Die aktuelle Kritik

Winnie Luzie Burz, Freiburg: "Reborn"

Von Jutta Krauß

Im neuen Stück von Winnie Luzie Burz geht es trotz lebensecht aussehender Rebornpuppen nicht um Babys, sondern vielmehr um Übergänge zwischen Realitäten und Hyperrealitäten sowie um die Verknüpfung von Alltäglichkeiten und Ästhetisierungen.

12. Dezember 2025

Nichts ist real, auch wenn alles klar erkennbar ist. Zu Beginn steht die Performerin Winnie Luzie Burz mit gespreizten Beinen und einem immer größer werdenden weißen Hüpfball, den sie vor ihrem Bauch hält, mittig auf der Bühne. Der weiße Ball wird zum Kristallisationspunkt, an dem sich entscheidet, zu welchen gedanklichen Gebilden sich die Gegenstände verdichten lassen. Das Kopftuch, das Burz dazu trägt, ruft Anklänge an ländliche Gegenden hervor und steht im krassen Gegensatz zu den Glitzer-High-Heel-Boots, die unter einem transparenten Rock zu sehen sind. Dazu surrt die Ballpumpe und der synthetische Sound von Johannes Treß. Schließlich bringt der prall gefüllte Ball das Posing zum Platzen und es folgt ein Bouncing: Burz sitzt auf dem Ball und springt darauf immer höher und höher. Irgendwann hält sie ein rohes Ei in der Hand. Spätestens jetzt kristallisieren sich aus den zuvor erzeugten Bildlichkeiten neue bewegende Perspektiven heraus: Der stetig anwachsende Ball wird zum Schwangerschaftsbauch und das im Sprung gehaltene Ei zum Eisprung, doch deren Eigensinn verweist auf mehr, nämlich auf hybride Realitäten. 

"Reborn": Winnie Luzie Burz © Jennifer Rohrbacher

In der Performance „Reborn“ geht es darum, wer auf wen verweist, wer mit wem zusammen ist und wann Zeitlichkeiten zusammen- oder auseinanderfallen. Denn die Rebornpuppen verweisen auf die Ästhetisierung des Alltäglichen und auf Gemeinschaften, die analog und digital entstehen. Den Zuschauenden im Freiburger Südufer werden Blickrichtungen freigestellt: Sie können direkt das Bühnengeschehen beobachten oder auf ihren Smartphones die auf der Bühne erzeugten Ereignisse streamen. Dabei kommt es permanent zu Aushandlungsprozessen zwischen banalen Handlungen im Alltag und technologisch erweiterten Aussagen. So kümmert sich Burz nicht um die auf einem Wickeltisch liegende Rebornpuppe, die täuschend real wirkt, sondern um ihre Haare, die sie in dem scheinbaren Tutorial immer wieder anders frisiert. Dabei durchdringen sich banale Tätigkeiten mit einem stilisierten Tun, dessen Ziel das allzeitlich filmreife Agieren ist. Burz bildet Social-Media-Realitäten nicht nur ab, sondern überformt sie mit viel Witz und Esprit. Auf der Bühne und in Reels schichtet sie Praktiken des Alltags mit Praktiken eines Diskurses ineinander: Während sie sich vor laufender Handykamera und real anwesenden Zuschauer*innen einen Make-up Look schminkt, lotet sie nicht nur Schichten des Make-ups aus, sondern befragt Ebenen der (Gleich-)Zeitlichkeit. In einem rasend schnellen Monolog dient die Make-up Grundierung als Bezugsrahmen, um über temporale Erfahrungen in einer komplex verdichteten Sprache nachzudenken. Ihr Chat-Reel-Sprech wird zum ausgeklügelten Diskurs über Alltäglichkeiten, Ästhetiken und Algorithmen. Belanglose Aussagen zu Glitzer und Schimmer überlappen sich mit bedeutungsschwangeren Statements. Burz übernimmt Haltungen und Ästhetisierungen eines digitalen Alltags, die keinen linearen Argumentationsketten folgen, sondern Erfahrungen von Zeit performen und befragen. Das ist alles voller Witz, doch stets ohne Hohn. So entsteht im Kontext von digitaler Technologie fantastische Kunst.

"Reborn": Winnie Luzie Burz © Jennifer Rohrbacher

Die Performance spielt permanent mit Präsenzen zwischen Stream und Stage. Dabei ist Burz kein Cyborg, vielmehr mischt sie Erwartungshaltungen der Zuschauer*innen mit schockigen Szenen: so beugt sie sich über einen Kinderwagen, um mit hoher Stimme das scheinbar darin liegende Baby nach seinem Hunger zu fragen, holt dann jedoch statt der Rebornpuppe einen Teller Süßigkeiten hervor, die sie schmatzend vor laufender Kamera und Anwesenden isst. Die Palette der Geräusche, welche Burz dabei erzeugt, ist unermesslich groß. Während der Performance stellt sie auf der Bühne nicht nur Make-up Tutorials und Reels um Rebornpuppen-Aktionen her, sondern – unterstützt von Johannes Treß – auch viel Sound und Stimme in einem enormen Umfang und in eigentümlichen Lagen. Sie stimmt mit den Zuschauer*innen ein Gute-Nacht-Lied an, erhebt ihre Stimme im Kinderwagen liegend und verwandelt sie schmatzend in einen Klangkörper. 

Immer wieder bindet sich Burz einen anderen Kragen um, markiert so das portraithafte der Reels, obwohl ihr gesamter Körper auf der Bühne zu sehen ist. Dieses selbständige Stück Kostüm ist weniger Dekor als mehr Dekonstruktion: Sie zerteilt damit optisch nicht nur ihren Körper, sondern zersetzt Zuschreibungen über Weiblichkeiten als auch über das Zugegensein. Somit wird das Kostüm zur Reflexionsfläche von Wahrnehmungsweisen. Mit dem Kragen wird das Gesicht fokussiert, werden fantasievolle Weiblichkeiten erzeugt, um gleichzeitig Gegenwärtigkeiten auszuloten und um Alltäglichkeiten zu ästhetisieren. „Reborn“ verweist auf das wiederholte Zurückspiegeln des Alltäglichen und gebiert längst nicht mehr nur futuristische Ästhetiken in digitalen Tools. „Reborn“ lässt in einer wirklich realen Performance Scharfsinn aufblitzen.


Winnie Luzie Burz: „Reborn

Performance Winnie Luzie Burz Sound Johannes Treß Support Laura Oppenhäuser

Premiere: 27. November 2025, Südufer Freiburg
Dauer: 60 Minuten

www.winnieluzieburz.de