp-Ringelschwanz angedeutet, ein zweites durch eine Schweinenase, ein drittes durch eine Gesichtsmaske. Ein Rabe wird als Gliederpuppe von drei Spielenden geführt. Sie geben den Chorus, während er – mit der Stimme eines Vierten – zum Bluessänger wird. Sie gruppieren sich dabei als Ensemble von Köpfen um die Puppe, vier darum an Stangen aufgefächerte Schafmasken verleihen der Szene den Eindruck einer Revueeinlage, wie man sie aus Musikfilmen kennt. Solche reizvollen Bilder gelingen dem Team mehrfach.

"Farm der Tiere": Ensemble © Dana Ersing
Seile formen eine Pferdesilhouette wie ein Sternbild , der Vierbeiner tritt auch als Fadenmarionette auf. Eine blecherne Windmühle und ein vibrierendes Modellhaus ermöglichen einen Zoomblick auf die Minifarm. Ein elektrisch betriebenes Rad mit Pleuelstange rotiert vorn am Tisch und zeigt den Produktionsfortschritt an; daran baumelt eine beschriftete Papiertüte: „Für eine bessere Zukunft“. Zwei Explosionen und Projektionen ergänzen das Konglomerat der Ausdrucksmittel. Gesichter werden zu Grimassen, Spielerkörper sind deformiert zu sehen. Nichts davon ist Selbstzweck, ordnet sich dem musikalisch getriebenen Spektakel unter. Das trägt die meiste Zeit, nur nach der Pause fehlt zunächst etwas Drive. Zeit für Fragen bleibt dabei nicht. Keine Lücken entstehen in den Köpfen des Publikums während des illustrativen Vortrags. Der entzückt als laut-energetischer und ja: bizarrer Rundumschlag mit wenig Zwischentönen. Dessen Strom reißt mit, bis das Bühnengeschehen der geschundenen Leiber unterm blutroten Vorhangstoff erstickt. Der Traum ist aus.
Einmal zeigt sich doch die Kraft des Figurentheaters in Gänze: Hundewelpen aus Plüsch werden mit großer Kunst derart lebensecht animiert, dass man es kaum glauben kann. Sie kempeln miteinander, wuseln über Spielendenkörper, schlecken Hände und wackeln mit den Stummelschwänzen. Eine Freude, da zuzuschauen. Kurz danach wird ein Welpe vom großen Diktator hingerichtet und ausgeweidet: Als ihm das Füllmaterial aus dem Bauch gerissen wird und zu Boden fällt, wird es totenstill im Publikum.
Wilde & Vogel, Florian Feisel & Genossen, Westflügel Leipzig: "Farm der Tiere"
Ein Musical in zehn Kapiteln nach George Orwell
Regie, Bühne, Figuren Michael Vogel | Spiel, Figuren Mechtild Nienaber | Spiel, Figuren Samira Wenzel | Spiel Florian Feisel, Alexandra Gosławska | Spiel, Komposition, Live-Musik Stefan Wenzel | Komposition, Live-Musik Charlotte Wilde, Aline Patschke | Live-Musik, Improvisation Johannes Frisch, Philipp Scholz | Dramaturgie Janne Weirup | Metallbau Christian Schmit | Cancan-Choreografie Therese Banzhaf | Ausstattung-Assistenz Jette Emuth, Judith Eckhardt
in Koproduktion mit FITZ Stuttgart, T-Werk Potsdam
Premiere: 6. September 2025, Westflügel Leipzig
Dauer: 150 Minuten, eine Pause
Infos und Spieltermine auf der Website vom Westflügel Leipzig